""Man darf die eigene Zukunft nicht abschreiben.""
Ozan Gökay über seinen Lebensweg
Tübingen - Das alte Foto sagt viel über Ozan Gökay. Es liegt auf dem Glastisch in seiner kleinen Stube, die spiegelbildartig den Lebensstandard des Mieters reflektiert. Hier wohnt die Bescheidenheit. Ein Bett, ein Stuhl, ein Schrank. Das alte Foto zeigt einen Jungen im hellblauen Trainingsanzug, der mit leeren Augen in ein Zimmer voll untergegangener Vergangenheit blickt. Neben ihm steht auf der silbernen Stereoanlage von Telefunken ein Strauß rosa Plastiknelken. Im Regal ein Porzellanschwan, an der Wand ein Thermometer der Volksbank, am Boden eine Schallplatte von Gülden Karaböcek.
Fatma hat die Musik der türkischen Schlagersängerin geliebt. Vielleicht haben sie deshalb lange alles so gelassen, wie es war in der kleinen Wohnung in Wannweil bei Tübingen. Als sie damals in den Urlaub nach Antakya aufbrachen, hatten sie die Schallplatte nicht aufgeräumt. Nach den Ferien lag sie immer noch da, und doch war plötzlich nichts mehr wie früher, ohne Fatma, die Mutter, die sie zurücklassen mussten in der Erde ihrer Väter.
Ozan Gökay hat Pfefferminztee gekocht. Vertrauensvoll linsen dunkle Augen aus einem unrasierten Gesicht. Er macht eine lange Pause, bevor er auf eine Geschichte zu sprechen kommt, die er seit 21 Jahren mit sich herumträgt. Damals kam es ihm vor, als ginge ein Komet am Ufer des Nahr al-Asi nieder, in der Heimat seiner Vorfahren. Am 5. August 1988 schlug er ein. An jenem Tag, der keine Vorboten schickte, wurde Ozan Gökay in der Türkei zum Vollwaisen.
Nichts mehr blieb als Trauer
Manchmal ist es, als wäre der Komet noch immer unterwegs. So wie jetzt, als Ozan Gökay vor seinem Tee sitzt und über den Jungen von damals spricht, über einen, der keine Chance hatte, dem von einem Tag zum anderen nichts mehr blieb als Trauer, die sich nährte an der Wut auf den Platz, der Menschen mit solchen Lebensläufen zugewiesen wird. Der Platz ganz unten.
Am Anfang steht die Hoffnung. Ozan Gökay wird 1978 als Sohn türkischer Gastarbeiter in Bayern geboren. Als er sechs Monate alt ist, flüchtet der Vater vor den Problemen des Einwanderers zurück in die Türkei. Mutter Fatma bleibt. Sie versucht, ihre drei Kinder alleine satt zu kriegen und schickt auch noch Geld nach Hause. Als Ozan zwei Jahre alt ist, ziehen sie nach Wannweil, weil es dort Arbeit in einer Spinnerei gibt. Nach der Schicht klebt die Mutter mit ihren Kindern feine Wollproben auf Kartons. Es sind Muster für die Vertreter und sie bringen ein wenig Geld in die Kasse. Der abgetauchte Vater zahlt nichts für den Unterhalt.
Ozan und seine Geschwister Sadiye und Murat sind im Haushalt gefordert. Einkaufen, kochen, spülen. Sie haben niemanden, der ihnen hilft, auch nicht bei den Hausaufgaben. Ozan besucht die Hauptschule. Er ist ein Außenseiter, nicht nur, weil er in abgetragenen Kleidern der älteren Schwester steckt, während sich andere in seiner Klasse in Markenklamotten hüllen. Seine Leistungen verdienen das Prädikat mäßig. Er bringt öfter Fünfen nach Hause. Fatma wird alle zwei Monate vom Rektor einbestellt, weil ihr Sohn über die Stränge schlägt. Mit zwei türkischen Freunden fällt er in der Klasse unangenehm auf. Die Mutter redet verzweifelt auf ihren Jüngsten ein. "Bildung", sagt sie, "das ist in Deutschland der Schlüssel zu einem besseren Leben." Ozan will davon nichts wissen.
Verhüllte Frauen klagen und weinen
Als er neun Jahre alt ist und die Sommerferien anstehen, fährt die Familie mit dem klapprigen Mercedes 280 SE von Wannweil nach Antakya zu den Großeltern. An einem heißen Tag im August plant Fatma einen Ausflug nach Izmir. Sadiye und Murat fahren mit ihr. Ozan will bei einem Freund bleiben. "Gib mir einen Kuss", sagt die Mutter , bevor sie in den Wagen steigt.
Als der Junge am Abend vom Spielen kommt, sieht er verhüllte Frauen, die klagen und weinen. Ein Lastwagenfahrer hat dem Mercedes die Vorfahrt genommen. Seine Mutter ist schwer verletzt. Sie stirbt wenig später an den Folgen des Unfalls.
Für Ozan stürzt der Himmel ein. Nach der Beerdigung kehrt er mit seinen Geschwistern nach Deutschland zurück. Sadiye ist 18, Murat 16. Beide sind zu jung, als dass sie sich um den Bruder kümmern könnten. Das Jugendamt wird tätig. Die Kinder sollen getrennt werden. Eine Deutsche mit dem Herz am rechten Fleck schaltet sich ein. Sie übernimmt mit ihrem Mann die Vormundschaft für Ozan. Er darf in der vertrauten Wohnung bleiben.
Ozan Gökay leidet still
Sie leben von Kindergeld, Waisenrente und Lehrlingsgehalt der älteren Geschwister. Es reicht oft kaum fürs Nötigste. Ozan Gökay leidet still. Er will sich nicht abfinden mit dem Platz, auf den alles zuläuft. Immer wieder denkt er an die Worte seiner Mutter. Sie haben plötzlich einen anderen Klang. Ozans Ohnmacht verwandelt sich in Rebellion. Er beginnt, die Schulbücher genauer zu lesen. In den Pausen betet er, dass der Unterricht schnell wieder beginnt, damit keiner sieht, dass er nichts zu essen hat.
Bald schreibt er bessere Noten. Dafür loben ihn die Lehrer. Das tut sonst keiner. Der Halbwüchsige wird süchtig nach Lob. Das wirkt sich aus. Ozan Gökay beendet die Hauptschule mit der Note 1,8. Es ist die erste Etappe. Danach schließt er eine zweijährige Berufsfachschule an und wechselt aufs Wirtschaftsgymnasium. Vier Monate vor dem Abitur kommt es zum Streit mit dem älteren Bruder, der eine Frau mit ins Haus gebracht hat. Ozan Gökay zieht aus, übernachtet im Auto, isst manchmal den ganzen Tag fast nichts. Er findet ein billiges Zimmer und einen Job in der Fabrik. Die Prophezeihung scheint sich zu vollziehen. Einmal unten, immer unten.
Acht Monate später kehrt die Wut zurück, die Wut des Verlierers. Der türkische Hilfsarbeiter wechselt zurück auf die Schule, abends jobbt er im Supermarkt. Ozan Gökay schafft das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,3. Er ist der Beste seines Jahrgangs. Während seine beiden Freunde, mit denen er auf der Hauptschule aufgefallen war, beim Arbeitsamt Formulare unterschreiben, wird er zum Selfmademan. Er will opponieren gegen die obwaltenden Umstände. Er will sich selbst beweisen, "dass man beinahe alles erreichen kann, wenn man sich anstrengt".
Er setzt seinen Kopf durch
Ozan Gökay beginnt ein Studium, angewandte Chemie mit Produktmarketing und Projektmanagement. Keiner in seiner Familie hat je eine Universität besucht. Im dritten Semester läuft ihm im Zug von Stuttgart nach Tübingen die Liebe über den Weg. Er ist hingerissen von der Studentin. Ihre gemeinsame Zeit ist endlich. Die Studentin hat Leukämie. Als sie spürt, dass es zu Ende geht, bitte sie ihn, nicht mehr zu kommen. Es ist das zweite Mal, dass die Erde unter seinen Füßen bebt. Er stürzt ab. Ozan Gökay fehlt die Kraft, um ein weiteres Mal aufzustehen. "Aus mir wird nichts mehr", denkt er und fliegt in die Türkei. Am Grab seiner Mutter findet er Ruhe. Einige Wochen später kehrt er zurück, versöhnt sich mit dem Bruder und wechselt auf eine andere Hochschule. Nebenbei jobbt er als Dressman im Modehaus und verdient ein bisschen Geld mit türkischer Musik, die er selbst komponiert. Ozan Gökay setzt seinen Kopf durch. Sein Studium als Chemieingenieur schließt er mit der Note 1,8 ab.
Es ist nicht das Ende der rastlosen Wanderung von unten nach oben. In Tübingen lernt er Klaus Albert kennen, der das Institut für Organische Chemie leitet. Der renommierte Professor nimmt ihn als Doktorand auf. Der Türke, der von der Hauptschule kam, untersucht seitdem Prostatakrebszellen und krankheitserregende Keime. Manchmal arbeitet er dafür Nächte durch.
Ozan Gökay nippt an seinem Pfefferminztee. "Man darf die eigene Zukunft nicht abschreiben", sagt er. Mit seiner Geschichte ist er in der Gegenwart angekommen. Sie ist rosig. Wenn alles gut läuft, darf er sich im März Doktor rer. nat. Gökay nennen. Solche Leute sind gesucht. Er möchte in die Forschung gehen oder als Dozent an der Universität arbeiten.
Das alte Foto liegt neben der Tasse und schweigt. Den Jungen von damals gibt es nicht mehr. "Meine Mutter würde jetzt vielleicht ein bisschen mit mir angeben", sagt Ozan Gökay. Im nächsten Jahr will er nach Antakya fliegen und sie besuchen.