Sexismus-Debatte Jetzt gibt’s sogar Probleme mit Hühnerbrust

Matthias Hohnecker, 09.02.2013 15:54 Uhr

Stuttgart - Ich bin der neue Mann. Ich putze, koche, wasche, kaufe ein, bügle, habe die Kinder gewickelt, Erbrochenes aufgewischt, mich beim Kinderarzt mit allerlei Kinderkrankheiten angesteckt, im Kindergarten freiwillig Holznikoläuse laubgesägt – ich unterstütze meine selbstständige Frau also, wo und wie ich kann. Kurzum: ich  bin vom traditionellen Männerbild so emanzipiert, wie der Papst katholisch ist. Und trotzdem bin ich ein Schwein. Weil ich – neu oder nicht – ein Mann bin, also ein Sexist. Wie damals, als wir alle ein bisschen Bluna waren, sind wir Männer jetzt ­alle ein bisschen Brüderle. Vor allem im Selbstbild. Man kann sich im Umgang mit Frauen noch so höflich und korrekt sehen – seit Brüderle wird man diese latente Selbstbezichtigung nicht mehr los. Bin ich ein Schwein! Eine Frage mit Ausrufezeichen.

Szene 1, beim Optiker. Man sitzt auf einem Stuhl, die Optikerin steht vor einem und passt die Brille an. „Schauen Sie bitte geradeaus“, sagt sie, und man schaut geradeaus – genau auf ihre Brust in zehn Zentimeter Entfernung. Vor Brüderle war das nur ein Blick auf eine Brust. Nach Brüderle fragt man sich: Wie notgeil ist das denn?

Hühnerbrüstchen? Ein Herrenwitz!

Szene 2, beim Metzger. Man steht an der Fleischtheke und fragt die Fleischereifachverkäuferin: „Haben Sie Hühnerbrüstchen?“ Vor Brüderle war das eine normale Fleischthekenfrage, nach Brüderle will man am liebsten Vegetarier werden.

Bei fast allem, was man tut, fühlt man sich neuerdings unterschwellig ertappt. Grundlos, denn die Debatte über die Äußerungen dieses FDPlers ist selbst eher Treppen- als Herrenwitz. Als neuer Mann fragt man sich: Gibt es noch irgendwas zwischen Brüderle und Prüderle?

Der Autor: Matthias Hohnecker ist Redakteur im Ressort Sport.