Sexismus Reden wir darüber!

Julia Schröder, 09.02.2013 12:03 Uhr

Stuttgart - Vergessen wir mal den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle und sein vormodernes Weltbild. Vergessen wir auch den „Stern“ mit all den halbnackten Frauen auf seinen Titelbildern. Womit wir uns weiterhin beschäftigen sollten, ist das Thema, das die beiden – Ironie der Geschichte – aus der feministischen Diskursroutine mitten in den Mainstream der Diskussion geschubst haben: den ganz alltäglichen Sexismus.

Erst war das Netz voll davon, dann Zeitungsseiten und Fernsehtalkshows. Und dass der Begriff Sexismus und alles, was damit zusammenhängt, mitnichten so abgestanden, abtörnend und abgevespert ist, wie manche Kommentatorinnen und Kolumnisten schreiben, zeigt sich allein daran, dass „Bild“-Wagner sich draufstürzte, dass TV-Satire und Radiocomedy sich unverdrossen drin herumsuhlen. Was den medialen Herrenwitz-Komplex so ausdauernd inspiriert, kann nicht erledigt sein.

Apropos Herrenwitz beziehungsweise „Altherrenwitz“ (über Altersdiskriminierung sollten wir auch einmal reden) – in wenigen Worten viel gesagt hat der Journalist Richard Gutjahr, der in seinem Blog gutjahr.biz schreibt: „Altherrenwitze sind Zoten, die nicht wirklich lustig sind, bei denen sich aber alle Anwesenden gezwungen sehen, mitlachen zu müssen, weil derjenige, der den Witz reißt, die Rechnung zahlt.“ Ergänze „ . . . oder das Sagen hat“, und die Beschreibung des sexistischen Aktes ist komplett. Sexismus hat mit Unfreiheit und Zwang zu tun, mit Machtgefälle, aber auch mit klammheimlichem Einverständnis, Mitlachen, Mitmachen.

All das dumme Zeug, von dem wir dachten, es habe sich erledigt

Abertausend Frauen und viele Männer haben sich in den vergangenen zwei Wochen als Betroffene oder als Beobachter oder beides zu Wort gemeldet. Zu lesen und zu hören gab es in deprimierender Fülle Berichte von massiven Übergriffen, Grapscherei, An-die-Wand-Drücken und anderen Varianten sexueller Belästigung und Nötigung bis hin zur Vergewaltigung. Mindestens so deprimierend ist aber das dumme Zeug, das da hochgekommen ist, von dem man doch gehofft hat, es sei nach hundertfünfzig Jahren Frauenbewegung, nach all den Dis­kussionen, Protesten, Gleichstellungsrichtlinien, Frauenförderprogrammen überwunden, spiele keine Rolle mehr oder erledige sich demnächst biologisch: die Sprüche übers Aussehen, das demonstrative Niedergeschmunzel, die Ausgrenzungsstrategien, wenn zumal jüngere Frauen in das eindringen, was Männer für ihre Reviere halten.