Sexualität Liebe ohne Hindernis

Ariana Zustra, 22.02.2013 16:12 Uhr

Stuttgart - Die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung wird viel diskutiert, das Thema Sexualität dabei aber meist ausgeklammert. In den Medien ist Erotik dauerpräsent, in jeder Limo-Werbung prickelt es vor lasziver Spannung, alle Welt ist in Flirtlaune und strotz vor Sinneslust. Doch Berührungspunkte zwischen Menschen mit und ohne Behinderung – wie sie der Oscar-nominierte Hollywoodfilm „The Sessions“ mit Helen Hunt jetzt beleuchtet – gibt es selten. Zwei Rollstuhlfahrer aus Stuttgart erzählen von ihrer Suche nach Nähe und sexueller Erfüllung.

Carmen Kohr tanzte allein in einer Disco in ihrem Rollstuhl, als der junge Mann sie ansprach. „Es ist toll, wie du das machst“, sagte er. Sie unterhielten sich, tauschten Telefonnummern aus, telefonierten ein paar Tage später, trafen und verliebten sich. Die Beziehung hielt fünf Jahre.

In der Wohnung von Carmen Kohr hängt ein Porträt, das ein Straßenkünstler vor ein paar Jahren von ihr zeichnete. Die schlichten Kohlestriche fangen ihren klaren Blick ein. Die Regale sind voll mit Büchern, neben der Musikanlage liegen Hörbücher der „Drei Fragezeichen“. Die 38-Jährige arbeitet als Erzieherin in einer Stuttgarter Kindertagesstätte. Sie wurde mit offenem Rücken geboren – Spina bifida im Fachjargon – und ist ab der Lendenwirbelsäule querschnittsgelähmt.

„Wir führten eine ganz normale Beziehung und haben alles gemacht, was andere auch machen“, sagt sie über die Zeit mit ihrem damaligen Freund. Bei ihm gab es keine Berührungsängste. Seine Mutter leitete eine Behindertengruppe und nahm ihn als Kind manchmal zu den Treffen mit. Später studierte er Sozialpädagogik. Wer den Umgang mit behinderten Menschen schon früh als selbstverständlich erlebt, sei später offener für eine Liebesbeziehung, meint Kohr.

Teenager-Schwärmereien blieben immer einseitig

Als Teenager verguckte sie sich manchmal in Zivildienstleistende, die in ihrer Schule beschäftigt waren, schrieb ihnen Liebesbriefe. Die Schwärmerei blieb einseitig. Nicht der Rollstuhl, der Altersunterschied sei die Barriere, lautete eine der Antworten. „Ich hatte das Gefühl, das waren alles Ausreden, in Wahrheit kamen sie mit meiner Behinderung nicht klar.“ Carmen Kohr war frustriert damals. Heute sagt sie: „Die Jungs konnten nichts dafür, dass sie nicht wussten, wie man mit mir umgeht. Sie waren noch so jung, erst um die zwanzig.“

In der Pubertät fiel es ihr schwer, sich attraktiv zu fühlen. Zu sehr unterschied sie sich vom gängigen Schönheitsideal: dünn, lange Beine, makellos. Schminke und hübsche Klamotten sollten von der Behinderung ablenken. Mit wachsender Lebenserfahrung fand sie zu weiblichem Selbstbewusstsein – und zu ihrer ersten Liebe.

In ihrer Internatswohngruppe lernte sie mit 19 Jahren ihren ersten Freund kennen. Er war zwei Jahre älter und hatte eine Form von Spastik. Sie sahen sich jeden Tag, und das Gefühl füreinander wuchs wie von allein. „Es lief wie bei anderen Leuten auch“, sagt sie. Dann zog er nach Berlin. Sie besuchten sich ein, zwei Mal im Monat, wollten zusammenziehen. Doch die Beziehung zerbrach an der Distanz.