Stuttgart - Nicht Kirchplatz, Marktplatz, Schlossplatz sind heute das Hauptziel eines Stadtbesuchs. Alle Wege führen ins Einkaufscenter. Stuttgart darf sich glücklich schätzen, in Bälde gleich drei davon zu besitzen, neben jenem im Königsbau eines an der Paulinenstraße und eines hinterm Bahnhof. Diese drei Punkte markieren die Verkaufsmeile, unter der alle U- und S-Bahnen zusammenlaufen, die die Bevölkerung aus dem Umland in die Stadt und zum Einkauf bringen. Am Anfang und Ende dieser Zone gelegen, ersetzen die City-Center die Stadttore von einst, wo nicht mehr Zoll erhoben, jedoch die Kaufkraft der Besucher getestet wird. Hier geben sie ihr Geld lieber aus als in den Städten, aus denen sie kommen, auch wenn dort das Angebot origineller ist.
Die Zahl der City-Center ist ein Indiz dafür, wie weit eine Stadt das Umland als Kaufkraft nutzt. Trotz der Farblosigkeit des Angebots übt das Center eine eigene Faszination auf Kunden aus. Jeder unterirdische Ausbau durch Garagen, durch S-, U- und Fernbahnhöfe kommt ihnen als Gewinn vor, ohne dass sie an den Verlust dächten, der ihren Heimatorten dadurch beschieden ist. Fragt sich, womit eigentlich City-Center die Besucher an sich ziehen?
Zunächst einmal – man sollte es nicht glauben – wirbt das Center mit Privatheit. An seiner Schwelle geht die öffentliche Straße in eine private über, die Besucher wissen und respektieren dies. Sobald sie den Privatbesitz betreten, verändern sie ihr Verhalten. Ein junger Mann spuckt seinen Kaugummi auf die Straße, nicht auf den Boden eines City-Centers, er zeigt Vater Staat, dass er ihn verachtet, respektiert aber den Privatbesitz eines Investors. Im City-Center rollen keine Cola-Flaschen herum, keine Zigarettenstummel, es gibt keine Straßenmusikanten und kaum Leute, die ihr Essen in der Hand balancieren und achtlos ein paar Pommes frites fallen lassen. Im City-Center benimmt man sich, als sei man zu Gast in einem vornehmen Haus: Marmor, Messing, Kuppel, Empore, diese architektonischen Machtsymbole aus vergangenen Jahrhunderten, heiligen den Ort des Geschäfts – und wer wäre je in einer Kathedrale, und sei es die des Konsums, unartig gewesen? Herrschaft aber ist es nicht, was hier ausgeübt wird, sondern Verführung.
"Dies alles ist mir untertänig“
Die ökonomische Prosperität einer Gesellschaft hängt heute davon ab, dass sich der produzierende Arbeiter, für Unternehmen ein Kostenfaktor, in einen konsumierenden Kunden verwandelt. Das City-Center bereitet diese Umwandlung durch ein Schauspiel vor, das alle Sinne beschäftigt. Vom Autoverkehr frei gehalten, legt es all seine Inszenierung auf „Festivalisierung“ an. Die Waren sind ins schönste Licht gerückt, ins Spotlight der Schaufenster, ins Rampenlicht der Reklamen, ins Sonnenlicht, das aus der Glaskuppel herniedersinkt. Jedes City-Center hat ein Glasdach, unter dem es sich einkaufen lässt ohne Sorge ums Wetter, und der Himmel gibt seinen Segen dazu. Dieser Zentralraum rückt alle Angebote in den Blick und lenkt die Kundenströme zu ihnen hin.
Im Unterschied zu Geschäften auf Straßenniveau ist der Konsum, gerade so wie die Arbeit in Büros, ums Center herum auf Etagen verteilt. So hat der Konsument am Gefühl Anteil, dass auch sein Platz teuer und Zeit Geld ist. Auch er, der sich sonst nur auf Straßenniveau bewegt, durchmisst nun die Höhendimension, die zur Global City gehört. Die Rolltreppe ist daher das zentrale Schmuckstück eines jeden Einkaufszentrums. Aller Charme der Technik wird eingesetzt, um Auge und Ohr mit dieser Einrichtung zu beschäftigen. Manchmal ganz aus Glas, summt sie melodisch durch die Halle; manchmal liegen die Treppen so weit auseinander, dass sich zwischen ihnen ein Schwindel erregender Blick in die Tiefe ergibt. Die Landeplätze auf jedem Stockwerk sind Terrassen mit Weitblick und nähren die Illusion: "Dies alles ist mir untertänig.“
My Zeil in Frankfurt, an Höhe, Weite, Raumverschwendung, Konsum- und Unterhaltungsangebot das City-Center schlechthin, besitzt mit 48 Metern die längste Rolltreppe Europas. Diese Jakobsleiter schiebt den Kunden in den Himmel, wo er sich in einem Panorama aus Kirchendächern, alten Palais und Hochhausfenstern wiederfindet. Das Schlaraffenland für den Magen liegt in Frankfurt auf höchstem Niveau. Jeder Bissen, den man im obersten Stockwerk zu sich nimmt, wird zur Kommunikation mit den alten wie neuen Machtsymbolen der Stadt, den Kirchen von einst und den Bürotürmen von heute. Das Tête-à-tête von Privatperson und Wirtschaft ist das Glücksgefühl der Essenspause, die im City-Center auf jeden Fall eingelegt werden soll.
