Sicherheit von Kernkraftwerken Atomaufseher fühlen sich kaltgestellt

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Fachbeamte intervenieren bei Bundesumweltminister Norbert  Röttgen, weil sie bei der Prüfung der Reaktoren nicht beteiligt werden.

 Foto: dpa
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Stuttgart - Die Atomaufseher des Bundes halfen ihren Kollegen in Baden-Württemberg mal wieder auf die Sprünge. Wenige Wochen vor der Landtagswahl erkundigten sie sich bei ihnen nach drei Vorfällen im Kernkraftwerk Philippsburg, auf die ein Insider anonym hingewiesen hatte. Alle drei, hatten die Kontrolleure von Landesumweltministerin Tanja Gönner (CDU) und die EnBW als Betreiber entschieden, seien nicht meldepflichtig. Doch die Zweifel der Fachleute von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) waren offensichtlich berechtigt. Zumindest eine Panne aus dem Jahr 2009 stufen die Stuttgarter jetzt, nach der verlorenen Wahl, doch als meldepflichtiges Ereignis ein. Den versäumten Rapport muss die EnBW auf ihr Geheiß demnächst nachholen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bundesaufseher letztlich recht behielten. Schon vor zehn Jahren wurden die schweren Sicherheitsverstöße in Philippsburg erst durch ihr Eingreifen angemessen bewertet; die Landesaufsicht hatte sie zunächst heruntergespielt. Während die Minister in Berlin wechselten - von Jürgen Trittin (Grüne) über Sigmar Gabriel (SPD) zu Norbert Röttgen (CDU) -, blieben die Fachleute der teils in Bonn angesiedelten Abteilung Reaktorsicherheit die gleichen. Maßgeblich waren die Ministerialbeamten Dieter Majer, heute Unterabteilungsleiter "Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen", und Gerrit Niehaus, heute Leiter der Arbeitsgruppe RS I 3, "Bundesaufsicht bei Atomkraftwerken". Vor allem Niehaus gilt in Fachkreisen als "absolutes Ass" in den hochkomplexen Atomthemen.

Fachbeamte greifen zu ungewöhnlichen Mitteln

Seit der Zeitenwende von Fukushima, sollte man meinen, müssten die Experten eigentlich unangefochten sein. Schließlich scheint es nur noch Kernkraftskeptiker oder -gegner zu geben. Doch gerade jetzt spitzen sich schon länger schwelende Differenzen im Ressort Röttgens drastisch zu. Bei der Überprüfung der deutschen Kernkraftwerke während des Moratoriums sieht sich die atomkritische Arbeitsebene um Niehaus weitgehend ausgeschlossen - und das mit Billigung des als atomfreundlich geltenden Abteilungsleiters Gerald Hennenhöfer. Die Fachbeamten haben daher zu einem höchst ungewöhnlichen Mittel gegriffen und sich mit einem Protestschreiben direkt an den Minister gewandt. Der schweigt bis jetzt zu den Turbulenzen im eigenen Haus, die in der Fachwelt - etwa der Reaktorsicherheitskommission oder den Landesaufsichtsbehörden - zunehmend irritiert erörtert werden. Es passe schlecht zu Röttgens offiziellem Kurs, hört man dort, dass seine besten Fachleute gleichsam "kaltgestellt" würden.

Angeeckt sind Niehaus & Co. offenbar mit der Konsequenz, mit der sie auf die Katastrophe in Japan reagieren wollen. Schon wenige Tage danach empfahl die Arbeitsgruppe in einem internen Papier drastische Folgerungen. Auf fünf Seiten, die das Fernsehmagazin "Kontraste" öffentlich machte, fordert sie eine grundlegende Überprüfung der deutschen Meiler im Lichte von Fukushima und, soweit überhaupt möglich, eine massive sicherheitstechnische Aufrüstung. Erforderlich wären dafür wohl Investitionen in Milliardenhöhe. Höchst bemerkenswert sei diese Konsequenz, lobte der frühere Chef der Reaktoraufsicht, der als atomkritisch geltende Wolfgang Renneberg: Bisher habe das Bundesumweltministerium alles getan, um die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik notwendigen Sicherheitsanforderungen nicht zu stellen. Man müsse aufpassen, warnte Renneberg, dass das Papier nicht "verwässert" und in "geschlossenen Kommissionen" entschärft werde.

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19 Kommentare Kommentar schreiben

Gehirn: Der Vergleich mit Hiroshima und Nagasaki ist krank. Wer so denkt sollte zuallerst mal nach Ramstein fahren und sehen, was das noch so aller rumliegt. Man würde staunen...

Risiko: Wer von den 'Gegenern' ist sich dessen bewusst, wie viele Menschen (auch und vor allem Kinder) jedes Jahr im Straßenverkehr verletzt oder gar getötet werden und nimmt trotzdem noch daran Teil (natürlich mit einem Aufkleber)? Ach entschuldigung, das Auto brauchen wir natürlich, den Strom zur Produktion desselben bekommen wir ja aus Frankreich. Btw: Was ist eigentlich ein Atomaufseher oder Atomwissenschaftler? Ist das nicht unheimlich mühsam, Atome zu beaufsichtigen?

Moderation: Fehlerkorrektur: 13:11 Uhr,von Lars Galtung: 13:11 Uhr, geschrieben von Lars Galtung @12:06 Uhr, von hariseldon Wie ich sehe, ist mir leider bei dem Beitrag - s.o. - ein Kommunikationsfehler unterlaufen. Der letzte Absatz ' Boulevard-Zeitungen (wie BILD bei uns) gehören (..) also die letzten 11 Zeilen sind aus dem bezogenen Beitrag und leider in diesen Beitrag unbemerkt von mir hineingerutscht. Falls Sie diese 11 Zeilen löschen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Ich entschuldige mich für diesen Fehler und danke Ihnen.

@12:06 Uhr, von hariseldon: Ich hatte eben genau deshalb 'Die Welt' zitiert und nicht 'Bild'. Und ich habe darauf auch noch ganz explizit hingewiesen. Ich sehe nicht, warum Sie nun erneut 'Bild' beklagen, wenn ich 'Die Welt' zitiere. Und ich würde 'Die Welt' auch nicht als eine Boulevard Zeitung einstufen. Ebensowenig wie die Südd., die StZ, die FAZ. -----'Welche Berichterstattung ist objektiver?' Sie meinen wirklich ernsthaft, dass die Berichterstattung der Firma Tepco objektiver ist, als die der japan. Regierung? Einer Firma, über deren Kommunikationsverhalten man in der gesamten Welt nur noch den Kopf schüttelt und die Informationspolitik dieser Tepco äußerst mildtätig ausgedrückt, als eine Katastrophe bezeichnet. Sie schreiben allen Ernstes 'Bitte, informieren Sie sich aus authentischen und zuverlässigen Quellen.' Sie sagen damit, die hochoffiellen Aussagen ' des japanischen Ministerpräsidenten Naoto Kan (..) Kenichi Matsumoto, Sonderberater der Regierung (..) sind nicht objektiv, nicht authentisch und nicht zuverlässig? Natürlich kann man sagen, dass der Ministerpräsident Japans sowie der Sonderberater der Regierung 'unwahre' Aussagen machen, wie Sie das sagen, aber diese Aussagen sind auf jeden Fall offiziell. Wie Sie begründen können, dass die Aussagen der Firma Tepco authentischer, zuverlässiger und objektiver sind als die des Ministerpräsidenten Japans, des Sonderberaters der Regierung usw., das kann ich aus Ihrem Beitrag nicht entnehmen. Im übrigen würde ich annehmen, dass Sie nicht in Kommunikation mit der Firma Tepco stehen, sondern hier auch nur das sagen können, was ihnen verschiedene Medien als Aussagen der Firma Tepco vortragen. Ob diese richtig wiedergegeben sind, können Sie nicht belegen. Der Ministerpräsident Japans etc. spricht jedoch immerhin im TV etc. in aller Öffentlichkeit an das Volk, sodass jedermann beweisen kann, was der Ministerpräsident gesagt hat. Auch wenn Sie vortragen, der Ministerpräsident Japans etc. sage im Gegensatz zur Firma Tepco nicht die Wahrheit, so bleiben es dennoch erst mal die öffentlich getätigten Aussagen des Ministerpräsidenten. Zunächst mal würde ich der Aussage eines Ministerpräsidenten etc. auf jeden Fall mehr Bedeutung beimessen, als der Firma Tepco, welche sich übrigens bei der 'Bekämpfung' des Störfalles nach Meinung weltweiter Atomwissenschaftler eher dilletantisch aufgeführt hat. Im übrigen spielt es noch gar keine Rolle, ob durch F. jetzt bereits Menschen gestorben sind. An den Folgen von Hiroshima und Nagasaki sterben heute noch Menschen und das ist nun mehr als 60 Jahre her. Also warten Sie einfach mal ab, was da alles noch kommen wird. Wir wissen auch aus T., dass auch da heute noch Teile der russ. Bevölkerung - nach 25 Jahren - todkrank sind. Boulevard-Zeitungen (wie BILD bei uns) gehören nicht zu dieser Kategorie. Sie können detaillierte (und offiziel abgesegnete) Präsentationen mit der Planung im Internet finden. Medien: Die Naturkatastrophe in Japan forderte ca. 30 tausend Menschenleben. Wegen Atomunfall (Strahlung) gab es bis jetzt kein Todesopfer. Aber in den deutschen Medien hört man praktisch nicht von der Naturkatastrophe (30 tausend Todesopfern), aber dafür umso mehr von Fukushima (0 Todesopfer). Ich bitte um Ihr Verständnis, dass ich die deutschen Medien langsam nicht mehr ernst nehmen kann. Die Berichterstattung in anderen Ländern (auch in EU-Ländern) sieht ganz anders aus. Bitte, was meinen Sie: Welche Berichterstattung ist objektiver?

@l. galtung: Werter L. Galtung, Auf Aufforderung der japanischen Regierung hat TEPCO eine Planung vorgelegt, und diese Planung hat die Regierung akzeptiert. In dieser Planung steht schon der Anfang des Rückkehrs (nach 6-9 Monaten). Ausserdem wurde eine erste Fahrplan für das Abmontieren der Reaktor benannt. Bitte, informieren Sie sich aus authentischen und zuverlässigen Quellen. Boulevard-Zeitungen (wie BILD bei uns) gehören nicht zu dieser Kategorie. Sie können detaillierte (und offiziel abgesegnete) Präsentationen mit der Planung im Internet finden. Medien: Die Naturkatastrophe in Japan forderte ca. 30 tausend Menschenleben. Wegen Atomunfall (Strahlung) gab es bis jetzt kein Todesopfer. Aber in den deutschen Medien hört man praktisch nicht von der Naturkatastrophe (30 tausend Todesopfern), aber dafür umso mehr von Fukushima (0 Todesopfer). Ich bitte um Ihr Verständnis, dass ich die deutschen Medien langsam nicht mehr ernst nehmen kann. Die Berichterstattung in anderen Ländern (auch in EU-Ländern) sieht ganz anders aus. Bitte, was meinen Sie: Welche Berichterstattung ist objektiver?

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