InterviewSicherheit von Kindern „Eltern verfallen heute schneller in Panik“

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Übergriffe am Schlossplatz und auf Schüler verändern das Sicherheitsgefühl – auch wenn die Zahl der Delikte nicht zugenommen hat. Die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, Sabine Wassmer, berichtet über die Befindlichkeiten von Eltern.

Sabine Wassmer will nicht, dass Kindern ein generelles Misstrauen gegenüber der Welt vermittelt wird. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Sabine Wassmer will nicht, dass Kindern ein generelles Misstrauen gegenüber der Welt vermittelt wird.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Stuttgart – - Junge Frauen werden auch in der Stuttgarter Innenstadt sexuell bedrängt und ausgeraubt, Schüler werden von anderen Schülern abgezockt; und in Nürtingen wird eine 15-Jährige auf der Schultoilette überfallen und gefesselt. Die Berichte darüber haben Auswirkungen auf die subjektive Wahrnehmung von Bedrohung. Damit sieht sich auch Sabine Wassmer konfrontiert, die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Stuttgarter Schulen.
Frau Wassmer, auch in Stuttgart gibt es Vorfälle von Bedrängung und Raub. Verändert dies das Sicherheitsgefühl von Eltern?
Ja und nein. Natürlich hat man das Gefühl, die Welt sei unsicherer geworden. Aber die Eltern kennen ja die Schule ihrer Kinder. Da ist schon ein großes Sicherheitsvertrauen da.
Trotzdem bleibt da was. Speist sich diese Veränderung in der Befindlichkeit, die Sie ja einräumen, auch aus eigenen Erlebnissen oder denen von direkten Bekannten?
Also, die beschriebenen Vorfälle sind ja doch sehr singulär. Das heißt, es können auch gar nicht so viele Menschen direkt davon betroffen sein. Man muss aufpassen, dass man da nicht in so ein Misstrauen gegenüber der Welt verfällt. Und ich finde es auch wichtig, dass man dieses generelle Misstrauen auch den Kindern nicht vermittelt. Es ist doch schrecklich, wenn die Kinder aufwachsen mit dem Gefühl: die Welt ist schlecht. Das ist sie nicht.
Welche Bedeutung messen Sie dabei den sozialen Netzwerken zu?
Ich glaube, dass vermeintliche Nachrichten zu schnell verbreitet werden, bevor jemand weiß, ob sie überhaupt stimmen. Jemand stellt etwas in eine Facebook- oder Whats App Gruppe – und sofort ist es gestreut. Das find ich schwierig.
Es kursieren immer wieder Falschmeldungen: dass angeblich ein russlanddeutsches Mädchen von Flüchtlingen in Berlin vergewaltigt worden sein soll; in Kirchheim erfinden drei Mädchen angebliche Angriffe von 300 Flüchtlingen. Wie wirkt das auf Sie?
Ich kriege es ja immer nur dann mit, wenn’s so richtig hochkocht. Und ich bin bei solchen Meldungen immer ein bisschen misstrauisch, gerade wenn es über die sozialen Netzwerke kommt.
Welche Auswirkungen haben solche Vorfälle denn aufs Familienleben?
Man muss darüber reden. Es ist wichtig, dass man mit den Kindern im Gespräch bleibt. Dass man zum Beispiel der Tochter erklärt, weshalb es keine gute Idee ist, im Dunkeln durch den Schlossgarten zu laufen – gerade seit dort die S-21-Baustelle das Gelände unübersichtlich macht. Ich habe meiner Tochter gesagt, fahr diese Strecke mit dem Bus, wenn’s dunkel ist.
Haben die eingangs beschriebenen Vorfälle Auswirkungen auf die Schulen?
Ich hab den Eindruck, dass die Eltern schneller in Panik verfallen. Der richtige Weg müsste dann sein, in der Schule zu sagen: liebe Schule, ich hab Angst um mein Kind – was macht ihr? Bevor man die Kinder in völlige Panik versetzt, sollte man die Schule ansprechen und einfach auch nachfragen. Beispielsweise werden in manchen Schulen die Toiletten abgeschlossen, die Kinder müssen nach dem Schlüssel fragen und gehen immer zu zweit aufs Klo. Ich habe mitgekriegt, dass manche Eltern sehr pikiert waren ob solcher Regelungen. Dabei wussten die nur nicht, dass das damals eingeführt wurde, nachdem in München ein Mädchen auf der Schultoilette überfallen worden war. Wir können doch unsere Schulen nicht in Hochsicherheitstrakte verwandeln. Dann ist es doch besser, man schließt die Klos ab, damit sich dort niemand verstecken kann.
Wird das Thema Sicherheit jetzt vermehrt im GEB thematisiert? Kriegen Sie Rückmeldungen von Eltern?
Eigentlich wenig. Das liegt aber auch an den Schulen und daran, dass diese meist sehr offen mit den Eltern umgehen. Wenn man miteinander schwätzt, kann man vieles schon im Vorfeld klären.
Verlangen Eltern, dass die Schulen anders gesichert werden?
Nein. Es ist ja auch ein großer Wert für uns, dass unsere Schulen keine Hochsicherheitstrakte sind und wir uns nicht einzäunen müssen.
Wie reagieren die Kinder und Jugendlichen auf die Entwicklung?
Ich kriege mit, dass sie in größeren Gruppen unterwegs sind. Statt zu zweit geht man jetzt zu dritt oder zu viert. Und es ist klar, dass man sich nicht unterwegs trennt. Das Motto heißt: ihr geht gemeinsam, ihr kommt gemeinsam.
Ändern die Schüler ihr Freizeitverhalten?
Wahrscheinlich nur in einem ganz akuten Fall, wie etwa am Königin-Katharina-Stift. Aber eigentlich war dort die Bedrohung ja gar nicht schulintern, sondern die Schüler wurden ja außerhalb des Schulgeländes von gleichaltrigen, fremden Schülern überfallen. Die Gefährdungslage ist objektiv eine ganz andere, als sie subjektiv manchmal wahrgenommen wird. Die Vorfälle sind Einzelfälle. Aber die bestimmen tage- und wochenlang alles. Man muss auch aufpassen, dass man den Kindern nicht mehr Angst macht als nötig.
Haben jetzt die Mama-Taxis wieder Konjunktur?
Ich habe nichts davon gehört und sehe das auch nicht. Ich glaub, das hängt von der Schule ab. Beim Katzenstift ist es schwierig mit den Mama-Taxis, da kann ich ja nicht mal halten. Aber es hängt auch noch von einer anderen Sache ab: Wenn die Schule sensibel mit solchen Ängsten umgeht, kann man das auch wieder in den Griff kriegen.
Was raten Sie den Eltern?
Ich find’s wichtig, dass man als Eltern, wenn man Angst hat, auch die Schulleitung anspricht und nachfragt. Ein Beispiel: wir hatten an der Grundschule meiner Tochter – einer Grund- und Hauptschule und Brennpunktschule – die Polizei zu Besuch, es ging um Prävention, die Kinder durften sich den Polizeiwagen anschauen, meine Tochter war begeistert. Von anderen hörte ich: Da war wieder die Polizei auf dem Hof – bestimmt war da wieder was in der Hauptschule. Also: Eltern sollten nachfragen. Aber auch die Schule sollte die Ängste der Eltern ernst nehmen – etwa die Angst, dass mein Kind nicht heil in die Schule kommt, wenn ich es nicht mit dem Auto fahre. Vielleicht gab’s ja in der Familie schon mal einen Unfall.
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