Sie tanzt mit Schiller durch die Nacht

Von "Strohgäu Extra" 

Weil der Stadt Mit poetischen Geschichten verzaubert Odile Néri-Kaiser. Von Gabriele Müller

Weil der Stadt Mit poetischen Geschichten verzaubert Odile Néri-Kaiser. Von Gabriele Müller

Obwohl der Regen am Samstagabend eine Pause gemacht und die Sonne beim Abendrot den Himmel in die schönsten Farben getaucht hat, hat der traditionelle Erzählabend der Manufaktur nicht im Brenzgarten sondern im Klösterle stattgefunden. Die Wetterlage war den Veranstaltern zu unsicher. So haben die Märchenfreunde den Abend über zumindest warme Füße gehabt, und der Chor der Manufaktur, der unter Leitung von Uta John zwischen den Erzählstücken passende Lieder sang, hat von der ausgezeichneten Akustik des Raumes profitiert.

Die Märchen, die Odile Néri-Kaiser dabei hatte, sind in keinem gängigen Märchenbuch zu finden. Es sind Begebenheiten, in denen sich das Unwirkliche, Magische, behutsam in das Leben gewöhnlicher Menschen schleicht und es einschneidend verändert. Am Samstag hatten alle Geschichten etwas mit Singen zu tun. Im ersten Märchen etwa, in dem das gemeinsame Singen von Dorfbewohnern ihren Flecken vor der Pest beschützt. "Gegen die Schönheit eines Liedes ist die Pest machtlos", sagt die todbringende Seuche dem Helden in dieser Geschichte, Pierre, der sie selbst auf seinem Pferd in die Nähe seines Heimatortes gebracht hat. Sie hatte sich ihm in Gestalt einer schönen jungen Frau gezeigt und erst am anderen Ufer ihr wahres Gesicht gezeigt. Glücklicherweise kommt Pierre vor ihr in seinem Heimatdorf und kann seine Mitmenschen warnen - und damit retten.

Die zweite Erzählung sei "eine wahre Geschichte" betonte die Märchenerzählerin. Sie handelte von ihrem Onkel René, der als Obst- und Gemüsebauer im Département Corrèze in der Region Limousin lebte. Der Zweite Weltkrieg hatte ihn als Wachsoldat nach Paris verschlagen, wo er die große Langeweile durch "nach innen geträllerte Lieder" überstand und die Pariserin Paulette kennen lernte, die nur wenige Straßen weiter ihre Hutmacherinnen-Werkstatt betrieb. Trotz Kriegswirren fanden sie durch glückliche Fügungen zueinander, und ihre Liebesgeschichte wurde begleitet von Liedern, die sie später gemeinsam bei der Arbeit auf den Feldern der Corrèze sangen.

Sehr poetisch ist auch die Geschichte des jungen Physikers, dem im Lichtkreis einer Pariser Straßenlaterne eine junge Frau begegnet: Gloria aus England, die es nur als Traumgestalt gibt und mir der er zauberhafte Nächte am Ufer der Seine verlebt. Auch in Stuttgart kann so etwas passieren: In einem weiteren, modernen Märchen tanzt eine junge Frau mit dem lebendig gewordenen Denkmal von Friedrich Schiller heimlich durch die Nächte.

Im Chor des Klösterle standen am Samstag zwar ein hellblauer Lehnstuhl und ein Tisch, aber die brauchte die Erzählerin nicht. Sie erzählte im Stehen, unterstrich, wovon sie sprach, bildkräftig durch Mimik und Gestik und ließ sich beim Sprechen Zeit. So konnten in den Köpfen der Menschen die "Filme" zu den Geschichten entstehen. Der Chor der Manufaktur sang fast ausschließlich französische Lieder und begeisterte a cappella mit klangschön strömenden Harmonien.