Simón Bolívar wird exhumiert Zweifel an natürlichem Tod
Wolfgang Kunath, vom 22.07.2010 18:06 Uhr
Caracas - Über Twitter hat Hugo Chávez, Präsident von Venezuela, sein makabres Vorhaben angekündigt. Die Botschaft hatte es in sich. "Mein Gott, mein Herr Jesus, als ich stumm betete und diese Knochen sah, dachte ich an dich, und wie sehr hätte ich gewünscht, dass du gekommen wärst und wie einst zu Lazarus gesagt hättest: Erhebe dich, Simón!", schrieb der Präsident. Mit diesen kurzen Sätzen teilte er der überraschten Nation mit, dass der Sarg des Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar geöffnet worden sei.
Übersteigerte Heldenverehrung
Chávez hat die in Lateinamerika übliche Heldenverehrung Bolívars grenzenlos übersteigert. Er beschwört den 1830 Verstorbenen als eine Art geistigen Gründervater seiner linkspopulistischen Regierung und greift zu allen möglichen Mitteln der Verherrlichung. Er benannte sein Heimatland um in " Bolívarianische Republik Venezuela", er kündigte an, dem Befreier ein neues Pantheon bauen zu lassen.
Mit der Sargöffnung geht Chávez noch einen Schritt weiter. Auf Anordnung der Regierung übertrugen sämtliche Fernsehsender des Landes einen Teil der 19 Stunden dauernden Exhumierung. Chávez persönlich forderte die Eltern auf, die Kinder von den Fernsehschirmen fortzuschicken. Der Staatschef kommentierte einen Teil der Bilder aus dem Off, die anderen waren mit der Nationalhymne unterlegt. Gezeigt wurde das Innere des Pantheons mit dem Sarkophag, an den nach und nach Dutzende Menschen in weißen Arztkitteln und mintgrünen Plastikhauben traten.
Zum Teil waren das Soldaten, die im Gleichschritt vor dem Sarg aufmarschierten. Sie hoben den Deckel ab und falteten das Fahnentuch zusammen, mit dem der Leichnam Bolívars bei seiner letzten Umbettung 1972 bedeckt worden war. Schließlich wurde das Skelett gezeigt.
Zweifel an einem natürlichen Tod
"Was für beeindruckende Momente haben wir erlebt", schrieb Chávez vor der TV-Übertragung, "ich gestehe, wir haben geweint." An der Exhumierung nahmen mehr als 50 Personen teil, darunter Vizepräsident Elias Jaua und der spanische Genetikprofessor José Antonio Lorente, der an der DNA-Untersuchung der Knochen von Christoph Kolumbus beteiligt war. Er soll zusammen mit anderen Experten die Überreste Bolívars untersuchen, nachdem Chávez vor Monaten öffentlich angezweifelt hatte, was die Historiker für gesichert halten: dass Simón Bolívar nicht ermordet wurde, sondern an Tuberkulose starb.
Forscher der US-Universität Maryland hatten zwar kürzlich die These aufgestellt, der damals 47-jährige Bolívar sei einer Arsenvergiftung erlegen, hatten aber unterstrichen, dass Arsen damals als Medizin verwendet wurde, so dass der an vielen Krankheiten leidende Bolívar durchaus nicht umgebracht worden sein muss.
Opposition kritisiert das Spektakel
Gegen Chávez' Mordverdacht spricht auch, dass Bolívar ein halbes Jahr vor seinem Tod im kolumbianischen Santa Marta von allen Ämter zurückgetreten und auf dem Weg ins Exil war. Andererseits war er zwei Jahre vorher, als er politisch noch eine Gefahr für seine Gegner darstellte, einem Attentat nur knapp entronnen.
Die Opposition im Land hält wenig von dem Spektakel. Chávez wolle ablenken von den wirklichen Problemen wie der hohen Kriminalitätsquote, der bedrohlichen Inflation oder dem jüngsten Lebensmittelskandal. Da seien 130.000 Tonnen verderbliche Ware auf Staatskosten gekauft worden, um sie dann vergammeln zu lassen.