Sindelfingen Korruption im Mercedeswerk?

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Gegen VfB-Tickets und Potenzmittel sollen drei Daimler-Mitarbeiter einem Unternehmen Aufträge zugeschanzt haben.

Der glänzende Daimler-Stern hat Kratzer. Mitarbeiter sind bestochen worden. Foto: dapd
Der glänzende Daimler-Stern hat Kratzer. Mitarbeiter sind bestochen worden.Foto: dapd

Sindelfingen - Für einen solchen Mammutprozess sind die Gerichtssäle des kleinen Böblinger Amtsgericht eigentlich nicht ausgelegt. Sechs Angeklagte und sieben Verteidiger drängen sich in dem Raum. 22 Zeugen sollen an mindestens vier Verhandlungstagen gehört werden. Die Vorwürfe wiegen schwer: Bestechlichkeit und Bestechung. Der angerichtete Schaden ist angesichts der langwierigen Ermittlungen eher gering: Geschenke im Wert von 37 000 Euro sollen im Laufe von fünf Jahren von einem Betrieb an drei Mitarbeiter des Sindelfinger Daimlerwerks verteilt worden sein - im Gegenzug wurde von den Geschenkegebern erwartet, bei der Vergabe von Aufträgen bevorzugt zu werden.

Vier Jahre ist es her, dass die Nachricht über einen Korruptionsfall im Sindelfinger Mercedeswerk durch die Presse ging. Nun erst wird der Fall verhandelt. Sechs Personen, eine Frau und fünf Männer, zwischen 36 und 53 Jahren sind angeklagt: vier Mitarbeiter der Firma BHS in Zaberfeld bei Heilbronn, darunter auch zwei Geschäftsführer sowie zwei ehemalige Daimler-Mitarbeiter aus der Qualitätskontrolle.

Aufträge gegen VfB-Tickets und Potenzmittel

Die beiden Daimlerleute sollen gemeinsam mit einem Kollegen, gegen den ein gesondertes Verfahren läuft, zwischen 2003 und 2008 der Firma BHS Aufträge für Nachbesserungsarbeiten an fehlerhaften Teilen von Zulieferern zugeschanzt haben. Fünf sogenannte Nacharbeitsfirmen standen damals auf der Liste des Sindelfinger Werks. Sie kamen immer dann zum Einsatz, wenn in der Qualitätskontrolle bei Daimler fehlerhafte Teile von Zulieferern entdeckt wurden. Offenbar beauftragten die drei angeklagten Daimler-Mitarbeiter gezielt die Firma BHS.

Als Dankeschön sollen die Angestellten des Sindelfinger Mercedeswerks kleine Gefälligkeiten erhalten haben. Mit Saisonkarten für den VfB, Tickets für Musicals, kleineren Reisen wie ein Skiwochenende in Ischgl, Einladungen zu Automessen und in Restaurants, mit Laptops und sogar Potenzmitteln sind sie offenbar belohnt worden. Insgesamt hätten die drei Daimler-Mitarbeiter Geschenke im Wert von 37 000 Euro erhalten, haben die Ermittler errechnet. Die sechs Angeklagten schweigen oder bestreiten die Vorwürfe. Lediglich der siebte Beschuldigte, gegen den gesondert verhandelt wird, hat ein Geständnis abgelegt.

Aufgedeckt worden waren die Verschlingungen zwischen der Qualitätskontrolle des Autobaues und der Zaberfelder Firma durch einen ehemaligen Mitarbeiter von BHS an deren Ehninger Niederlassung. Dieser schickte im Jahr 2008 ein anonymes Schreiben an den Konzern und machte auf die Missstände in der Qualitätskontrolle aufmerksam. Parallel dazu informierte er ein Nachrichtenmagazin, das im November 2008 darüber berichtete.

Verteidiger halten Hauptbelastungszeugen für unglaubwürdig

Daimler leitete die Anzeige an die Staatsanwaltschaft weiter, die ein Ermittlungsverfahren einleitete. Den Ermittlern gelang es den anonymen Tippgeber zu identifizieren. Dieser machte dann eine offizielle Aussage. Die Verteidiger der sechs Angeklagten machten vor Gericht deutlich, dass sie diesen Hauptbelastungszeugen für nicht glaubwürdig halten.

Am Donnerstag war er zum Amtsgericht geladen. Doch er fehlte ohne Entschuldigung. Der Vorsitzende Richter Werner Kömpf schickte die Polizei zu dem Geladenen. Dieser öffnete nicht die Tür. Nur kurze Zeit nach dem Polizeibesuch meldete er sich per E-Mail krank. Kömpf ordnete an, dass der Zeuge zum nächsten Verhandlungstermin von der Polizei abgeholt und zum Gericht gebracht wird.

Ein Rechtsanwalt des Autobauers berichtete von internen Ermittlungen im Unternehmen. Diese hätten dazu geführt, dass man sich von den beschuldigten Mitarbeitern der Qualitätskontrolle getrennt habe. Auch mit der Firma BHS arbeitet die Daimler AG seither nicht mehr zusammen. Dem Konzern sei allerdings durch die Korruptionsaffäre kein materieller Schaden entstanden, sagte dessen Vertreter. Allerdings sprach er von einem „Reputationsschaden“, den das Unternehmen durch die Affäre erlitten habe.

Weitere Zeugen sollen an den kommenden Verhandlungstagen gehört werden. Weiter geht es am 11. Oktober.

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