Singapur Singapur à la Karte

Jürgen Kemmner aus Singapur, 12.12.2012 05:00 Uhr

Singapur - Ohne Karte geht nichts in Singapur. Das wichtigste Stück Karton ist aber nicht die Stadtkarte, ohne die sich ein Tourist zugegebenermaßen auch ein wenig schwertut in der 5,3-Millionen-Metropole. Viel essenzieller als jeder Straßenplan ist die Visitenkarte. Ohne die ist man in Singapur ein Heimatloser, ein Mensch ohne Namen und Funktion. Ein Niemand. „Wer das Hotel verlässt, sollte mindestens so viele Kärtchen mitführen, wie er ­unfallfrei zwischen Daumen und Zeigefinger halten kann“, sagt einer aus der Reisegruppe. Danke für den Tipp, Herr Alleswisser. Noch eine andere Kategorie Karten hat in Singapur eine immense Bedeutung: Speisekarten. Die Einheimischen sind, was Kochen am eigenen Herd anbelangt, so ambitioniert wie ein Papagei beim Stepptanz. Folglich ist die Dichte der Esstempel, Restaurants, Spezialitätenläden und Imbissbuden vermutlich höher als irgendwo anders auf dieser Welt. In den Hawker Centres und Foodcourts, den klimatisierten riesigen Esshallen, werden Stuhl- und Tischreihen in den Gässchen von Imbiss­buden und Garküchen aller Art flankiert. Das ist nichts zum gepflegten Dinieren, mehr für den kleinen bis mittleren Hunger. Ein Blick auf die englischen Worte mit Fotos auf der Karte kann helfen, muss aber nicht.

Die Hawker Centres sind gemacht für Zeitgenossen, die es immer irgendwie eilig haben; diese Spezies macht in Singapur tagsüber etwa 90 Prozent der ­Bevölkerung aus. „Daher sollten Fremde genau wissen, was sie bestellen möchten, wenn sie an der Reihe sind“, meint der Spaßvogel der Gruppe, „sonst kommen sie ins Chop Suey.“ Mehr Ruhe bieten Restaurants wie das indische Banana Leaf, wo zur Speisekarte auch Visitenkärtchen gereicht werden. „Wo Speisen eine Kunst ist“, steht drauf, dazu Telefonnummer, E-Mail-Adresse. Die Kunst könnte schwerfallen - im Banana Leaf wird alles auf einem Bananenblatt serviert, um es mit der Hand zum Mund zu führen. „Außer die Getränke“, scherzt der Nervtöter. Für euro­­pä­ische Kids mit wenig vorzeigbaren Tischmanieren ein Paradies, es werden aber auch Löffel und Gabel unbürokratisch verteilt. Wenn die Augen jedoch eine optische Delikatesse begehren, ist die Fahrt mit dem Aufzug auf 226 Meter ins Equinox Pflicht. Einen einmaligen Ausblick bietet das Restaurant, das sich im 70. Stockwerk des Swissôtel The Stamford befindet.

Eine Cola kostet acht Euro, ein Bier 15 und ein Mixgetränk 24

Hier gibt’s zum Diner einen Blick auf die City mit Kolonialbauten, den Singapore River und den Wolkenkratzern der Finanzwelt. Und vor dem Abschied ist es unabwendbar, mit Karen Tan, Marketing-Direktorin des Hotels, und Susie Lim-Kannan, der Medien-Direktorin, die Visitenkarten zu tauschen. „Sonst könnten sie glauben, es habe nicht geschmeckt“, meint der Kerl mit seinen Ihr-müsst-aber-auch-mitlachen-Witzen. Noch höher geht’s im Altitude 1, der (nach eigenen Angaben) höchsten Dachbar der Erde. Auf 282 Metern schlürfen die Gäste Cocktails und naschen Häppchen - eine Cola kostet acht Euro, ein Bier 15 und ein Mixgetränk 24. Immerhin: Die Fahrt mit dem Aufzug wie der Blick sind kostenlos, die Kärtchen von Jay Lim, Principal Consultant, und Angela Sim, Managing Director, ebenfalls. Und ausnahmsweise keinen Spruch - dem Dauerplauderer muss in luftiger Höhe die Zunge vor Staunen (oder Unwohlsein?) in die Hose gerutscht sein. Wer sich lieber unters Fußvolk mischt, isst Satay. Dabei werden Fleisch oder Fisch am Spieß gebraten und mit allerlei Soßen und Gemüse gereicht. Dazu wird meist Bier getrunken. Die Szenerie in der Church Street erinnert an ein Straßenfest. „Wo ist meine Biertisch-Garnitur“, ­jammert der lästige Begleiter, „es hat nur Gartenstühle aus Plastik!“ Satay ist aber beileibe nicht die Mahlzeit der armen Leute, in Singapur treffen sich Finanzhaie ebenso bei Satay wie Hafenarbeiter und Touristen. Bedenken wegen mangelnder Hygiene müssen Europäer kaum beschäftigen - der Staat überwacht streng. Doch die Stadt hat mehr zu bieten als ­Kalorien, mal scharf oder delikat verpackt. In Singapur leben Malayen, Chinesen, Inder und Europäer, jede Kultur hat ihren Platz gefunden. Wer sich eine Fahrkarte für U-Bahn oder Bus kauft, pilgert ins Arabische Viertel und bestaunt die Moschee; er drückt sich in China-Town durch die Gassen, wo links und rechts Lebensmittel und Souvenirs lauern; er lässt sich nach Little India chauffieren, wo zwischen Gold, Mobiltelefonen und Gewürzen das Leben pulsiert.

Beim Formel-1-Wochenende im September ist die gesamte Stadt im Party-Ausnahmezustand. Zum Entspannen lädt (nicht nur in diesen Tagen) Garden by the Bay ein, eine Mischung aus Blühendem Barock aus Ludwigsburg und dem botanischen Teil der Stuttgarter Wilhelma, das auf über 20 Hektar für 1,5 Milliarden Dollar erbaut wurde - um die tropische Hitze von stets um die 30 Grad abzuhalten, wurden zwei Hallen mit Glaskuppeln über die Pflanzenwelt gestülpt, was nicht nur Architekten ein „Wow“ entlockt. Neben der Übersichtskarte gibt’s noch eine von Michelle Lim, PR & Communications. „Können Sie hier auch arktisches Klima erzeugen?“, fragt Herr Lustig. Wer sich an gewagter Architektur ergötzen mag, besucht das Marina Bay Sands. Ein dreitürmiger Hotelkomplex, auf dem die stilisierten Nachbildung eines Schiffes thront und der in über 200 Meter Höhe ein Schwimmbad unterm Himmel bietet. Für Hotelgäste ist die Fahrt mit dem Aufzug im Preis mit drin, alle anderen können sich ein Ticket für 20 Dollar (15 Euro) kaufen und das Höhenfreibad bestaunen. Auf Normalnull des Marina Bay Sands wird durch eine riesige Mall gebummelt, durch die ein künstliches Flüsschen führt, auf dem Boote fahren. Es locken edle Geschäfte, das Spielkasino und sogar eine Eislaufbahn zum Kringeldrehen.

„Und ich habe meine Handschuhe vergessen“, stöhnt der Gruppen-Unterhalter ­theatralisch - und Elzena Imbrahin, die Kommunikationschefin, drückt allen ihre Karte in die Hand. Das Marina Bay Sands ist übrigens die beste Erklärung, warum eine Straßenkarte in Singapur nicht so wichtig ist wie in London, Paris oder New York. Wo der Komplex steht, war vor vier Jahren noch ­Ödnis und vor zehn Jahren Wasser. Singapur wächst, indem Land aufgeschüttet wird - deshalb sind Speise- und Visitenkärtchen mitunter länger aktuell als der Stadtplan. Dieser Abschlusswitz könnte fast vom Oberspaßmacher stammen.