Skispringen Nacktscanner für die Athleten?

Johannes Nedo, 07.01.2013 09:07 Uhr

Innsbruck - Kamil Stoch ist genervt. „Bitte stellt mir keine Fragen mehr zu den Anzügen. Über die Details möchte ich nicht reden“, sagt er. Dabei hatte der beste polnische Skispringer, der in Innsbruck Zweiter wurde, kurz zuvor noch so interessante Dinge darüber erzählt, dass seine Zuhörer zwangsläufig mehr wissen wollten. „Schlechtes Anzugmaterial“ hätten er und seine Teamkollegen beim Weltcupstart Ende November gehabt. Stoch wurde in Lillehammer abgeschlagen 30. und 36. Danach klinkte er sich für fast drei Wochen aus dem Wettkampfbetrieb aus. Als der 25-Jährige zurückkam, wurde er in Engelberg auf Anhieb Zweiter und behauptet sich seitdem in der Weltspitze – auch seine Mannschaftskollegen springen nun konstant gut.

Was haben er und seine Landsleute also verändert? „Fast nichts“, sagt Stoch. „Jetzt haben wir gutes Anzugmaterial.“ Wie viel das bringt, kann er genau schildern. „Damit springe ich 20 Meter weiter als mit dem alten.“ Mehr sagt Stoch dazu nicht, nur so viel: „Jeder schaut nach besserem Material. Jeder probiert neue Sachen aus.“

„Es ist ein Materialkrieg“

An Entwicklungen wie diesen macht der Bundestrainer Werner Schuster fest, „dass definitiv etwas im Gange ist“. Und er beschreibt es mit drastischen Worten. „Es ist ein Materialkrieg, ein Wettrüsten, speziell bei den besten Nationen“, sagt er. „In allen Bereichen gibt es Möglichkeiten, für sich einen Vorteil herauszuholen.“

Wie stark die Mannschaften versuchen, überall die Grenzen des Regelwerks auszureizen, ist bei dieser 61. Vierschanzentournee offensichtlich geworden. Sei es beim Skischuh der Norweger, für den die Skandinavier eine verlängerte Schuhzunge aus Carbon entwickelten, die Anders Jacobsen und Tom Hilde sich nun in den Stiefel stecken, um die Ski in der Luft stabiler führen zu können. Oder sei es bei den Anzügen. Dort versuchen die Teams beim Schnitt, so viel Fläche wie möglich herauszuholen: Je größer die Oberkörperfläche, umso mehr trägt der Anzug in der Luft den Athleten.

Dabei hatte der Internationale Ski-Verband (Fis) im Frühjahr genau in diesem Bereich angestrebt, das Experimentieren zu beenden. Hauteng sollten die neuen Anzüge sein, lautete die Vorgabe. Während des Sommer-Grand-Prix sei das Skispringen dann wirklich fair gewesen, sagt Schuster. Das habe man daran gemerkt, dass das Feld dichter beieinander gewesen sei.

Schummeln kann man bei der Körperumfang-Messung

Weil die hautengen Anzüge jedoch schnell ausleierten und so der Materialverschleiß anstieg, lockerte die Fis die Regel im Herbst: seither darf der Anzug zwei Zentimeter weiter als der Körperumfang sein. Und seither werde wieder das Maximale ausgereizt, sagt der Bundestrainer. Viele Gerüchte wabern nun durch die Szene. Die Norweger würden mit zusätzlichen Nähten im Schritt mehr Zentimeter herausholen. Oder die Athleten könnten die Kontrollen zum Körperumfang, die mit einem Maßband am Bauch vorgenommen werden, ja ganz einfach manipulieren, indem sie die Luft anhalten und den Bauch einziehen.

Um klare Verhältnisse zu schaffen, fordert Schuster mehr Kontrolleure. Bislang ist dafür allein der Österreicher Sepp Gratzer zuständig. „Es ist unmöglich für einen Mann, der das gut macht, die Vielzahl an Vorschriften zu überprüfen“, sagt der Bundestrainer. „Das ist wie bei einem Lehrer, der eine Klasse mit 70 Schülern hat, und keiner soll schummeln. Wenn das einer geschickt macht, kann er auch mal schwindeln.“ Wer unfair agiere, konnte Schuster nicht sagen. „Vielleicht wird auch gar nicht gemogelt.“ Sicher könne er nur behaupten: „Wir sind Deutsche, und wir sind fair.“

Die Fis konterte die Kritik umgehend. „Wir haben ein Reglement, das nachvollziehbar und kontrollierbar ist“, sagte der Renndirektor Walter Hofer. „Wir haben das Gefühl, dass relativ wenig Spielraum vorhanden ist.“ Mit seinen Bedenken steht Schuster jedoch nicht allein da. Auch der Präsident des Österreichischen Ski-Verbands, Peter Schröcksnadel, meldete sich zu Wort. Er regte an, für die Athleten Körperscanner einzuführen wie an manchen Flughäfen. „Es ist nicht in Ordnung, dass nach Gutdünken geurteilt wird“, sagte Schröcksnadel. „Es geht um zu viel.“