Slimane Arroudj Der Vermesser der Welt

Von Andrea Hahn 

In Algerien verkämpfte er sich für die sozialistische Sache. Nach dem Staatsstreich gründete er einen international anerkannten Menschenrechtsverein. Als Asylsuchender kam er 1992 in Deutschland an. Heute ist Slimane Arroudj Altstadtwirt und Gemeinderat in Marbach.

Mit Blick auf das Schillerhaus: der 50-jährige Slimane Arroudj Foto: Gottfried Stoppel
Mit Blick auf das Schillerhaus: der 50-jährige Slimane Arroudj Foto: Gottfried Stoppel

Marbach - Bunt und fröhlich wird es am kommenden Wochenende auf dem Burgplatz zugehen, wenn Menschen verschiedenster Nationen das „Fête de la musique“ feiern, das Marbacher Festival der Kulturen. Gipsy-Swing wird erklingen und Flamenco, irisch-keltischer Folk und nordafrikanische Tanzmusik. Es sind Lieder aus Ghana und Indien, jüdische Melodien und französische Chansons zu hören. Zu verdanken haben die Marbacher das Fest, das zum zweiten Mal stattfindet, dem ehemaligen Asylsuchenden Slimane Arroudj.

Die meisten im Ort kennen ihn, doch die wenigsten wissen, wie er mit vollem Namen heißt, denn Slimane Arroudj, das ist in Marbach einfach Slimane, und das Restaurant, das er seit zwei Jahren in der Altstadt betreibt, heißt folgerichtig Chez Slimane – bei Slimane. Mit der Eröffnung der Gaststätte, in der er Gerichte aus seiner Heimat anbietet, dem Maghreb, hat sich der ge­bürtige Algerier einen Traum erfüllt. „Das Lokal passt zu mir, hier kann ich Menschen kennenlernen und ihnen meine Kultur näherbringen“, sagt er. Egal, wie voll es ist, Slimane Arroudj nimmt sich Zeit, um von einem der edlen Holztische zum anderen zu gehen und in bester Küchenchef-Manier zu fragen, ob es denn schmeckt. Dabei bleibt es meist nicht. Wenn es möglich ist, setzt er sich dazu und kommt mit den Menschen ins Gespräch. Zwischendrin verschwindet er manchmal auf die Terrasse an der Niklas­torstraße, um eine Zigarette zu rauchen. Dass er dabei mit vielen Passanten ein Schwätzchen hält, gehört dazu.

Die Gaststätte, an deren Fassade der Wirt zusätzlich den alten Namen „Zum Schillerhaus“ wieder angebracht hat, steht gegenüber Schillers Geburtshaus. Eine Tafel an der Hauswand verrät, dass hier zeitweise dessen Großeltern wohnten und seine Schwester Christophine geboren wurde. Im Inneren haben die Künstlerbrüder Felix und Manuel Seiter Goethes Unterschrift an die Wand gemalt, was nicht jedem Schillerstädter gefällt, aber das Bestreben Slimane Arroudjs ausdrückt, vermeintlich Gegensätzliches zusammenzubringen. Dass er dabei auch gegen Widerstände kämpfen und Kritik einstecken muss, schreckt ihn nicht ab. Es motiviert ihn, erst recht weiterzukämpfen – für den Frieden, für soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte.

Das Kämpferische ist ihm in die Wiege gelegt worden

Dieses Kämpfertum ist ihm in die Wiege gelegt worden. Sein Vater war in Algier ein engagierter Gewerkschafter. Er dürfte stolz sein auf den Sohn, eines von sechs Kindern, der schon im Studium anfing, kulturelle und sportliche Aktivitäten für Mitstudenten zu organisieren. Damals, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, flammte der Islamismus auch an den algerischen Universitäten auf, und die eher links orientierten Studenten, zu denen Slimane Arroudj gehörte, bemühten sich, dem etwas entgegenzusetzen. Auch sie waren Moslems, aber sie vertraten liberale Ansichten und waren gegen die Verbindung von Religion und Politik. Mit dem von ihnen auf die Beine gestellten Kulturprogramm wollten sie den Kommilitonen auch zeigen, dass es möglich ist, jenseits extremer religiöser Positionen eine Identität als Moslem zu haben.

Slimane Arroudj ging in dieser Kulturarbeit auf, sein Studium der Geodäsie, der Wissenschaft von der Ausmessung der Erde, ließ er links liegen, schaffte aber immerhin einen Abschluss. Dieser brachte ihm zwar den Ingenieurtitel, doch keine adäquate Arbeit ein. Da traf es sich gut, dass aufgrund massiver Unruhen im Oktober 1988 vorübergehend eine Demokratisierung einsetzte und Parteien wie die FFS (Front des Forces Socialistes) entstanden. Arroudj, der längst wusste, wo und wie sehr sein Herz politisch schlug, trat sofort ein. „Damals war richtig was los, es gab Hoffnung.“ Die Parteispitze der Sozialisten wurde auf ihn aufmerksam, berief ihn auf höchster Ebene in eine Arbeitsgruppe für Information und Kommunikation sowie in die Redaktion der Parteizeitung.

Die Machthaber sahen die FFS alles andere als gern, im Gegensatz zu den anderen Parteien erhielt sie keine staatlichen Zuschüsse. Zensur und Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der Zeitung waren an der Tagesordnung. Slimane Arroudj fand immer wieder Mittel und Wege, die Hindernisse zu umgehen, die ihnen in den Weg gelegt wurden, weshalb er des Öfteren festgenommen wurde. In der Zelle habe man ihn durch Beleidigungen und Schläge einschüchtern wollen, sagt er, was er damit quittiert habe, dass er die Misshandlungen in die Zeitung gebracht habe.

Im Dezember 1991 stoppte die Regierung Parlamentswahlen nach der ersten Runde, weil sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete, im Januar 1992 kam es zum Staatsstreich und zur Militärregierung, der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, politische Aktivitäten wurden untersagt. Von der Parteiarbeit ausgeschlossen, gründeten Slimane Arroudj und andere Aktivisten die Jugend- und Menschenrechtsorganisation RAJ (Rassemblement Actions Jeunesse), die noch heute existiert, von der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt wird und 1993 den Bremer Solidaritätspreis erhalten hat. Zum Zeitpunkt der Verleihung war ihr Mitbegründer Arroudj, der ahnte, welches Schicksal ihm drohte, bereits auf der Flucht. Ein Freund hatte ihm die Ausreise ins polnische Lodz organisiert.