Sommerinterview
"Wir müssen auf Stuttgart aufpassen"
Erik Raidt, Achim Wörner,
07.09.2010 10:59 Uhr
Foto: Honzera
""Stuttgart ist die schönste Stadt Deutschlands.""
Johannes Milla
In diesem Jahr hat sein Büro mit der Gestaltung des deutschen Expo-Pavillons auf der Weltausstellung in Shanghai Schlagzeilen gemacht. Milla erzählt von experimentierfreudigen Chinesen, dem Wissenshunger von Kindern und den hässlichen Seiten seiner Wahlheimat Stuttgart. Im Innenhof unter dem Dachgarten schwillt der Lärm aus einem Kindergarten ohrenbetäubend an. Es klingt, als ob der Regenwald mitten in der Stadt zum Leben erwacht.
Herr Milla, stört Sie der Lärm eigentlich beim Nachdenken?
Das ist doch kein Lärm! Ganz im Gegenteil. Unser Büro ist an Projekten in aller Welt beteiligt. Diese Geräuschkulisse hier erdet uns, so wie das Heusteigviertel, in dem wir arbeiten. Hier leben die unterschiedlichsten Menschen, hier mischt sich großes und kleines Gewerbe. Die Nähe von Arbeit und Wohnort - die gab es hier schon immer.
In den vergangenen Jahrzehnten ist das Gewerbe an den Stadtrand oder auf die grüne Wiese gezogen.
Für uns als Agentur wäre das undenkbar. Hier stehen wir mit beiden Füßen im Leben. Nur fünf unserer 45 Mitarbeiter fahren mit dem Auto zur Arbeit, die anderen kommen mit dem Rad oder mit der Stadtbahn. Zwanzig Gaststätten in unserer Nachbarschaft akzeptieren unsere Mittagessensgutscheine. Es gibt eine kleine Milla-&-Partner-Währung - solche Dinge verwurzeln uns im Viertel.
Junge Leute, Ateliers, Architekturbüros - sie alle haben den Charme des Heusteigviertels entdeckt. Und mit ihnen die Immobilienstrategen. Die Innenstadt ist inzwischen als Wohnort wieder "in".
Du erreichst zu Fuß die Theater, den Skatershop, du wirst täglich mit den Gegensätzen der Stadtgesellschaft konfrontiert. Im Lidl treffen die sparsamen Millionäre, die hier Penthousewohnungen besitzen, auf die Obdachlosen, die Pfandflaschen sammeln.
Seite
1
2
3
4
Weitere Artikel


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>



Igitt - Quarkhörnchen
Voll mit Industriezucker. Gibt kurz einen Schub, und dann braucht der Körer gleich wieder Süßes. Eßt mal lieber Hirse, Polenta, oder Reis zum Frühstück und ihr werdet abgehen wie eine Rakete !
Milla's Gedanken
Sehr geehrter Herr Milla, Sie sprechen mir und vielen, vielen Stuttgartern aus der Seele. Das, was wir echte Stuttgarter in letzter Zeit erleben und denken und fühlen, das können (ich sage das ungern) die Anderen auf der anderen Seite schon lange nicht mehr nach vollziehen. Der Elfenbeinturm in dem die Herren Mappus und vor allem Schuster sitzen hat Sie weit von der Wirklichkeit weg gebracht. Hier geht es schon lange nicht mehr um Heimat, hier geht es nur noch um Prinzipien und Profit für einige wenige. Danke, dass Sie das Standing bewiesen haben gekonnt das aus zu sprechen, was sehr viele Heimatverbundene denken. Es war an der Zeit!
dickes Lob
ein dickes Lob für das sachliche, unaufgeregte und ausgewogene Interview, dem man die Liebe zu Stuttgart in jedem Satz anmerkt. Warum nur verstehen es die Verantwortlichen in Stuttgart nur so wenig, die tollen Seiten dieser Stadt (herrliche Lage, Mineralquellen, Neckarufer, Parkanlagen) weiter zu stärken und mit diesen zu wuchern. Die Vorstellung, Stuttgart per Zug in einem langen S-Bahn-Tunnel zu erreichen und zu verlassen: einfach grauenhaft! Ein Bauwerk wie die neue "library" als Zentrum eines neuen Stadtteils zuzulassen: unfasslich. Das große Kapital Stuttgarts: die schöne Lage - ist ein Wert, der nicht unbegrenzt strapazierbar ist. Eine Bahnstrecke wie die Stuttgarter Gäubahnstrecke als herrliche Einfahrt in die Stadt und als praktische Ausweichstrecke aufzugeben: unfassliche Dummheit! Noch habe ich ein bisschen Hoffnung, dass der Aufstand der Massen die Parteien, die´s bei der nächsten Landtagswahl treffen wird, nachdenklich macht.