Spanien Der weiße Karneval auf La Palma

Von Franz Lerchenmüller aus La Palma 

Beim Karneval feiert die Kanareninsel La Palma mit viel kubanischer Musik und Talkumpuder ihre Auswanderer und sich selbst.

Zum Karneval kleiden sich alle in Weiß-Beige und tragen Kopfbedeckung. Das Talkumpuder taucht die Szene in ein graues Licht. Foto: Lerchenmüller
Zum Karneval kleiden sich alle in Weiß-Beige und tragen Kopfbedeckung. Das Talkumpuder taucht die Szene in ein graues Licht.Foto: Lerchenmüller

Der „Empfang der Botschafter“ findet heute auf der Straße statt. Und der ganze „diplomatische Dienst“ aus Inselbewohnern hat sich anlässlich des festlichen Ereignisses prächtig in Schale geworfen: Japanische Geishas stöckeln vorbei, Emire aus Saudi-Arabien protzen mit einem Ölfass, ungarische Husarenmädchen paradieren mit eng geschnürten Miedern. Das stolze Ägypten hat gleich ein ganzes Dutzend goldfunkelnder Kleopatras mit behaarten Waden geschickt, und aus dem fernen Tirol ist eine Gruppe fescher Burschen in Kniebundhosen und mit grünen Hütchen angereist. Der bunte Zug am Samstagnachmittag bildet den Auftakt zu einem der fröhlichsten und verrücktesten Feste der Insel, dem Karneval. Die Welt ist zu Gast auf La Palma - ganz so wie im 16. und 17. Jahrhundert, als Santa Cruz einer der drei wichtigsten Häfen zwischen Europa und Amerika war. Und ein Abglanz jener Internationalität hat sich erhalten: Auch heute noch sind 13 bis 14 Prozent der 90 000 Einwohner Ausländer. Abschied und Wiederkehr gehörten immer zum Leben der Palmeros. Vom 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wanderten viele nach Kuba oder Venezuela aus. Einige wurden reich, kehrten zurück und hinterließen überall auf der Insel ihre Spuren.

Im Tabakmuseum in San Pedro etwa rollt der 70-jährige Timoteo Alvarez gekonnt drei Sorten Tabakblätter zu einem „puro“ zusammen und schneidet, nicht anders als seine Kollegen in Havanna, mit einem Wiegemesser das Deckblatt zu und verklebt die Zigarre perfekt mit einem Mundstück. Die Pflanzen und das gärtnerische Know-how haben die Emigranten aus Kuba mitgebracht. Durch Sortenwahl und Sorgfalt verbesserten sie die Qualität des Tabaks so sehr, dass Zigarrenkenner Winston Churchill behauptete, eine edle La Palma sei jeder Havanna überlegen. Weniger sichtbare, aber vielleicht noch tiefere Spuren haben die Auswanderer im Gedächtnis der Menschen hinterlassen. Die 77-jährige Dona Arminda führt in Villa de Mazo hoch über dem Meer ein kleines Hotel. Ihr Vater hatte das Haus in den 20er Jahren als Ruine geerbt. Er ging nach Kuba und verdiente auf den Tabakfeldern genug Geld, um es hinterher zu restaurieren. In Vitrinen bewahrt die elegante Señora Silberspiegel Porzellanfigürchen und ein Dominospiel auf. Und gern liest sie ein Gedicht vor, das Papa seiner Verlobten ins heimische Santa Cruz geschickt hatte. „Er war ein Poet“, seufzt Dona Arminda. „Es gab noch romantische Kavaliere damals.“ Natürlich hatten nicht alle, die auswanderten, Erfolg. Beim „Dia de los Indianos“ am Rosenmontag aber geht es nur um die Glücklichen, die protzigen Neureichen, die vorher bitterarmen Schlucker, die bei der Ankunft in der alten Heimat den großen Max markierten.

Das Besondere am Karneval

Gegen Mittag füllen sich die Gassen der Innenstadt. Männer in beigen Leinenanzügen mit dicken Goldketten und Strohhüten ziehen durch die Fußgängerzone. Ihre Damen stecken in weißen oder cremefarbenen Futteralkleidern, tragen Boas um die Schultern und Seidenrosen im Haar. Auf der dreieckigen Plaza de España mit Rathaus und Erlöserkirche strömen sie zusammen. Wie hingemalt passt die weiß-beige, wogende Menge zwischen Palmen, Flaggen und die Fassaden mit Holzbalkonen. Ein eigenartiger Grauschleier liegt über dem Geschehen, denn fast jeder hier hat eine Dose Talkumpuder dabei. Beinahe liebevoll pudern ältere Damen die Gelsträhnen vorbeieilender Jugendlicher, früh ergraute Kinder und zu Kindern gewordene Erwachsene überschütten einander mit immer neuen Wolken. Es scheint, als wären alle eben erst aus einem Kalkbruch oder einer Kreidefabrik geflüchtet - immerhin regnen an diesem Tag 15 Tonnen Puder auf dieses Fleckchen Erde nieder. Woher dieser Brauch kommt, weiß niemand genau. Vielleicht geht er auf den Kalk zurück, mit dem einst Schiffe desinfiziert wurden, vielleicht war es aber auch eine Ladung verdorbenen Mehls, die im Hafen herumlag - wirklich belegt ist nichts davon. Und dann kommt sie. Begleitet von einer Band schreitet sie die Treppe zur Erlöserkirche hinunter. Tiefschwarz das Gesicht, mit Lippen wie Blutorange-Schnitze und klimpernden Wimpern aus Gold winkt sie huldvoll in die Menge: La Tomasa Negra ist die Symbolfigur des Karnevals von La Palma. Ein roter Turban ziert ihr Haupt, im Dekolleté der weißen Bluse baumelt schweres Gold. Sie ist eigentlich ein Er: Víctor Lorenzo Díaz Molina, von allen respektvoll nur Sosó genannt. Dies ist die Rolle seines Lebens.

Und wenn der 72-jährige ehemalige Hafenpolizist erzählt, wie alles begann, gehen Wirklichkeit und Legende ineinander über, aber wen kümmert das in diesen Tagen schon? In den 60er Jahren war es, als Sosó und ein paar Dutzend anderer Jugendlicher begannen, während der Karnevalstage ahnungslose Passanten mit Puder zu bewerfen - eine Art früher Flashmob, wenn man so will. Fröhlichkeit aber war nicht gern gesehen während der Franco-Ära, und schon nach wenigen Minuten war die Polizei hinter den Unruhestiftern her. Die wichen in andere Straßen aus, ein schnelles Katz-und-Maus-Spiel begann, und wenn die Guardias schließlich die Lust daran verloren, stäubten die Jugendlichen einfach weiter. Erst viel später, zu Beginn der 90er Jahre, suchte die Stadtverwaltung nach einem Symbol für ihren Fasching. Sosó entwickelte, nach dem lebenden Vorbild einer Kneipenbesitzerin aus Santiago de Cuba, die Figur eines üppigen, eleganten, ebenso anziehenden wie einschüchternden kanarischen Männertraums. Seitdem gönnt er sich jedes Jahr ein neues Kostüm, schminkt sich täglich eine Stunde, redet und tanzt und hält Hof auf den Straßen, die grau und stumpf vom Puder sind. La Tomasa Negra ist die Königin, der schwarze Star des weißen Karnevals, jenes eigenartigen Theaters, in dem es, wie jemand sagte, keine Zuschauer gibt - einfach, weil jeder, der dabei ist, selbst eine Rolle auf der Bühne spielt.

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