Krimikolumne

Spannung ohne Formel: Anne Goldmanns „Triangel“ Zunderhaufen der Probleme

In Anne Goldmanns Psychothriller „Triangel“ trifft eine sonst sehr umsichtige Justizbeamtin ein paar dumme Entscheidungen. Die Folgen bleiben nicht aus.

Was man falsch machen kann, wenn man so etwas im eigenen Garten findet, erzählt „Triangel“. Foto: dpa
Was man falsch machen kann, wenn man so etwas im eigenen Garten findet, erzählt „Triangel“.Foto: dpa

Stuttgart - Definitionen sind das, womit die Theorie der Praxis hinterherläuft. Anne Goldmanns zweiter Kriminalroman „Triangel“ ist ein schönes Beispiel für dieses Spiel zwischen Hase und Humpelhund auf dem Feld der Literatur.

In „Triangel“ gibt es, was ein Krimi braucht, Verbrecher nämlich, in reicher Zahl. Nur sind die schon eingesperrt. Die österreichische Justizbeamtin Regina Aigner versieht Dienst im Männerknast, beaufsichtigt mehr oder weniger rohe Jungs mit mehr oder weniger Impulskontrolle unter Bedingungen der Überbelegung, die selbst weniger gewaltgeneigte Typen ab und an zum Ausrasten bringen. Aigner arbeitet hier nicht ungern, weil sie hinter Uniform, Protokoll und Ritualen eine tiefe Unsicherheit verbergen kann.

Zwischen Alltag und Geiselnahme

Dass die kleinste Unachtsamkeit im Wachdienst den Unterschied zwischen Alltag und Geiselnahme ausmachen kann, ist zwar spannend, aber es erfüllt nicht die Krimidefinition, dass ein noch ungelöstes Verbrechensrätsel aufzuklären sei. Tatsächlich liefert Goldmann früh den Hinweis auf ein ungesühntes Verbrechen und Fingerzeige auf einen Verdächtigen. Interessanter als die Frage, ob er der Schuldige ist, scheint die andere, warum Aigner den Skelettfund in ihrem Garten nicht meldet.

Menschen tun seltsame, Dinge, machen sich erpressbar, werden umlauert, fürchten das Kommende – das sind Elemente des Psychothrillers, den manche als Unterart, manche als Geschwisterchen des Kriminalromans sehen wollen. Wie in ihrem lesenswerten Debüt „Das Leben ist schmutzig“ liefert Goldmann auch hier Einblicke ins Seelenleben ihrer Figuren und gleich mehrere Bedrohungen. Der haftentlassene Verdächtige beginnt sich für Aigner zu interessieren, die obendrein an ihrem Wohnort Opfer einer Rufmordkampagne wird

Kein normaler Moralkompass

Aber „Triangel“ ist eben kein Thriller, in dem alle Aufmerksamkeit nach vorne gerichtet ist, auf den Angriff, der an der nächsten Ecke erfolgen könnte. Das eigentlich Irritierende ist das Hier und Jetzt, die Pragmatik der Entscheidungen, das seltsame Gewebe aus Nutzdenken und Unlogik, das ersetzt, was sonst in Krimis zumindest den positiven Hauptfiguren als Moralkompass in den Seelentornister gepackt wird. Ob berufliche oder private Beziehungen, geprägt sind sie von einer habituellen Unehrlichkeit, die für den Moment etwas Unangenehmes verhütet und den Zunderhaufen der Probleme für morgen noch erhöht.

Dieses Muster kann man bei Goldmann sogar im Strafvollzug wiederfinden. „Triangel“ zeigt ein System, das seine Schwachstellen nicht erkennen will und von den Häftlingen clever manipuliert wird. Die Autorin hat selbst als Sozialarbeiterin im Gefängnis gearbeitet. Sie schlägt den Ton nüchterner Sachbeschreibung an, Motto: Am besten geht man von der Realität aus.

Goldmann ordnet ihre Figuren und Verhältnisse zwar nie den Bedürfnissen eines Krimi- oder Thrillermusters unter, dieses Lob sollte man aber nicht falsch verstehen: Dies ist hochgradige Spannungsliteratur.

Anne Goldmann: Triangel. Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag. Hamburg, 2012. 266 Seiten. 11 Euro.

  Artikel teilen
0 KommentareKommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.