Sprachenfolge Französisch oder Latein für Anfänger?

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Vielen Schülern fällt es schwer, sich zwischen den beiden Sprachen zu entscheiden, zumal es gute Argumente für beide gibt. Welche zweite Fremdsprache sinnvoll ist, hängt stark vom Kommunikationsverhalten des Kindes ab.

Für den „fröhlichen Gesprächstyp“ biete sich   als zweite Fremdsprache Französisch an. Foto: dpa
Für den „fröhlichen Gesprächstyp“ biete sich als zweite Fremdsprache Französisch an.Foto: dpa

Stuttgart - Alle Experten sind sich einig, dass Kinder möglichst früh Sprachen lernen sollten. Viele plädieren dafür, schon im Kindergarten mit einer Fremdsprache zu beginnen. Die Europäische Kommission empfiehlt, jeden Schüler in zwei EU-Sprachen auszubilden.

In Baden-Württemberg begegnen die Grundschüler spielerisch von der ersten Klasse an einer Fremdsprache – entlang der Grenze zu Frankreich Französisch, im Rest des Landes Englisch. Die Grundschulfremdsprache wird dann in der Regel am Gymnasium als erste Fremdsprache fortgeführt. Die zweite Fremdsprache kommt, je nach Schule, in Klasse 5 oder spätestens in Klasse 6 dazu.

Vielen Betroffenen fällt es schwer, sich zwischen Französisch und Latein zu entscheiden, zumal es gute Argumente für beide Sprachen gibt. Man kann nicht sagen, dass die eine oder andere Sprache leichter oder schwerer zu erlernen ist, anspruchsvoll sind beide. Es gibt auch keine allgemein geltenden Richtlinien bei der Sprachwahl. Natürlich muss erst einmal das Kind selbst nach seinen Wünschen befragt werden. Welche zweite Fremdsprache sinnvoll ist, hängt auch von der Persönlichkeit und dem Kommunikationsverhalten des Schülers ab. „Der eine lernt durch Nachahmung, der andere eher strukturierter“, erklärt Karl Waidelich, der Schulleiter des Königin-Olga-Stifts. Ein Kind, das sehr analytisch denke und vom Wesen zurückhaltend sei, werde sich vermutlich mit Latein leichter tun. Für den „fröhlichen Gesprächstyp“ biete sich eher Französisch an. Wer unsicher sei, könne sich Rat bei den Grundschullehrern holen, empfiehlt Karl Waidelich. „Sie können genau sagen, welche Stärken die Schüler haben.“

Latein beschleunigt das Erlernen anderer Sprachen

Karin Winkler, Schulleiterin am humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, hält Latein grundsätzlich für eine gute Wahl – nicht nur weil das Latinum für manche Studienfächer Voraussetzung ist (siehe Serienteil „Alte Sprachen“ am morgigen Donnerstag).

Die Übersetzung komplexer Sätze sei eine gute Konzentrationsübung, argumentiert Winkler: „Das schult die Sprachgenauigkeit enorm, und die Schüler entwickeln ein Gefühl für eine korrekte Sprache.“ Im Zeitalter der schnellen Kommunikation per SMS und Chats sei dies wichtiger denn je. Für Schüler mit Rechtschreibschwierigkeiten kann Latein ihrer Ansicht nach die bessere Wahl sein. „Es gibt keine Diktate, das entlastet manche sehr“, erläutert die Schulleiterin.

Latein beschleunige zudem das Erlernen anderer Sprachen, weil es bei Wortschatz und Grammatik große Synergieeffekte gebe. Umgekehrt sei es mühsam, sich all die Fremdwörter, die man im Lateinunterricht lerne, später anzueignen. Zugleich sei auch Französisch eine wichtige Fremdsprache, betont Winkler, „schon aus der europäischen Tradition heraus“.

Karl Waidelich findet es sinnvoll, wegen der engen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen die Sprache des Nachbarn zu sprechen. „Französisch ist eine lebende Sprache, die einem wegen der unmittelbaren Nähe zu Frankreich sehr nützen kann.“ Französischkenntnisse können später im Beruf von Vorteil sein, weil Französisch in zahlreichen Staaten Amtssprache ist. Im Übrigen erleichtere jede romanische Sprache – also egal ob Latein, Französisch, Italienisch oder Spanisch – den Zugang zu einer weiteren, betont Karl Waidelich.

Wer sich für das sprachliche Profil entscheidet, studiert von Klasse 8 an eine dritte Fremdsprache. Die Auswahl an den Stuttgarter Gymnasien ist groß, unterrichtet werden Französisch, Latein, Spanisch, Russisch, Portugiesisch oder Italienisch. Weitere Sprachen, darunter Japanisch, werden als Arbeitsgemeinschaften angeboten. Am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und am Karls-Gymnasium kann man als dritte Sprache Altgriechisch draufsatteln und somit zwei alte und zwei neue Fremdsprachen erlernen. „Das ist dann das Sahnehäubchen“, sagt Karin Winkler. Trotzdem solle man sein Kind nicht mit zu vielen Sprachen überfordern, warnt sie: „Es ist wirklich ambitioniert, vier Sprachen zu lernen.“ Allein das Pauken der Vokabeln kostet viel Zeit, die den Schülern möglicherweise an anderer Stelle fehlt.

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@ Lateiner: in welcher Welt leben Sie? Ihr humboldt´sches Bildungsbürgerideal in allen Ehren, aber gilt es als Ausweis von Bildung, wenn man als Abiturient zwar tacitus zitieren kann, aber keine Ahnung hat, was es bedeutet eine Vertrag zu unterschreiben? Geschäftsfahigkeit, Rechtsfähigkeit, Haftung, Verträge, steuerliches Grundlagenwissen bei Lohn-, Einkommen- und Mehrwertsteuer, alles Fehlanzeige mit oft bösen Folgen. Jeder Hauptschüler, der seine Handwerkslehre macht hat in diesen Dingen ein solides Grundwissen. Und der Umweg über Latein zu anderen Sprachen ist so sinnvoll wie wenn ich nach München will, daß ich erst mal um Laufen zu üben nach Karlsruhe gehe. Ich musste dank elterlichem Zwang Latein bis zum Abi lernen und konnte deshalb kein Französisch in der Schule lernen. Mein großes Latinum war die größte Zeitverschwendung in meinem Leben. Latein ist keine Fremdsprache, Latein ist ein Fossil mit dem sich Elitemenschen wie einst Franz-Josef Strauß brüsten um sich vom gemeinen Volk abzuheben. q.e.d.

Transfer beim Fremdsprachenerwerb: Es wurde schon von wissenschaftlicher Seite festgestellt, dass der einzige Transfer beim Erlernen der lateinischen Sprache in der Kompetenz des Bildens langer Schachtelsätze liegt. Während sich Französisch als lebendige, gesprochene Sprache hervorragend als Basis für die anderen lebenden romanischen Sprachen eignet. Ausserdem sollte man nicht vergessen, dass auch heute noch hinreichende Französischkenntnisse Zugangsvoraussetzung für den Auswärtigen Dienst sind. Ungefähr nach der dritten Fremdsprache wird es sowieso immer leichter.

Ohne Sprachgefühl: Ohne ein gewisses Sprachgefühl bringt es natürlich nichts Latein als Grundlage für ein weiteres Erlernen von Fremdsprachen zu betrachten. Wer die Zusammenhänge/Vorteile des frühen Lateinunterrichts nicht zu erkennen vermag, wird sich wahrscheinlich immer mit Fremdsprachen schwer tun.

Bildung vs. Ausbildung: In dem Zusammenhang wird gerne Bildung mit Ausbildung verwechselt: wer fordert, dass an Schulen Chinesisch oder Wirtschaft unterrichtet wird, weil das später im Job vermeintlich gebraucht wird, hat den Zweck einer Schule nicht verstanden. Auf den Job soll die Ausbildung vorbereiten - und Ausbildung ist Aufgabe der Betriebe und teilweise auch der Hochschulen aber mit Sicherheit nicht Aufgabe der Schule. Schule soll bilden und Kinder zu Menschen machen, nicht zu Humankaiptal für die Wirtschaft. Und Latein ist mitnichten eine tote Sprache, da sie Basis aller romanischen Sprachen ist. Zumal: wer spricht denn bitteschön schon französisch außer den Franzosen und ein paar Algeriern? Französisch ist also fast genauso tot wie Latein :-)

Latein eine Fremdsprache???: Mal Ehrlich, mit wem sprichst man auf lateinisch? Durch Latein wird auch auf keinem Fall eine weitere Fremdsprache schneller gelernt. Wer Interesse ans Spanisch hat sollte es doch gleich lernen. Latein bringt einfach nichts. In Frankreich ist Latein eine tote Sprache, und man wählt nicht zwischen Deutsch oder Latein als 2. Sprache, sondern lernt gleichzeitig Deutsch und Latein, oder nur Deutsch. Latein (oder Altgriechisch) kommt immer dazu, nie als 2. Sprache. Und so ist es auch richtig, denn diese beide Sprachen bringen schon was, aber nichts was der Austausch zwischen Menschen erleichtert.

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