Sprachenfolge Französisch oder Latein für Anfänger?

Thea Bracht, 23.01.2013 06:00 Uhr

Stuttgart - Alle Experten sind sich einig, dass Kinder möglichst früh Sprachen lernen sollten. Viele plädieren dafür, schon im Kindergarten mit einer Fremdsprache zu beginnen. Die Europäische Kommission empfiehlt, jeden Schüler in zwei EU-Sprachen auszubilden.

Es ist wirklich ambitioniert, vier Sprachen zu lernen. Karin Winkler, Eberhard-Ludwigs-Gymnasium

In Baden-Württemberg begegnen die Grundschüler spielerisch von der ersten Klasse an einer Fremdsprache – entlang der Grenze zu Frankreich Französisch, im Rest des Landes Englisch. Die Grundschulfremdsprache wird dann in der Regel am Gymnasium als erste Fremdsprache fortgeführt. Die zweite Fremdsprache kommt, je nach Schule, in Klasse 5 oder spätestens in Klasse 6 dazu.

Vielen Betroffenen fällt es schwer, sich zwischen Französisch und Latein zu entscheiden, zumal es gute Argumente für beide Sprachen gibt. Man kann nicht sagen, dass die eine oder andere Sprache leichter oder schwerer zu erlernen ist, anspruchsvoll sind beide. Es gibt auch keine allgemein geltenden Richtlinien bei der Sprachwahl. Natürlich muss erst einmal das Kind selbst nach seinen Wünschen befragt werden. Welche zweite Fremdsprache sinnvoll ist, hängt auch von der Persönlichkeit und dem Kommunikationsverhalten des Schülers ab. „Der eine lernt durch Nachahmung, der andere eher strukturierter“, erklärt Karl Waidelich, der Schulleiter des Königin-Olga-Stifts. Ein Kind, das sehr analytisch denke und vom Wesen zurückhaltend sei, werde sich vermutlich mit Latein leichter tun. Für den „fröhlichen Gesprächstyp“ biete sich eher Französisch an. Wer unsicher sei, könne sich Rat bei den Grundschullehrern holen, empfiehlt Karl Waidelich. „Sie können genau sagen, welche Stärken die Schüler haben.“

Latein beschleunigt das Erlernen anderer Sprachen

Karin Winkler, Schulleiterin am humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, hält Latein grundsätzlich für eine gute Wahl – nicht nur weil das Latinum für manche Studienfächer Voraussetzung ist (siehe Serienteil „Alte Sprachen“ am morgigen Donnerstag).

Die Übersetzung komplexer Sätze sei eine gute Konzentrationsübung, argumentiert Winkler: „Das schult die Sprachgenauigkeit enorm, und die Schüler entwickeln ein Gefühl für eine korrekte Sprache.“ Im Zeitalter der schnellen Kommunikation per SMS und Chats sei dies wichtiger denn je. Für Schüler mit Rechtschreibschwierigkeiten kann Latein ihrer Ansicht nach die bessere Wahl sein. „Es gibt keine Diktate, das entlastet manche sehr“, erläutert die Schulleiterin.

Latein beschleunige zudem das Erlernen anderer Sprachen, weil es bei Wortschatz und Grammatik große Synergieeffekte gebe. Umgekehrt sei es mühsam, sich all die Fremdwörter, die man im Lateinunterricht lerne, später anzueignen. Zugleich sei auch Französisch eine wichtige Fremdsprache, betont Winkler, „schon aus der europäischen Tradition heraus“.

Karl Waidelich findet es sinnvoll, wegen der engen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen die Sprache des Nachbarn zu sprechen. „Französisch ist eine lebende Sprache, die einem wegen der unmittelbaren Nähe zu Frankreich sehr nützen kann.“ Französischkenntnisse können später im Beruf von Vorteil sein, weil Französisch in zahlreichen Staaten Amtssprache ist. Im Übrigen erleichtere jede romanische Sprache – also egal ob Latein, Französisch, Italienisch oder Spanisch – den Zugang zu einer weiteren, betont Karl Waidelich.

Wer sich für das sprachliche Profil entscheidet, studiert von Klasse 8 an eine dritte Fremdsprache. Die Auswahl an den Stuttgarter Gymnasien ist groß, unterrichtet werden Französisch, Latein, Spanisch, Russisch, Portugiesisch oder Italienisch. Weitere Sprachen, darunter Japanisch, werden als Arbeitsgemeinschaften angeboten. Am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und am Karls-Gymnasium kann man als dritte Sprache Altgriechisch draufsatteln und somit zwei alte und zwei neue Fremdsprachen erlernen. „Das ist dann das Sahnehäubchen“, sagt Karin Winkler. Trotzdem solle man sein Kind nicht mit zu vielen Sprachen überfordern, warnt sie: „Es ist wirklich ambitioniert, vier Sprachen zu lernen.“ Allein das Pauken der Vokabeln kostet viel Zeit, die den Schülern möglicherweise an anderer Stelle fehlt.