Sprachwissenschaft Der Klang der Sympathie

Von Eva Wolfangel 

Im Gespräch passen sich Menschen ihrem Gegenüber an: Sie verfallen in Babysprache oder beginnen zu schwäbeln. Warum das geschieht, erforschen Sprachwissenschaftler der Universität Stuttgart.

Beim Sprechen mit Kindern wird deutlich, wie sehr man sich seinem Gegenüber annähert. Foto: dpa
Beim Sprechen mit Kindern wird deutlich, wie sehr man sich seinem Gegenüber annähert.Foto: dpa

Stuttgart - Wenn der Bürokollege mit seiner Mutter telefoniert, schwäbelt er. Ruft er hingegen die Berliner Zentrale an, spricht er astreines Hochdeutsch. Viele Menschen beobachten diesen Effekt verblüfft an ihren Mitmenschen – und merken nicht, dass er sie selbst ebenso betrifft: Wir passen uns sprachlich unwillkürlich an unsere Mitmenschen an. Während manche den Wechsel zwischen Dialekt und Hochdeutsch bewusst steuern können – zumindest teilweise –, geschehen viele andere Anpassungen unbewusst: Wenn sich zwei Menschen unterhalten, benutzen sie zunehmend die gleichen Wörter, ihre Aussprache und ihre Betonung im Verlauf des Gesprächs werden sich ähnlicher.

Mit diesem Effekt der sprachlichen Konvergenz beschäftigt sich die Sprachwissenschaft seit den sechziger Jahren, aber noch ist nicht erforscht, was genau dabei passiert und aus welchen Gründen sich manche Menschen mehr und manche weniger aneinander anpassen.

Natalie Lewandowski vom Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung der Universität Stuttgart hat jetzt einen unerforschten Faktor entdeckt, der Widersprüche der bisherigen Forschung auflöst: das sprachliche Talent. Sie ließ sprachbegabte und weniger sprachbegabte Deutsche mit englischsprachigen Muttersprachlern im Labor kommunizieren, nahm die Gespräche auf und wertete sie mit modernen computerlinguistischen Methoden aus. Das Ergebnis: wer ein größeres Talent hat, sprachliche Feinheiten aufzunehmen, passt sich auch mehr an seinen Gesprächspartner an.

Ausgezeichnet für besonders verständliche Forschung

Sprachbegabte Menschen können fremde Laute besser nachahmen – und tun dies auch unbewusst. Für einen Aufsatz über ihr Forschungsprojekt ist Lewandowski, die ihr Studium an der Universität im polnischen Poznan absolviert hat, nun mit dem Preis für verständliche Wissenschaft der Klaus-Tschira-Stiftung aus Heidelberg ausgezeichnet worden.

„Bisherige Studien fanden eine enorme Varianz“, sagt Lewandowski: Manche Probanden passten sich stark an Gesprächspartner an, andere schienen dem nahezu komplett zu widerstehen. Mit den bestehenden Theorien ließen sich diese Unterschiede nicht schlüssig erklären. Sie machten für den Effekt entweder das Streben nach Anerkennung oder eine automatische, nicht beeinflussbare Reaktion verantwortlich (siehe nächste Seite). „Für beides gibt es Belege“, sagt Lewandowski, „aber die Lösung liegt dazwischen.“

Eine der Theorien konnte Lewandowski direkt nachweisen. Sie hatte den Muttersprachlern die Aufgabe gegeben, sich nicht anzupassen. Sie sollten ihre englische Aussprache beibehalten, ganz egal, wie ihr Gegenüber spreche. „Sie konnten ihre Ausspracheanpassung nicht verhindern“, sagt Lewandowski. Sie kamen ihren deutschen Gesprächspartnern trotzdem entgegen.

Lange wurde der Effekt, den das Gegenüber auf den Sprecher ausübt, in der Forschung vernachlässigt. Erst die Soziolinguistik stellte in den siebziger Jahren die These auf, dass sich Menschen aneinander anpassen. „Damals wurden ganz andere Methoden genutzt“, sagt Antje Schweitzer vom Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung der Universität Stuttgart. Weil zur Sprachauswertung keine computergestützten Modelle genutzt werden konnten, spielten gröbere Faktoren eine Rolle: beispielsweise die Dauer der Äußerungen oder die Lautstärke des Gesprächs. „Damals entstand eine breiter gefasste Kommunikationstheorie“, sagt Schweitzer: Auch die Gestik und die Kleidung waren im Fokus der Forscher – Faktoren, die unumstritten auch bewusst gesteuert werden können.

Moderne Technik erlaubt die Analyse großer Datenmengen

Angesichts moderner technischer Möglichkeiten erforscht die Sprachwissenschaft heute die Feinheiten wie die phonetische Annäherung auf Lautebene, die im Alltag weniger offensichtlich ist und damit auch weniger bewusst gesteuert werden kann. „Erst jetzt kann man natürliche Sprache und damit große Datenmengen auswerten“, sagt Schweitzer.

Dennoch geschieht dies hauptsächlich in den USA. Für die deutsche Sprache gibt es kaum aktuelle Forschung zur phonetischen Konvergenz. Eines der größten Projekte seiner Art findet derzeit in Stuttgart statt. Unter dem Arbeitstitel „Wie klingt Sympathie?“ ergründen ein Stuttgarter Team, zu dem Schweitzer und Lewandowski gehören, wieso sich Menschen sprachlich aneinander anpassen und wie sich das auf die Sprache auswirkt.

Eine Grundlage ist Lewandowskis neuer Ansatz einer Kombinationstheorie, die sowohl psychologische Faktoren und Unterschiede im Sprachtalent als Ursache der Anpassung annimmt als auch automatische Komponenten.

Um möglichst natürliches Material zu erhalten, baten die Forscher Probanden zu insgesamt 46 Dialogen ins Labor. Sie sollten sich eine halbe Stunde über ein beliebiges Thema unterhalten. Im Anschluss wurden die Probanden einem Persönlichkeitstest unterzogen und mussten Fragen beantworten wie die, ob sie ihren Gesprächspartner sympathisch fanden und wie kompetent sie ihn einschätzen. „Wir wollen möglichst viele Parameter erforschen“, sagt Schweitzer. Die Daten werden derzeit ausgewertet. Dabei zählt der Klang ebenso wie die Länge der Sprachbeiträge, die Pausen und Kommentare wie „Hmm“ oder „Ja“, die ein Sprecher einfließen lässt, während er seinem Gegenüber zuhört.

Auch der Computer soll sich einmal dem Menschen anpassen

Solche Rückmeldesignale, die im Fachjargon Backchannels genannt werden, so die erste Erkenntnis des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts, produzieren Menschen umso gehäufter, je kompetenter sie ihren Gesprächspartner einschätzen. Sie haben vermutlich einen Einfluss darauf, wie natürlich ein Gespräch empfunden wird, so die Bielefelder Linguistin Petra Wagner. „Sie vermitteln: ich höre dir zu, ich bin noch am Ball.“

Die Annäherung macht ein Gespräch zudem effektiver, wie die Forschung ergeben hat. „Konvergenzeffekte haben offenbar einen positiven Einfluss auf das Verstehen“, sagt Wagner. Denn wenn Menschen sich im Gespräch aneinander angleichen, geschieht das nicht nur auf der Lautebene, sondern auch auf der inhaltlichen Ebene, so Wagners Beobachtung. „Man fängt an, ähnlich zu denken.“

Die Bielefelder Forscher haben auch ein praktisches Anwendungsfeld im Blick: die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Wenn Computer im Dialog mit Menschen im richtigen Moment und Rhythmus antworten, werden sie vermutlich natürlicher klingen. Es würde das Gespräch mit ihnen vereinfachen. Damit Computer lernen können, sich auf Menschen einzustellen und sich ihnen im Gespräch anzugleichen, müssen Forscher ein Modell der Dynamik der menschlichen Sprache erstellen – und das kommt ohne Konvergenz nicht aus.

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