Spritpreise Schlangen vor den Tankstellen

Paul Kreiner, Rom, 22.06.2012 15:00 Uhr

Rom - In Italien ist eine Art Wirtschaftswunder zu bestaunen: Die Sommerferien haben begonnen, aber die Benzinpreise sinken. Angefangen haben die Agip-Tankstellen, die sich heute Eni nennen. Die nächsten drei Monate geben sie jedes Wochenende den Treibstoff um 20 Cent pro Liter billiger ab. Und weil das Sonderangebot bei der Premiere am vergangenen Sonntag mächtig eingeschlagen hat, ziehen die anderen Marken nach.

Es tut ihnen nicht weh. Benzin und Diesel sind in Italien so teuer wie in Europa sonst nur jenseits des Ärmelkanals. Und während die Raffinerien für den Rohstoff nur vier Prozent mehr ausgeben mussten, verlangten sie an den Tankstellen 21 Prozent mehr. Wobei: der Staat hat kräftig mitgezapft. In jeder Notlage rennen die Finanzminister zu den Tankstellen. Regierungschef Mario Monti war für seine radikalen Haushaltsmanöver in sieben Monaten schon zweimal dort. Und selbst wenn die Suezkrise 56 Jahre zurückliegt, Siziliens Riesenerdbeben 44 Jahre und der Militäreinsatz in Bosnien 16 Jahre – keine Regierung hat die „Notopfer“ je zurückgenommen.

Die Italiener haben ihren Treibstoffverbrauch radikal gesenkt

Die Folge: der Benzinpreis kam im Frühjahr auf über 1,90 Euro zu liegen; Staatssekretär De Vincenti vom Ministerium für Wirtschaftsentwicklung trat die Erdölmagnaten vors Schienbein, sprach über soziale Verantwortung und die konjunkturelle Rettung Italiens – und siehe da: schon damals ging der Preis um ein bis zwei Cent nach unten.

Die Firmen hatten dabei aber weniger auf die Regierung gehört als auf Absatzzahlen geschaut. Denn die Italiener haben ihren Treibstoffverbrauch radikal gesenkt. Im Jahresvergleich liegt das Minus derzeit bei fast elf Prozent; seit 2009 ist der Benzinverbrauch um mehr als ein Fünftel zurückgegangen. Schlangen vor den Tankstellen scheinen den Benzinmanagern recht zu geben. Aber die Wartezeiten waren auch deshalb so lang, weil der Rabatt nur für Selbstbedienungstankstellen galt, die über Automaten gesteuert werden. Mit diesen komplizierten Dingern aber können und wollen mehr als die Hälfte der Italiener nicht umgehen. Lieber, auch wenn das mehr kostet, bleiben sie hinterm Steuer sitzen und lassen sich vom Tankwart bedienen. Und anschließend meckern sie über die hohen Spritpreise.