Stuttgart - Wo ist bloß das Bild? Man sieht es kaum. Bestenfalls einen Hauch von Farbe, die vage Ahnung eines Pinselstrichs. Auf dem Gemälde „Raue See“ von William Turner ist kaum etwas geboten – und doch unendlich viel. Der Materialeinsatz tendiert gegen null, dabei sind da nebelschwere Wolken, pralle Gischt und eisige Wellen. Mit nicht mehr als einigen beiläufigen Pinselstrichen und Flecken hat Turner ein gewaltiges Naturschauspiel inszeniert, ein Seespektakel, das einen frösteln lässt.
Die Staatsgalerie Stuttgart lädt nun zum heiteren Rätselraten ein. Hinter den Titeln von Turners kleinen Ölbildern auf Karton stehen große Fragezeichen. „Schiff im Sturm?“ Oder: „Meer und Himmel?“ Turner hat den schnell hingeworfenen Blättern keine Bezeichnung mit auf den Weg gegeben, und doch lässt sich aus der Handvoll blasser Spuren eindeutig eine Küstenszene mit Brandung herauslesen oder ein Meer mit grauen Wolken. Zwischen 1840 und 1845 hat Turner diese brillanten Blätter gemalt und war mit der radikalen Reduktion seiner Zeit weit voraus. Man hatte ihn schon früher für ein exzentrisches Genie gehalten. Als der erfolgreiche Maler im Alter aber immer kompromissloser wurde, stieß er zunehmend auf Ablehnung. Er male nur noch „Seifenlauge und Tünche“ lästerten seine Kritiker.
Nach einer ersten Station in Stockholm ist in der Staatsgalerie Stuttgart nun die Ausstellung „Turner, Monet, Twombly – Späte Malerei“ angekommen. Turner hat mit seinen Lichteffekten den Impressionismus beeinflusst, der Impressionist Monet hat wiederum die Abstraktion vorangetrieben. Zu den beiden Malern, die ihren festen Platz im Kanon verdient haben, gesellt sich in der Staatsgalerie ein dritter: der im vergangenen Jahr verstorbene Amerikaner Cy Twombly. Er hat das Kritzeln zur Methode erklärt, hat Graffiti und Geschreibsel von Toilettentüren in die Kunst geholt. Er zeichne „linkisch“, meinte einst Roland Barthes – und meinte das durchaus als Kompliment.
Verblüffend, wie ähnlich sich die beiden sind
Konfrontationen im Museum sind en vogue, kaum ein Sammlungsbestand, bei dem die Stile und Jahrhunderte nicht kühn kombiniert würden. Turner und Monet nebeneinander zu stellen ist keineswegs nur Marotte, sondern kunsthistorisch schlüssig: Claude Monet reiste während des deutsch-französischen Kriegs nach London, wo er die Werke Turners und Constables studierte. Es ist verblüffend, wie ähnlich die beiden sich mitunter sind, dabei repräsentieren sie doch verschiedene Generationen und Epochen: Als Turner 1851 starb, war Monet gerade mal zwölf Jahre alt. Trotzdem erinnert das kräftige Rosa auf Monets „Waterloo Bridge“ eher an Turner als an Monet selbst.
Die Ausstellung in der Staatsgalerie folgt Themen. Aber so großzügig wie der Begriff Spätwerk gehandhabt wird, werden auch die Überschriften eher assoziativ durchdekliniert. „Atmosphäre“ und „Lebenskraft“ lauten die Schlagworte, eine Sektion ist den Begriffen „Süßeste Lust Melancholie“ gewidmet. Es lassen sich schöne Vergleiche anstellen: zwischen William Turners Ansicht von San Benedetto (erstmals ausgestellt 1843) und Monets Venedig-Silhouette von 1908. Beide fangen die Atmosphäre ein und das flirrende Licht über dem Wasser, Monet aber komponiert deutlich sorgloser, San Giorgio Maggiore und die Gondeln sind bei ihm nur noch Akzente auf einer großen, durchgetupften Fläche.
Was aber hat Cy Twombly mit Turner und Monet zu tun? Nichts. Er ist weder Lichtmaler noch hat er sich je auf Turner oder Monet bezogen. Jeremy Lewison hat die Ausstellung kuratiert. Seine These, dass alle drei Maler Nähe zur Romantik hätten, ist so wenig schlagend wie die Klammer, dass sich alle drei im Spätwerk mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandergesetzt hätten. Das tun andere Künstler auch. Immerhin hat Lewison Twombly noch vor dessen Tod sprechen können und dabei erfahren, dass Twombly einen Katalog von Monet besaß. Und in seiner Sammlung von Künstlerkorrespondenzen befanden sich Briefe von ihm.


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Erst mal ein eigenes Bild machen
Am besten sollte sich jeder vor Ort ein eigenes Bild von der Ausstellung machen - oder vorab unter www.mach-dir-dein-eigenes-bild.de
Bau-Zaun nicht Baunzaun .
Interessant, dass Frau Braun einen Apsekt erkennt, der höchst pikant sein könnte. Rainbird und Lewison kennen sich von der Tate Gallery . Der eine ist jetzt Direktor einer Staatsgalerie, der andere fahrender Händler in Sachen Kunst ( Sorry, ich meinte : freier Kunstmakler und Kurator einer Austellung ) . Das ist Kunst-Business on very high level . Kaum zu toppen.
Twombly und der Baunzaun
Schnell noch ins Museum, bevor der Kruscht niemand mehr interessiert. Im Vergleich zu den Klassikern zeigt sich, welch einen Mist Twombly produziert hat. Die eigentliche Kunst besteht darin, Twombly für viel Geld zu verkaufen .