Staatstheater Stuttgart Bald kommen die neuen Spielpläne

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In der kommenden Woche präsentiert das Staatstheater Stuttgart seine Pläne für die nächste Saison. Es wird eine Spielzeit der Abschiede: Jossi Wieler, Reid Anderson und Armin Petras werden im Sommer 2018 gehen. Doch die Nachfolger stehen schon bereit.

Großes Haus mit Tradition: das Stuttgarter Opernhaus Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 10 Bilder
Großes Haus mit Tradition: das Stuttgarter Opernhaus Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die aktuelle Spielzeit ist noch in vollem Gange, doch in der kommenden Woche stellen die Staatstheater Stuttgart schon ihre Spielpläne für die Saison 2017/18 vor. Es wird eine große Abschiedssaison. Alle drei Sparten verlieren am Ende ihre künstlerische Intendanten: Schauspielchef Armin Petras wird Stuttgart nach fünf Spielzeiten wieder verlassen, Opernintendant Jossi Wieler nach sieben, Ballettchef Reid Anderson gar nach 23. Ihre letzten Ideen, Premieren und Projekte für das Stuttgarter Opern- und Schauspielhaus, für Kammertheater und Spielstätte Nord halten sie derzeit noch geheim. Doch dass ein tiefer Einschnitt auf das Stuttgarter Publikum zukommt, liegt auf der Hand. Was wird im Endspurt künstlerisch noch möglich sein?

Derweil stehen die Nachfolger schon bereit. Die künftigen Spartenchefs Viktor Schoner (Oper), Tamas Detrich (Ballett) und Burkhard C. Kosminski (Schauspiel) stecken längst in den Planungen für ihre erste Saison. Über Stücke, Namen und Titel kann man derzeit nur spekulieren. Aber die Erwartungen von Publikum und Kritik sind hoch. Nur ein Name und eine Position bleibten in jedem Fall fest erhalten: Der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks muss den großen Wechsel im Haus überbrücken. Und zugleich die Mammutaufgabe der dringend notwendigen Opernhaus-Sanierung vorantreiben.

Jossi Wieler: Oper von Gewicht

Der 65-jährige Schweizer übernahm im Sommer 2011 von seinem Vorgänger Albrecht Puhlmann die Stuttgarter Oper in geschwächtem Zustand. Der Start war nicht leicht: Wielers eigene Inszenierungen (gemeinsam mit Sergio Morabito) fanden schnell ihr Publikum, die Arbeiten der Hausregisseurin Andrea Moses zündeten dagegen nicht so recht. Doch seit einem Neustart im Sommer 2015 läuft es rund am Opernhaus. Neben dem Intendanten selbst lieferten spannende Gäste wie Andrea Breth, Kirill Serebrennikov, Calixto Bieito und Frank Castorf herausragende Produktionen; im September 2016 wählten die deutschen Fachkritiker Stuttgart zum Opernhaus des Jahres. Wielers Abschiedssaison wird sicher auch Bilanz der Stuttgarter Zeit sein. Und er selbst wird sich in Zukunft als freier Regisseur wieder auf das konzentrieren, was seine größte Stärke ist: das Erforschen und Nacherzählen großer Stoffe aus überraschender Perspektive.

Armin Petras: Sperriges Schauspiel

Staunen und Vorfreude im Südwesten waren groß, als im Sommer 2013 der heute 52-Jährige als Schauspielchef vom Gorki-Theater in der Kulturmetropole Berlin in den deutschen Südwesten zum Staatstheater Stuttgart wechselte. Mit im Gepäck hatte er ein exquisites Schauspieler-Ensemble und einen Sack bereits in Berlin erfolgreicher Produktionen, die in de ersten Monaten die Zuschauer in Begeisterung versetzten. Doch die Hochspannung hielt nicht; zu oft erstickte fortan das theoriereiche Konzept jedes lebendige Spiel. Dramaturgie, Personal, der Intendant selbst – irgendwie ist die Mannschaft mit der Stadt nicht warm geworden; man fremdelt. Derweil sinken die Besucherzahlen. Auch in der zu Ende gehenden Saison 2016/17 ist der große Umbruch wohl nicht gelungen. Was lässt die Abschiedssaison erwarten? Ein Regie-Wiedersehen mit dem Veteranen Claus Peymann - und die Hoffnung auf einen irgendwie versöhnlichen Schluss.

Reid Anderson: Tanz mit Glanz

Ob der heute 68-jährige Kanadier im Sommer 1996 geahnt hat, dass sein Dienstantritt als Direktor beim Stuttgarter Ballett den Beginn einer ganzen Ära markiert? 22 Jahre hat Anderson die Kompanie in der Tradition des legendären John Cranko fortgeführt, aber auch modernisiert, technisch enorm gesteigert, mit neuen, vielfach jungen Choreografen künstlerisch weit geöffnet und zu einem weltweit bestens vernetzten Zentrum des Tanzes ausgebaut. Dank seiner Arbeit ist das Ballett eine Stuttgarter Exportmarke geblieben. Sein vielleicht wichtigstes Erbstück für Stadt und Nachfolger wird aber ein Haus: der im Herbst 2018 fertige Neubau der John-Cranko-Schule, für den er viele Jahre lang gekämpft hat. In 22 Spielzeiten hat der Ballettintendant bisher keine Gelegenheit ausgelassen, Jubiläen zu feiern. Da wird auch seine 23. und letzte Stuttgarter Spielzeit wohl noch manche Gala bieten. Wehmut und Tränen inklusive.

Marc-Oliver Hendriks: Einer bleibt

Dem Publikum mag er am wenigsten bekannt sein, für die Staatstheater leistet er entscheidende Arbeit: Der 46-jährige gebürtige Duisburger liefert als Geschäftsführender Intendant die Basis und die Voraussetzungen für alle künstlerische Arbeit, alle Höhenflüge. Seit Sommer 2009 verantwortet er Technik, Verwaltung und Betrieb der Staatstheater, ist für das Budget verantwortlich und steigert die Effektivität des Betriebes. Der Jurist liebt seit ersten Lehrjahren an der Deutschen Oper Berlin die Bühnenkunst. Sein Geschäftsführer-Erfolg strahlt so hell, dass jederzeit ein Ruf auch aus München, Hamburg oder Wien kommen könnte. Stuttgarts Glück: Hendriks Vertrag läuft derzeit bis zum Sommer 2022. So kann er sich ganz dem großen Zukunftsthema an der Kulturmeile widmen: der Sanierung des Opernhauses. Er betreibt dies mit großem Geschick – als mindestens ebenbürtiger Partner der Kulturpolitik

Sylvain Cambreling: Der GMD mit Groove

Sympathisch, unprätentiös, charmant, unkonventionell, experimentierfreudig: so präsentiert sich seit dem Sommer 2012 der nunmehr 68-jährige Franzose Sylvain Cambreling als GMD dem Opern- und Konzertpublikum. Den hiesigen Musikfreunden war er ohnehin gut bekannt, hatte er doch zuvor das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden geleitet. Große Überraschungen bei seinen Arbeiten am Opernrepertoire blieben aus. Doch das Publikum weiß: Zur großen Form läuft der Mann mit dem Zopf dann auf, wenn es um die Moderne geht, um Grenzerkundungen und Neuland. Mit der Orchestersuite aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ brachte er bei einem Neujahrskonzert das Opernhaus vor Energie schier zum Bersten. Und bereits im Juli steht eine seiner kostbarsten Opern-Wiederentdeckungen erneut auf dem Spielplan: Edison Denisovs „Schaum der Tage“ voller Jazz und Groove.

Die Nachfolger sind schon in Sicht: Schoner, Detrich, Kosminski, Meister

Für alle drei Intendanten-Neubesetzungen am Stuttgarter Staatstheater zeichnen die Kunstminister Theresia Bauer und der Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) verantwortlich: Victor Schoner, Jahrgang 1974, derzeit Künstlerischer Betriebsdirektor der Bayerischen Staatsoper in München, wird im Sommer 2018 Nachfolger von Jossi Wieler. Er ist der Mann, den auch Interims-Spielstätten während der Opernsanierung nicht schrecken dürfen.

Der 57-jährige US-Amerikaner Tamas Detrich, früher Erster Solist und seit 2009 stellvertretender Direktor des Stuttgarter Balletts, wird im Sommer 2018 an Reid Andersons Schreibtisch wechseln. Viele Tanzfreunde erwarten von ihm vor allem Kontinuität. Doch er wird um Einschnitte nicht herumkommen.

Die mit Abstand kürzeste Vorbereitungszeit hat der 55-jährige Burkhard C. Kosminski, derzeit Schauspielintendant am Nationaltheater Mannheim. Er wurde erst im April nach der überraschenden vorfristigen Kündigung von Armin Petras zu dessen Nachfolger am Schauspielhaus bestimmt.

Und ein Generationswechsel steht ins Haus: Der 37-jährige Hannoveraner Cornelius Meister wird der neue Generalmusikdirektor in Stuttgart. Er hat früh seine Dirigentenlaufbahn begonnen und widmet sich einem breiten Opernrepertoire. Derzeit ist Meister Chefdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien.