Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz Abhängen zwischen den Bücherregalen

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Ein ungewöhnliches Selfie oder freies Wlan: Nicht alle Besucher kommen in die Stadtbibliothek, um sich ein Buch auszuleihen. Besuch an einem Samstagabend.

Ein Ort des Zeitvertreibs – die Stadtbibliothek am Samstagabend Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Ein Ort des Zeitvertreibs – die Stadtbibliothek am SamstagabendFoto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Beinahe ertappt wirkt der junge Mann, als er angesprochen wird. Dabei stört er niemanden, er verhält sich mucksmäuschenstill. Der 21-jährige Syrer Kotaiba sitzt in einer Ecke im dritten Stock der Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Er hat Kopfhörer in den Ohren und hält sein Smartphone quer – er schaut Fußball. Welches Duell er gerade verfolgt, ist nicht erkennbar: Die Namen der Teams stehen in arabischen Schriftzeichen auf seinem Smartphone. „Ich lebe seit anderthalb Jahren in Stuttgart und war seitdem schon etwa 20 Mal in der Stadtbibliothek“, sagt der Syrer. Allerdings kommt er beileibe nicht immer nur dann, wenn gerade ein spannendes Fußballturnier aus der Heimat übertragen wird: „Ich leihe mir hier Bücher in arabischer Sprache aus“, sagt Kotaiba.

An diesem Samstagabend sind einige Besucher in der Stadtbibliothek, die offenkundig nicht hier sind, um sich ein Buch auszuleihen. Zahlreiche Besucher versuchen sich an dem perfekten Selfie, bei dem sie und die besondere Architektur des Hauses gleichermaßen gut aussehen. Außerdem scheint ein großer Teil hier zu sein wegen des frei verfügbaren Internets. Wer sich für 20 Euro im Jahr einen Benutzerausweis erstellen lässt, kann unbegrenzt surfen. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre zahlen nichts für den Nutzerausweis. Zwar ist dies auch in allen anderen Stadtbibliotheken der Landeshauptstadt möglich, doch die zentrale Lage gegenüber des riesigen Einkaufszentrums Milaneo zieht besonders viele Besucher an.

Seit der Eröffnung steigen die Besucherzahlen kontinuierlich an

„Die Besucherzahlen im Gesamten, aber insbesondere in der Bibliothek am Mailänder Platz steigen seit der Eröffnung vor fünf Jahren kontinuierlich an“, sagt die Chefin der Stadtbibliothek, Christine Brunner. Im vergangenen Jahr zählte die Stadtbibliothek 1 47 7 633 Besucher, im Vorjahr waren es 1 433 622, im Jahr 2014 noch 1 236 109.

An diesem Samstag herrscht zwischen den Buchregalen kein Gedränge – dafür aber sind die fest installierten Computer bis auf den letzten Platz belegt. Noch mehr mehr Besucher beschäftigen sich mit ihrem eigenen Gerät. So lümmeln vor allem in der Kinderabteilung im zweiten Stock, wo es die bequemen Sofas und Sitzecken gibt, mehrere Gruppen von Jugendlichen. Ein Buch hat hier keiner in der Hand, dafür aber alle ein Smartphone.

Allerdings kommen nicht alle Jugendlichen nur wegen des freien Internets, stellt Brunner klar. „Wir beobachten, dass sich die Jugendlichen zum gemeinsamen Lernen treffen oder die Atmosphäre des Galeriesaales nutzen, um sich dort aufzuhalten oder eine Veranstaltung besuchen.“ Trotzdem hat die Stadtbibliothek mittlerweile zumindest die Nutzung der festinstallierten Computern auf zwei Stunden begrenzt.

Im vergangenen Jahr gab es fünf Hausverbote – doch nicht alle fügten sich

Ein junges Mädchen im vierten Stock hat ihren eigenen Laptop mitgebracht. Sie scheint momentan mehr mit der Abendplanung beschäftigt als mit den Lernsachen vor ihr. Per Videochat fragt sie ihren Gesprächspartner: „Und, was geht heute noch?“. Einige an ihrem Tisch, die offenkundig noch am Lernen sind, schauen kurz hoch – doch keiner traut sich, etwas gegen das Gespräch am Handy zu sagen.

Die Leiterin der Bibliothek bestätigt, dass sich immer wieder Besucher nicht an die Regeln hielten. Im vergangenen Jahr mussten fünf Hausverbote ausgesprochen werden. Die Besucher hatten sich rücksichtslos gegenüber anderen verhalten und die Hausordnung missachtet. Ein anderer Grund sei versuchter Diebstahl gewesen. „Häufig zeigt sich, dass psychische Erkrankungen die Ursache für das unangemessene Auftreten ist“, sagt Brunner. „Gelegentlich“ habe auch die Polizei kommen müssen, da sich jemand dem Hausverbot nicht fügen wollte. Im Jahr 2015 wurden sogar zehn Hausverbote ausgesprochen.

Doch auch der Mailänder Platz zwischen Bibliothek und Milaneo hat sich in den vergangenen fünf Jahren zunehmend als Treffpunkt etabliert. Dabei sind nicht alle so harmlos wie die zwei 15-jährigen Mädchen aus Geislingen an der Steige, die gerade noch auf die die anderen Freundinnen warten, um nach einer ausgiebigen Shoppingtour wieder zurück Richtung Alb zu fahren. Der Mailänder Platz gehört mit zu den Orten, an denen seit einem Jahr im Rahmen des „Sicherheitskonzepts Stuttgart“ (SKS) verstärkt Streifenpolizisten unterwegs sind.

Die Polizei registriert vor allem Diebstähle

Dabei spielt Gewalt hier statistisch gesehen eine kleine Rolle. Zu den von der Polizei registrierten Straftaten rund um das Milaneo zählen vor allem Diebstahldelikte. In Einzelfällen wurden die Täter dabei handgreiflich, Brennpunktcharakter hat der Mailänder Platz aber nicht. Trotzdem waren zwischen April und Juni 2016 an zwei Tagen pro Woche probeweise knapp 50 Streetworker der Mobilen Jugendarbeit vor Ort. „Wir wollten herausfinden, was die Jugendlichen hier machen und woher sie kommen“, erläutert Klausjürgen Mauch von der Evangelischen Gesellschaft (Eva).

Dass probeweise Streetworker unterwegs waren, dafür haben sich Stadtbibliothek, Polizei, Mobile Jugendarbeit sowie Milaneo und Sparkassenakademie gemeinsam in einem Projekt entschieden. Am Montag, 13. Februar, wollen die Beteiligten das Projekt und die Ergebnisse daraus im Jugendhilfeausschuss der Stadt vorstellen.