Stadtbibliothek am Mailänder Platz Der Leuchtturm steht noch einsam im Matsch

Von Thomas Borgmann und  

Ursprünglich ist die Bibliothek als krönender Schlussstein im Europaviertel vorgesehen gewesen. Nun eröffnet sie mitten in einem Baufeld.

Ein Blick von den Türmen des Bankenviertels: rechts entstehen die Pariser Höfe, die 2012 fertig sein sollen. Foto: Achim Zweygarth 3 Bilder
Ein Blick von den Türmen des Bankenviertels: rechts entstehen die "Pariser Höfe", die 2012 fertig sein sollen.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Wenn der wichtigste Handlungsort eines Romans im neuen Europaviertel liegen würde, könnte das Buch wohl nur eine spröde Liebesgeschichte erzählen: Unmittelbar neben der neuen Stadtbibliothek öffnet sich ein öder Tunnelmund, in den noch lange keine Stadtbahn fahren wird. Baugitter grenzen eine Brache von der nächsten ab, Metallteile und Platten liegen im Gestrüpp. Vor Containern stehen Bauarbeiter im kühlen Herbstwind und rauchen. Wenn es nach den ursprünglichen Plänen gegangen wäre, würde schon heute rund um die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz das Leben toben, Einkäufer flanieren, Anwohner die Tür zu ihren Wohnungen aufschließen, Pendler auf ihre Stadtbahn warten.

Doch weil bei Stuttgart 21 lange keine Weichen gestellt wurden, ist die neue Stuttgarter Bibliothek nun vor allen anderen Bauten fertig geworden. Am Freitag wird sie eingeweiht, besonders der Oberbürgermeister fiebert dem 21. Oktober entgegen. Für Wolfgang Schuster, der in den neunziger Jahren einige Zeit lang als Stuttgarts Kulturbürgermeister tätig war, ist dieser Bücherwürfel sein zweites Lieblingsprojekt nach dem Kunstmuseum am Schlossplatz. Der OB spricht dabei gerne von Leuchttürmen - vor allem, wenn es um das Haus im Europaviertel geht. Doch sein Leuchtturm steht vorerst noch einsam im Matsch.

Wie auch immer die Volksabstimmung am 27. November ausgehen mag, was immer auch aus Stuttgart 21 werden wird - der Oberbürgermeister und die Mehrheit im Gemeinderat sehen hinter dem Hauptbahnhof, auf dem ehemaligen Güterbahnhof unterhalb der Heilbronner Straße, aber auch dort, wo heute noch die Gleise liegen und die Züge fahren, beste Chancen für den Städtebau: "Dass die vor hundert Jahren verlegten Gleise die Innenstadt durchtrennen, das muss endlich überwunden werden", so der Tenor. Sowohl der OB als auch das Stadtparlament wollen jetzt weitere alte Fehler vermeiden: Das massive Stammhaus der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) gilt in der Kommunalpolitik längst als Sündenfall, der sich nicht wiederholen darf.

Gleichwohl: die selbstbewussten Grünen kreiden dem Stadtoberhaupt bereits den nächsten Sündenfall an. Sie sehen in Wolfgang Schuster einen Wiederholungstäter: Das geplante Einkaufszentrum der ECE mit der Strabag und der Bayerischen Hausbau, das den Namen "Milaneo" trägt, ist ihnen ebenfalls zu groß geraten, vor allem die Tiefgaragen mit den mehr als 1600 Stellplätzen. Und sie kritisieren, dass der Rathauschef die Verträge mit dem Investor unterzeichnet hat, ohne den Rat noch einmal nach dessen Plazet zu fragen.

Der Oberbürgermeister kontert: "Der Investor pochte auf sein Baurecht - die Stadt hätte 30 Millionen Euro Schadenersatz riskiert." In Wolfgang Schusters Umgebung glaubt man, noch einen Grund dafür zu kennen, dass er grünes Licht gegeben hat für das 500-Millionen-Euro-Projekt mit Läden, Büros, einem Hotel und mehr als 400 Wohnungen an der Wolframstraße: "Der OB wollte verhindern, dass die neue Bibliothek allzu lange alleine steht auf weiter Flur", sagt einer, der nicht öffentlich genannt sein mag. Baubeginn soll im nächsten Frühjahr sein.

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38 Kommentare Kommentar schreiben

Da fehlt was!: Kann man da eigentlich das Wasserbassin drumherum noch nachbauen? Es scheint mir architektonisch wie inhaltlich zu dem Weltenkubus zu fehlen, Herr Bürgermeister!! Der Ausführungsfehler muss dringen wiedergut gemacht werden!!

Und?: @ beobachter: 'Alle auf dem A1-Gelände (wo auch die Bibliothek steht) befindlichen Grundstücke sind im Bessitz der Deutschen Bahn Immobilien bzw. wurden von dieser vermarktet und verkauft.' === Aha. Deswegen heißt es ja auch Bahnbibliothek und nicht Stadtbibliothek... Und dort, wo wirklich die DB Bauherr ist: Wer legt den Bebauungsplan fest, regelt also, was dort gebaut werden darf? Und wer hat eigenmächtig am Gemeindereat vorbei die Zahl der Parkplätze fürs ECE-Einkuafszentrum erhöht?

Wunderschön: Scientologische Architektur in reinster Form. Passt gut zum, noch zu bauenden, scientogischem Einkaufscenter!

an alle: Leute, lernt und kapiert es endlich: Alle auf dem A1-Gelände (wo auch die Bibliothek steht) befindlichen Grundstücke sind im Bessitz der Deutschen Bahn Immobilien bzw. wurden von dieser vermarktet und verkauft. NICHT von der Stadt aund auch NICHT von Schuster.

'Ein Sorgenkind des Viertels bleibt weiterhin die Ecke Heilbronner/Wolframstraße': Immerhin stellte sich die Firma, die dieses Grundstück erworben hat, vor einem Jahr dem S21-Kartell als Propagandistin zur Verfügung. Als der SWR sich am 9. September 2010 zum allerersten Mal des Themas Stuttgart 21 annahm (immerhin ein Jahr nach Beginn der Montagsdemonstrationen), trat in der Sendung ein Vertreter der Firma auf, der unwidersprochen behauptete, er werde 15 Millionen Euro verlieren, wenn Stuttgart 21 nicht gebaut würde. Der Moderator brachte Walter Sittler mit der Frage: 'Können sie das verantworten?' in ziemliche Verlegenheit, Drexler ritt triumphierend auf diesem Beispiel herum. Dass es sich um das Grundstück Ecke Heilbronner/Wolframstraße handelte, das längst baureif war, wurde natürlich in der Sendung nicht verraten, sonst wäre die propgandistische Seifenblase geplatzt. Weder der SWR noch der Moderator der Sendung, Clemens Bratzler, haben sich jemals für diesen miesen Taschenspielertrick entschuldigt.

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