Stadtentwicklung in Stuttgart Kampf gegen die Langeweile im Stadtbezirk

Von Jürgen Löhle 

Neun von 28 Stuttgarter Stadtteilzentren befinden sich in einem schlechten Zustand, darunter die Zentren von Bad Cannstatt, Feuerbach und Untertürkheim. Stadtplaner wollen das nun ändern.

So gut wie in der  Innenstadt lässt es sich in vielen  Bezirken nicht einkaufen. Foto: StZ
So gut wie in der Innenstadt lässt es sich in vielen Bezirken nicht einkaufen. Foto: StZ

Stuttgart - Rein ins Zentrum und los geht’s. Für das Auto gibt es tatsächlich einen Parkplatz, der Lebensmittelladen hat lange Öffnungszeiten, in der direkten Nachbarschaft kann man auch noch ein Buch kaufen und gleich ums Eck auch ein T-Shirt. Nebenan beim Optiker lagern die passenden Kontaktlinsen, und den Prospekt aus dem Reisebüro liest man bei einem Espresso im hellen Bistro mit Blick auf die gepflegten Auslagen eines Haushaltswarengeschäfts und einer Weinhandlung. Vor dem Heimweg wird dann auch noch die jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Arzt über die Bühne gebracht, und falls der einem ein Rezept in die Hand drückt, ist eine Apotheke nicht weit.

So stellt man sich ein funktionierendes, lebendiges und modernes Stadtzentrum vor. In der Stuttgarter City wird man all das finden und dazu noch vieles mehr. Von den Zentren anderer Stuttgarter Stadtteile kann man das allerdings nicht in jedem Fall behaupten. Mancherorts beobachtet man sogar mehr und mehr ein Phänomen, das man in schönstem Denglisch mit Trading-down-Prozess beschreibt. Dahinter verbirgt sich eine Entwicklung, die von leer stehenden Läden, renovierungsbedürftiger Bausubstanz, hoher Fluktuation der gewerblichen Mieter, Billiganbietern und einem hohen Anteil von Spielhallen, Imbissbuden und Wettbüros gekennzeichnet ist – garniert mit einem ziemlich geringen Interesse der Grundstücksbesitzer, daran etwas zu ändern.

Strukturelle Defizite in neun von 28 Stadtbezirken

Diese Entwicklung gefällt Stadtplanern naturgemäß nicht. Aber es gibt sie auch in Stuttgart. Nach Beobachtungen von 2008 bis heute kommt das Amt für Stadtplanung zusammen mit der städtischen Wirtschaftsförderung in einer ersten qualitativen Auswertung zu der Einschätzung, dass in neun von 28 Stadtteilzentren mittlerweile „erhebliche funktionale Defizite“ bestehen. So steht es auch in einer Vorlage an den Gemeinderat. Besonders schlecht sei die Lage in Bad Cannstatt, Feuerbach, am Vaihinger Markt, am Weilimdorfer Löwenplatz und in Untertürkheim. „Ein funktionierendes Zentrum erkennt man zum Beispiel auch daran, dass man dort mehr erledigen können muss, als das Grundbedürfnis nach Lebensmitteln abzudecken“, erklärt Hermann-Lambert Oediger, der Leiter der Stadtentwicklung im Stadtplanungsamt. Und das sei in einigen Zentren durchaus schwierig geworden.

Zustimmung erntet er damit zum Beispiel in Weilimdorf, wo die Situation laut der Bezirksvorsteherin Ulrike Zich vor allem von der unglücklichen Gesamtsituation am Löwenplatz geprägt ist. „Für eine bessere Verkehrsführung und eine Lösung für das Kiesbett in der Mitte des Platzes kämpfen wir seit Jahren“, sagt Zich, die sich davon mehr Attraktivität und in der Folge davon auch wieder mehr Qualität verspricht. Im Umfeld des Löwenmarkts stehen derzeit zehn Immobilien leer.

Die Stadtplaner wünschen sich 100.000 Euro

Zunächst geht es aber darum, Konzepte gegen die schleichende Verödung und die optisch wie inhaltlich zunehmende Verbilligung zu entwickeln. Und dazu hätten die Stadtplaner gerne 100.000 Euro vom Gemeinderat bewilligt. Eingriffs- und Lenkungsmöglichkeiten hat man allerdings auch jetzt schon, zum Beispiel über Bebauungspläne. Die Planer wissen zum Beispiel, dass Lebensmittel-Discounter und Drogeriemärkte in Gewerbegebieten dem Handel in den Zentren massiv schaden. „Wir haben deshalb schon viele Bebauungspläne auf den Weg gebracht, den Einzelhandel in Gewerbegebieten stark einzuschränken“, erklärt Stadtplaner Oediger. Darüber hinaus bietet auch die 2012 formulierte Vergnügungsstättenkonzeption ein Werkzeug zur Regulierung und Einschränkung von Spielhallen, Wettbüros und anderen Nutzungen, die nicht zur Attraktivität eines Stadtteilzentrums beitragen.

Eine große Chance für die Rückgewinnung eines attraktiven Zentrums könnte auch die Unterstützung privater Initiativen werden. Dazu hat das Land am 1. Januar 2015 ein Gesetz in Kraft gesetzt, um Grundstückseigner, die sich zu einer Aufwertung ihres Quartiers entschließen wollen, zu unterstützen. Um so einen Urban Improvement District (dieses Mal reines Englisch) einzurichten, müssen 15 Prozent der Grundstückseigentümer mit mindestens 15 Prozent der Fläche sich zu einer Quartiergemeinschaft zusammenschließen und der Stadt ein Maßnahmen- und Finanzkonzept vorlegen.

Stadt hofft bei der Aufwertung auf private Initiativen

Stimmt die Stadt zu, erfolgt die Finanzierung dann über eine Sonderabgabe, die von allen Grundstückseignern im betroffenen Gebiet gefordert wird. Dies ist erst dann bindend, wenn nicht mehr als ein Drittel der Abgabepflichtigen mit maximal einem Drittel der Fläche Widerspruch einlegen. Das Gesetz ist also Anstoß für die Besitzer, über den eigenen Tellerrand und über Eigeninteressen hinaus ein Quartier moderner und attraktiver zu gestalten.

„Die Idee hat Charme, das kann eine ­gute Initiative werden“, sagt dazu Sabine Hagmann. Die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg weiß, dass solch ein Konzept zum Beispiel in Hamburg bereits erfolgreich bei der Aufhübschung der Geschäftsstraße Neuer Wall umgesetzt worden ist. Hagmann betont aber auch, dass Privatinitiativen nicht der Grund sein dürfen, „dass die Stadt Zuständigkeiten abschiebt“.

Ob dies auch ein Konzept für die neun gefährdeten Zentren in Stuttgart sein könnte, würden Stadtplaner und Wirtschaftsförderer gerne ausloten. „Wir müssen dazu klären, ob genug Wille und Finanzkraft in den Zentren ist, damit dies ein mögliches Handlungskonzept sein kann“, sagt Hermann-Lambert Oediger. Er hofft, mit den beantragten Mitteln auf dem Weg zu Konzepten für lebendige Stadtteilzentren weiterzukommen – und es bei anderen Zentren über eine gezielte Prophylaxe erst gar nicht so weit kommen zu lassen.