Stadtgedächtnis Stuttgarts Galgenbuckel

Von Harry Walter 

Wo heute die Eisenbahnerhochhäuser stehen, wurde Joseph Süß Oppenheimer, genannt „Jud Süß“, hingerichtet. Daran erinnert nichts. Ein guter Grund, einen genauen Blick auf die Gegend am Rand des Projekts Stuttgart 21 zu werfen, meint der Stuttgarter Künstler und Schriftsteller Harry Walter.

Die Eisenbahnerhochhäuser, gebaut von Helmuth Conradi Mitte der 50er Jahre Foto: Josh von Staudach
Die Eisenbahnerhochhäuser, gebaut von Helmuth Conradi Mitte der 50er JahreFoto: Josh von Staudach

Stuttgart - Am nördlichen Rande des Geländes, das Stuttgart in den letzten Jahren weit über den Kessel hinaus berühmt oder – wenn man will – berüchtigt gemacht hat, stehen vier Hochhäuser mit atemraubender Aussicht. Auf einer Art Landzunge stehen sie wie vorgeschobene Beobachter im Feindesland. Hinter ihnen: der Pragfriedhof, der Judenfriedhof, die Wagenhallen, die Gedenkstätte Zeichen der Erinnerung, das Nordbahnhofviertel, der Rosensteinpark. – Vor ihnen: die Zukunft.

Blickt man von einem ihrer bahnseits gelegenen Balkone auf das zur Abschaffung bestimmte Gleisfeld und schwenkt dann den Blick nach rechts auf das, was daraus werden könnte, bestätigt sich der Verdacht, dass der Begriff Stadtplanung völlig neu überdacht werden muss.

Der nach dem Erbauer Conradi-Hochhäuser oder nach der ursprünglichen Zweckbestimmung einfach Eisenbahnerhochhäuser genannte Gebäudekomplex hat auch in den oberen Stockwerken mit Halbhöhenlage nichts zu tun. Im Gegenteil: obwohl die zeitgleich mit dem Fernsehturm hochgezogenen, dem Grundriss eines Düsenjägers nachempfundenen Wohntürme für ihre Zeit durchaus fortschrittlich waren, haben sie doch immer ein seltsames Schattendasein geführt. Das zwischen Bahnhof, Friedhof und ehemaligem Milchhof Mitte der fünfziger Jahre aufgestellte Häuserquartett hat wenig Vorzeigequalität. Es liegt bis heute im toten Winkel gewöhnlicher Stadtrezeption. Teilweise nachvollziehbar: denn ein besonderer Charme scheint von dieser Wohnanlage samt Umfeld nicht auszugehen.

Ein Ort, an dem Welten aufeinander prallen

Dafür weist der Stadtteil, der von diesen vier Hochhäusern akzentuiert und verteidigt wird, bis heute Qualitäten auf, die mit gutem Geschmack wenig bis gar nichts zu tun haben. Er verfügt nämlich noch über jene undefinierten Zonen, die nur entstehen, wenn unterschiedliche Welten auf relativ engem Raum aufeinanderprallen und Bruchzonen hinterlassen. Mit dem etwas sperrigen Begriff der Heterotopie („Andersort“) hat der Philosoph Michel Foucault einmal jene Orte oder Räume bezeichnet, in denen „die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind“. Wer sich durch diesen Stadtteil bewegt, wird die Erfahrung machen können, dass das offizielle Stuttgart hier so gut wie gar nicht vorkommt, und gerade das macht diesen „Andersort“ so einzigartig. Eine Gesellschaft bedarf genau solcher Orte, um über sich selber reflektieren zu können.

Da ich selbst in einem dieser Hochhäuser aufgewachsen bin, erinnere ich mich nicht nur an die nächtlichen Rangiergeräusche des benachbarten Güterbahnhofs, an spitze Pfiffe und das Gerumpel der aufeinanderstoßenden Güterwaggons, an die zu allen Tages- und Nachtzeiten das Haus betretenden oder verlassenden Eisenbahner, an die blauen Uniformen der Schaffner oder an die schwarze Kluft der Rangierarbeiter, sondern vor allem an wilde Spaziergänge über den Pragfriedhof, am Krematorium vorbei ins Chaos der von Schrebergärten umsäumten Schrottplätze. Eine Welt der ausgelagerten, der ausrangierten und deshalb für Kinder besonders anziehenden Dinge. Auf den heute in eine Gedenkstätte der Judendeportationen integrierten Abstellgleisen standen lange Zeit mit Sand ­gefüllte Lokomotiven, auf deren Fahrständen wir „Reise um die Welt“ spielten, ohne jede Ahnung natürlich, was da mal war. Die von uns „Panzerknackergegend“ genannte Zone war abenteuerlich genug, um einen Abenteuerspielplatz überflüssig zu machen.

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trollinger21@hotmail.de: Vielen Dank Herr Walter für diesen gelungenen Artikel. Mit sehr viel Feingespür wurde hier eine konstruktive Brücke von der Historie bis hin zur Gegenwart zu geschaffen. Dieser Ort zeigt auch die Vielschichtigkeit der Stuttgarter Orte auf. Viel wurde von der Historie zerstört und ist verschwunden, es sind neue Orte auf historischem Boden auf dem Reissbrett mit der Verheissung auf Neues und Besseres geschaffen worden. Gewachsene Strukturen hat man mit Stadtautobahnen getrennt und jahrhundertarlte gewachsene Viertel getrennt und seziert. Das Neue konnte aber über die Zeit dem Leben und dem ästhetischen Empfinden der Menschen nicht standhalten. Diese Orte sind wiederum ein Zeitzeuge für lieblose, kalte, industiellen werteorientierte Architektur und Stadtplanung. Diese Orte verfallen und werden zunehmends verfallen und stehen als Mahnmal - als sichtbare Bruchkante zwischen ästhetisch historisch organisch gewachsenem und dem industriell wirtschaftlich geplanten berechnender Stadtplanung einher. Dies am Galgenberg ist nur ein Symbol für die unzähligen anderen Orte in Stuttgarts historischem Kern und Mitte. Es gibt noch zahlreiche andere Orte wo genau eine ähnliche Geschichte erzählt werden kann.Genau diese Abfolge von Umgang und Bewusstsein mit der Gestaltung von öffentlichen Räumen sind prägendes Beispiel für das Bewusstsein einer Stadt und den Vorstellungen wie Menschen in einer Stadt zusammen leben sollen. Man wird feststellen, dass der historische über jahrhunderte gewachsene Struktur und Kern von Stuttgart komplett ausgetauscht worden ist- zugunsten einer emotionslosen lieblosen Industriearchitektur mit Flachdachambiente. Die Vielfalt des Lebens und des Menschen wurde auf ein Minimalprinzip reduziert und erzeugt solch ein Raum und Platzgefühl wie auf dem Marktplatz, Charlottenplatz, Österreichischen Platz, Rotebühlplatz, Europaplatz, Friedrichsplatz sowie entlang den Stadtautobahnen an der Kultur!-meile und der Theodor-Heuss-Strasse. Diese Plätze zeigen genau diese Bruchkante und diese Plätze erscheinen lediglich lebendig, wenn sich hier viele Menschen und viel Leben abspielt. Diese Entfremdung einer Stadt durch ihre Stadtplanung und Architektur ist aber nun Einhalt geboten und es werden neue und lebensnahere Ansprüche wieder in Zukunft realisiert werden müssen, wenn die ästhetische Attraktivität und das besondere identitätsstiftende Lebensgefühl dieser Stadt Stuttgart auch in Zukunft ein Anziehungspunkt für Menschen sein soll.

Allen Stadtplanern zur Beachtung: Ein wichtiges Foto. Der Blick aus der Dreckwüste auf einen bis heute wenig beachteten Ort, in dessen Geheimnisse Harry Walter so einfühlsam einführt. Man muss nur zuhören wollen. Doch hier, vor der Brücke, die ihre längsten Tage gesehen hat, werden sich zukünftig 6-spurig Autos zum und vom ECE-Einkaufstempel wälzen, rechts unter der Uhr ein in zweieinhalb Meter Höhe über der heutigen Straße verlaufender S-Bahn-Tunneldeckel, von links die U12, die dann aufs endlich vielleicht oder doch nicht ganz verschwundene 'hässliche Gleisgewurschtel' einbiegt, schöne neue Stuttgart 21 Welt. Und so zweckmäßig. Dagegen steht ein lebendiger, den Atem der Geschichte spürender Artikel, der aus der Vergangenheit in die Zukunft weist. Immer ist alles im Umbruch, aber man muss nicht ohne Not jegliches Gedächtnis aus der Stadt verbannen. Urbanität entsteht an den Bruchzonen zwischen Altem und Neuem, man muss das zulassen und nicht immer großflächig die Stadt von Neuem erfinden wollen. Europaviertel, wenn ich das schon höre! Einfallsloser geht es nimmer, man sehe sich z. B. die Europastraße am nächsten Halt der unterirdischen zukünftigen Schwäbischen Eisenbahn an. Unorte, zugedeckelt, geglättet, Industriezweckbauten, die Urbanität ist auf Generationen verloren. Danke, Harry Walter!

Danke: Harry Walter, für diesen vielschichtigen, informativen, anregenden und interessanten Text!

Dringender Mahnmalsbedarf wurde erkannt!: Wärem doch toll wenn sich der Stuttgarter Künstler und Schriftsteller Harry Walter dort verewigen könnte. Natürlich gegen einen großzügig bemessenen Kontoauszugseintrag aus der Steuerkasse. Der angenehme Nebeneffekt, der Deutschen schlechtes Gewissen wird weitergefördert.

Danke: Vielen Dank an den Autor für diesen wunderbaren Text!

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