Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: Modedesignerin Florence Shirazi „Der Osten ist der neue Westen“

Von Björn Springorum 

Stuttgart, für immer erste Liebe: In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben - und was sie so richtig nervt. Heute mit Florence Shirazi, Modedesignerin, Grafikerin und Sixties-Fangirl vom Label Mademoiselle YéYé.

Top gekleidet von Kopf bis Schuh: Florence Shirazi vor ihrer Boutique im Fluxus. Foto: Björn Springorum
Top gekleidet von Kopf bis Schuh: Florence Shirazi vor ihrer Boutique im Fluxus. Foto: Björn Springorum

Stuttgart – Man kennt sie in der Stadt. Dennoch kämen wir nie auf die Idee, zu sagen, Florence Shirazi sei bekannt wie ein bunter Hund. Ein bunter Hund, das klingt schließlich ein wenig stillos, reichlich grell und übertrieben. Nein, wenn Florence Shirazi eines ist, dann stilbewusst, stilsicher und stilvoll. Gut, vielleicht kann man das von einer Modedesignerin erwarten. Es gibt aber eben mehr als genug Gegenbeispiele.

Sagen wir also einfach: Shirazi hat es raus, wenn es um Mode und Accessoires geht. Früher versorgte sie Männlein und Weiblein in ihrer Retro-Boutique Flaming Star mit allem für den Sixties-, Rockabilly- oder Schnurrbart-Look, ihr eigenes Label Mademoiselle YéYé findet sich seit einiger Zeit auch im Fluxus. Dort verkaufen Shirazi und ihr Partner (in Liebes- wie auch in Berufsdingen) Kai Alt Teile, unverkennbar inspiriert von den Sechzigern und frühen Siebzigern. „Ich liebe diesen Look einfach“, sagt sie. „Vor allem, weil er damals auch zum politischen Protest und als Rebellion gegen gesellschaftliche Zwänge genutzt wurde.“ Klar, damit meint sie den weltoffenen Großstadtlook der damaligen Zeit – „und nicht den dörflichen Sixties-Look auf der schwäbischen Alb“, lacht sie.

Mit ihrem Partner („Liebe am Arbeitsplatz ist mir davor noch nie passiert!“) beliefert sie mittlerweile 150 Läden in verschiedenen Ländern. Wie das so funktioniert, wenn Privatleben und Beruf deckungsgleich sind? „Man muss eine gute Balance finden. So wie Eltern sich oft nur noch über ihre Kids unterhalten, ist es bei uns der Job. Echt eine Herausforderung, das mal beiseite zu schieben.“ Trotzdem klappt es mit den beiden, und das schon ziemlich lange. Ähnlich weit zurück reicht Shirazis Beziehung zu Stuttgart. Wie die genau aussieht, haben wir aus erster Hand von ihr erfahren.

Seit wann lebst du in Stuttgart? Seit etwa 15 Jahren.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Ich musste den dörflichen Strukturen entfliehen – und Stuttgart war damals der heiße Scheiß. Neuer Job, neue Liebe, neue Stadt, wunderbare Freunde, Hi-Club, Limelight, Punkrock…

Wo ist deine Hood? Ich wohne in Heslach. Abhängen tue ich aber überall sehr gern. Momentan habe ich Cannstatt für mich entdeckt. Da wir direkt am Rosensteinpark arbeiten, treiben wir uns hier ab und an rum: Ohne Schnörkel und ein bisschen rough - i like! Man sagt ja mittlerweile, der Osten ist der neue Westen. Da ist was dran.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Ich bin tatsächlich immer wieder vom Park geflasht, muss ständig stehen bleiben und schauen und staunen. Vor allem die Ecke rund um unser Office am Rosensteinpark mit all den Tieren und diesem satten Grün. Eine echte Wohltat für die Augen.

Und wo am hässlichsten? Wenn ich abends oben auf unserer Büro-Dachterrasse stehe und die Smog-Glocke über Stuttgart sehe. Andererseits: Genau darum sind die Sonnenuntergänge in Los Angeles ja so schön.

Wo darfst du dich nicht mehr blicken lassen? Vor zig Jahren gab es mal Hausverbot im Roxy. Aber ich konnte echt nix dafür!

Wenn Stuttgart ein Kleidungsstück wäre, welches wäre es? Ich schwanke zwischen muffiger Unterbuxe und adrettem Blumenkleid.

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: Ich finde die alte Kinothek in Obertürkheim wunderschön.

Welchen romantischen Ort wählst du für ein erstes Date? Unser erstes Date war in der Boxbude auf dem Wasen. Ich finde, besser geht‘s nicht.

Wie reagierst du, wenn jemand sagt, die Stadt sei hässlich? Oh Mann, ich kann das gut verstehen. Wahrscheinlich stand diese Person tagelang in der Heilbronner oder Hauptstätter Straße im Stau. Die ganzen Baustellen sehen tatsächlich scheiße aus und nerven sehr. Aber abseits davon gibt‘s hier natürlich wunderschöne Ecken.

Subkultur in Stuttgart – ein Trauerspiel? La grande tristesse! Aber gut, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Leute interessante Dingen auf die Beine stellen und echt coolen Kram machen. Das ist spitze, das bewundere ich sehr, denn das ist hier leider nicht so einfach. Ich empfinde vieles hier als sehr konservativ. Manchmal denke ich, für die Stadt beschränkt sich Kultur auf ihre Aushängeschilder Oper und Schauspiel.

Dein Lieblingsrestaurant? Körle und Adam in Feuerbach: Vegan in Sternequalität. Mein Lieblingsimbiss ist der Beirut Imbiss in Cannstatt. Bester Falafel-Teller und frisch gebackene Fladenbrote. Authentisch!

Beste Kneipe? Bonnie & Clyde. Eine ehrliche Kneipe, die nie aus der Mode kommt. Ganz ohne Chi-Chi, dafür mit guter Mucke und sehr gutem Essen.

Heftigste Absturz-Kneipe? Heute passiert mir das eher spontan, wenn genau die richtigen Leute völlig losgelöst zusammenkommen. Egal wo.

Wo hängst du im Sommer am liebsten ab? Nicht in dieser Stadt.

Was würdest du sofort erlassen oder ändern, wenn du OB wärst? Ich liebe Städte am Wasser. Eigentlich haben wir hier einen Fluss, aber man sieht und merkt davon nichts. Ich würde N21 (Neckar21) in die Wege leiten.

Wie bist du in der Stadt unterwegs? Der Roller ist verliehen, das Rad ist kaputt. Ich laufe tatsächlich meistens – und das sehr gerne. Zur Arbeit geht es allerdings mit der Bahn einmal quer durch die Stadt. Für mich meine Quality Time, in der ich endlich Zeit zum Lesen habe.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Flair.

Was wolltest du in Stuttgart immer schon mal machen, hast es aber noch nie geschafft? Seit ich am Bihlplatz wohne, wollte ich schon immer mal auf ein Bierchen nebenan ins Ritterstüble. Noch nie geschafft, unfassbar. Echt übel.

www.yeyeye.de