Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: Tätowiererin Sandra Daumüller „Niemand findet unsere Stadt hässlich!“

Von Björn Springorum 

Stuttgart, für immer erste Liebe: In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben - und was sie so richtig nervt. Heute mit Sandra Daumüller, Tätowiererin, Süd-Mädchen und heimlicher Hinterhof-Fan.

Geht unter die Haut: Sandra Daumüller in ihrem Studio im Stuttgarter Süden. Foto: Björn Springorum
Geht unter die Haut: Sandra Daumüller in ihrem Studio im Stuttgarter Süden. Foto: Björn Springorum

Stuttgart – Achtung, die sticht: Seit 2011 verewigt Sandra Daumüller die Wünsche ihrer Kunden unter deren Haut. Im schönen Art-And-Symbols-Tattoostudio an der Olgastraße jagt sie fleißig schwarze und bunte Tinte in Arme, Beine, Hände und Brüste, liebt vor allem das Kreative und das Miteinander ihrer Arbeit. „Handwerkskunst am Menschen“, so nennt die 39-Jährige ihre Profession selbst und findet im Übrigen, dass es vollkommen in Ordnung ist, dass sich nun auch unsere Gesetzeshüter stechen lassen dürfen.

Den körperlichen Kunstwerken verfiel sie früh: 1998 ließ sie sich das erste Mal tätowieren, bezeichnenderweise von Theo Bleikamp, dem Gründer von Art And Symbols. Später kam das Porträt ihrer verstorbenen Mutter hinzu, unter der Haut verewigt von der Stuttgarter Tattoo-Legende Kelu. „Zudem sammle ich Tattoos in meinen Reiseländern“, ergänzt die quirlige Tätowiererin.

Mit einer Kirschblüte fing alles an, lange drehte sich im Art And Symbols alles um Vintage, um Rock‘n‘Roll, um alte Schule. Das ist immer noch so – aber eben nicht ausschließlich. Für Daumüller ist das perfekt: „Ich liebe die Abwechslung wie auch die Herausforderung, Neues auszuprobieren. Ich mag es deswegen schon auch mal, im Freestyle-Modus unterschiedliche Musterarten zu tätowieren.“ Weil sie auch noch vieles mehr mag (Stichworte: Rock‘n‘Roll! Bier! Griechisches Essen!) und seit mittlerweile zehn Jahren in ihrem geliebten Stuttgart wohnt, wollten wir noch mehr von ihr wissen.

Seit wann lebst du in Stuttgart? Seit 2007.

Wo wohnst du heute? In einer kleinen Straße am Bopser.

Was gefällt dir an dieser Ecke besonders? Die meisten Häuser hier sind noch Altbau, teilweise sogar Villen. Es ist ruhig und doch zentral, zu Fuß benötige ich maximal zehn Minuten zur Arbeit oder in die Stadt. Außerdem habe ich den besten Bäcker der Stadt ums Eck – den Bäcker Frank!

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Meine erste Erinnerung als Kind auf dem Weg in die Stadt war der Blick von der Weinsteige: Auf der einen Seite die Stadt, auf der anderen die Weinberge. Wunderschön. Jedes Mal, wenn ich heute aus dem Urlaub zurückkomme, ist das der Moment, an dem ich denke: „Es ist immer auch schön, wieder heimzukommen.“

Wo ist deine Hood? Hauptsächlich im Süden. Am Tattoo-Studio in der Olgastraße haben wir eine tolle Nachbarschaft, viele Freunde wohnen mittlerweile hier im Viertel. Es gibt ruhige, grüne Ecken und belebte Plätze, außerdem habe ich hier ein richtiges Bermudadreieck aus Wohnung, Arbeit und Stammkneipe, dem Immer Beer Herzen.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Es gibt hier zu viele schöne Ecken, um sich auf eine festzulegen!

Und wo am hässlichsten? Eine der hässlichsten Ecken ist das Europaviertel. Am Reißbrett entstanden, charakterlos, zu glatt, zu sauber. Ein richtiger Fremdkörper in unserem Städtle.

Ein Daueraufreger in dieser Stadt ist…? Stuttgart 21. Was für eine unfassbare Verschandlung durch die Baustellen, und das über Jahre hinweg! Mal ganz abgesehen von den zig Gründen, die für mich gegen das Projekt sprechen…

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: In den Hinterhöfen gibt es einiges zu entdecken. Manchmal ein kleines grünes Idyll, manchmal eine andere kleine Welt – und noch dazu oft so himmlisch ruhig.

Welchen Ort wählst du für ein romantisches Date? Die Aussichtsplattform am Teehaus mit dem Blick auf die Lichter der Stadt. Vor allem nachts ist man hier meist allein...

Wie reagierst du, wenn jemand sagt, die Stadt sei hässlich? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand unser Städtle hässlich findet! Noch haben wir zu viele schöne Ecken dafür.

Dein Lieblingsrestaurant? Das Kolokotronis in Bad Cannstatt. Essen wie in Griechenland, und das auf vielen kleinen Tellern. Am besten also die Karte rauf und runter bestellen und mit allen teilen. Ansonsten gehe ich gern ins Lichtblick, sehr gute Qualität, gute Auswahl und einfach lecker. Nicht zu vergessen natürlich den schönen Garten.

Deine Lieblingskneipe? Das Immer Beer Herzen – ich war eben auch immer gern im alten Libero. Das Ambiente ist schlicht aber zum Wohlfühlen, das Team ist top und mir längst ans Herz gewachsen, es gibt viele Stammgäste und das Viertel ist hier sehr vertreten. Ein richtiges zweites Wohnzimmer eben.

Wo gibt‘s die besten Konzerte? Da ich nur auf kleine Konzerte gehe: Goldmark‘s und Keller Klub.

Wo hängst du im Herbst am liebsten ab? Im Immer Beer Herzen – und, wenn der Herbst gnädig ist, auch unter den Heizstrahlern des La Concha.

Wie bist du in der Stadt unterwegs? Zu Fuß. Die Öffentlichen nutze ich nur, wenn ich aus der Stadt raus muss.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Mir fehlt eher, was es schon mal gab: Südmilchgelände, Die besetzten Häuser an der Neckarstraße, die Röhre, der Landespavillon, die Waggons… Was außerdem fehlt, sind bezahlbare Mieten für den Einzelhandel. Dadurch würde mehr Vielfalt entstehen.

Was wolltest du in Stuttgart immer schon mal machen, hast es aber noch nie geschafft? Mit der Seilbahn fahren.

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