Städtetourismus in Baden-Württemberg Städtereisen boomen

Andrea Koch-Widmann, 04.01.2013 14:24 Uhr

Freiburg/ Mannheim - Kurzreisen stehen auch hoch im Kurs. Dabei haben die Gäste nicht nur ihr Wohlbefinden etwa in Wellnesshotels im Blick. Viele zieht es in die Städte. Dort locken meist vielfältige Kulturangebote – und außerdem kann dort einem bei vielen Menschen offensichtlich immer beliebteren Freizeitvergnügen gefrönt werden – dem Einkaufen.

Bei vielen Kurzreisen und selbst bei der Urlaubsplanung sei das Shopping heute ein wichtiges Motiv. Bei jedem siebten Reiseanlass sei das Einkaufserlebnis gar „das auslösende Motiv für die Reise“. Darauf machen die Industrie- und Handelskammern (IHK) Baden-Württemberg in der zweiten Ausgabe des neuen IHK-Tourismus-Trend-Reports „Destination“ aufmerksam. Sie beziehen sich dabei auf eine Studie des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr an der Universität München (Dwif). Demnach ist durch den Einkauf-Tourismus bundesweit ein zusätzliches Umsatzpotenzial von 15 Milliarden Euro möglich.

Angebot in kleineren Städte muss verbessert werden

Von diesem Trend profitieren im Südwesten insbesondere die international bekannte „Outletcity Metzingen“ und das „Wertheim Village“(Main-Tauber-Kreis), aber auch die Großstädte. Die vielen kleineren Städte in den Tourismusregionen können meist nicht mithalten, obwohl laut dem IHK-Report das örtliche Handels- und Dienstleistungsangebot aufgrund der vielen inhabergeführten Betriebe „überdurchschnittlich vielfältig und attraktiv“ sei. „Dieses Angebot sollte durch strategische Kooperationen zwischen Handels- und Tourismusorganisationen verbessert werden“, empfiehlt Martin Keppler, der Hauptgeschäftsführer der im Tourismus federführenden IHK Nordschwarzwald. Tipps, wie dies vor Ort gelingen kann, geben die zwölf regionalen IHKs.

Grundsätzlich aber sind laut Experten vier Merkmale wichtig für den touristischen Erfolg einer Stadt: Attraktionen und kulturelle Höhepunkte, das gastronomische Angebot und eine vielfältige Hotellerie, eine gute verkehrstechnische Anbindung und Infrastruktur, und schließlich die Einzigartigkeit. Städte sollten, so die Empfehlung, ihr Alleinstellungsmerkmal herausarbeiten und eine Marke prägen, etwa als Wissenschaftsstadt oder Kulturstadt.

Städte brauchen ein unverwechselbarers Image

Im Trendreport sind gelungene und sehr unterschiedliche Beispiele aufgeführt. Die Stadt Freiburg etwa ist mit ihrem Bekenntnis zu den Erneuerbaren Energien und einer ambitionierten Umweltpolitik als „Green City“ im Fachtourismus erfolgreich. Rund 25 000 ökologisch und technisch interessierte Touristen aus 45 Nationen – Studenten, Architekten, Stadtplaner, Investoren bis hin zu politischen Vertretern und Wirtschaftsdelegationen – erkunden die für ihre nachhaltigen Konzepte bekannten Stadtviertel Vauban und Rieselfeld.

Tübingen wiederum zieht viele ausländische Gäste an – in 2011 waren es 21 Prozent bei 111 892 Ankünften. Auch wenn die beliebten Stocherkahnfahrten auf dem Neckar britisches Vorbild haben – nur in den Universitätsstädte Oxford und Cambridge wird mehr „gestochert“ – gilt manchen Tübingen als „schwäbisches Venedig“. Die alte Universitätsstadt (die Eberhard Karls Universität wurde 1477 gegründet) mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt kann sich, so der Rat der Tourismusexperten, mit einem gezielten Auslandsmarketing auch gegen Heidelberg behaupten. Schließlich kann man in Tübingen auf den Spuren von Hölderlin, Hegel und Schelling wandeln.

Schwäbisch Hall hingegen präsentiert sich – jenseits des Freilichttheaters mit der bekannten, 53-stufigen Freitreppe vor der Stadtkirche St. Michael – als „Service-Qualitätsstadt“ . Im Jahre 2009 hat sich die Stadt mit 56 Betrieben – darunter auch neun städtische Abteilungen – zertifizieren lassen. Mit mehr Freundlichkeit, Professionalität und Beratung will man Gäste gewinnen und Kunden binden.

Smartphones als allzeit bereite Stadtführer

Neckargemünd und Heidenheim setzen auf Smartphones als zeitlich völlig unabhängige Stadtführer. In dem Neckarstädtchen werden die Gäste über eine webbasierte Anwendung mit GPS-Unterstützung auf ihren individuellen Spaziergängen durch die Altstadt begleitet und anhand von Kurztexten und Fotos informiert. Seit der Einführung im März 2012 gibt es rund 40 Aufrufe im Monat. Im ostwürttembergischen Heidenheim waren es für den mobilen Audioguide-Service 2011 schon 4000 Abrufe, in den ersten drei Quartalen in 2012 bereits 4300, die sich in jeweils zwei Minuten historisches über das alte Rathaus oder die Burg Hellenstein erzählen lassen.

Auch in Mannheim boomt der Städtetourismus. Die Quadratestadt ist nach Stuttgart die Nummer zwei im Südwesten, mit 1,1 Millionen Besuchern in 2011 und einem überdurchschnittlichen Plus von acht Prozent in den ersten drei Quartalen 2012. Jetzt hat die Universitätsstadt – mit insgesamt 8000 Erstsemestern an allen Hochschulen – eine Marktlücke entdeckt: die aufgrund der verkürzten Gymnasialzeit jüngeren Abiturienten. „Elternzeit“ heißt ein Übernachtungspaket mit bestimmten Events, bei dem die Eltern den Studienort der Kinder kennenlernen können – das Schlossfest etwa, das Nachtleben inklusive Barbesuchen, den Weihnachtsmarkt. Was 2011 mit diesen drei Terminen und 178 Buchungen begann, führte 2012 bereits zu 224 Buchungen und soll nun auch im Sommersemester fortgeführt werden.

Dass der Trend-Report der IHK tatsächlich am Puls der Zeit ist, zeigt der Hinweis auf eine neue touristische Spezies: den „Kreativ-Touristen“. Das sind gut ausgebildete Individualisten, die alles wollen, nur keinen touristischen Mainstream; die sich auf der Suche nach „authentischer Alltagskultur“ durch Hinterhöfe bewegen – je „verrückter, desto besser, je unentdeckter, desto einzigartiger“, wie es heißt. Doch diese durchkämmen offensichtlich derzeit noch Berlin, Barcelona oder Liverpool. Im Südwesten wurde noch keiner gesichtet.