Stammheim und das Gefängnis Der lange Schatten aus dem Norden

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Der Stuttgarter Stadtteil Stammheim hat auch 40 Jahre nach dem Deutschen Herbst mit dem Stigma des Gefängnisstandorts zu kämpfen. Mittlerweile arrangiert man sich mit dem Zweckbau, wie ein Besuch vor Ort zeigt.

Der ehemalige Vorsitzende des Bürgervereins, Martin Hechinger, an der Justizvollzugsanstalt Stuttgart – und nicht etwa Stammheim. Der Stadtteil will nicht mehr mit dem nahen Gefängnis gleichgesetzt werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der ehemalige Vorsitzende des Bürgervereins, Martin Hechinger, an der Justizvollzugsanstalt Stuttgart – und nicht etwa Stammheim. Der Stadtteil will nicht mehr mit dem nahen Gefängnis gleichgesetzt werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart -

Auf 825 Jahre Ortsgeschichte blickt der Stuttgarter Stadtbezirk Stammheim dieses Jahr zurück. Gemessen an dieser langen Historie nimmt sich die kaum ein halbes Jahr dauernde Episode des Deutschen Herbsts marginal aus – und doch lasten jene Tage aus dem Jahr 1977 bis heute auf Stuttgarts nördlichstem Stadtbezirk. Die Bemühungen, den Gleichklang aus Stammheim und Gefängnis aufzulösen, sind ebenso zahlreich wie erfolglos. „Das werden wir nicht mehr los, damit müssen wir eben umgehen“, sagt Martin Hechinger leicht resignierend.

Der 67-Jährige sitzt auf der Terrasse seines Hauses am südlichen Ende von Stammheim. Dorthin ist er mit seiner Familie 1987 gezogen, zehn Jahre nachdem der triste Zweckbau am anderen Ende Stammheims den Namen des beschaulichen Fleckens für immer in die bundesdeutsche Geschichte eingeschrieben hat. „Als wir hierher gezogen sind, waren die Ereignisse des Deutschen Herbstes natürlich noch viel präsenter als heute“, sagt Hechinger. Von 1997 bis 2015 war er Vorsitzender des Bürgervereins in Stuttgarts nördlichstem Stadtbezirk. Aus dieser Zeit stammt der Slogan „Stammheim – in Stuttgart ganz oben“, mit dem der Verein einerseits geografisch nicht ganz korrekt auf die Lage des Orts hinweisen wollte, aber vor allem dem gefühlten oder tatsächlichen Hinuntersehen auf Stammheim ein Ende bereiten wollte. „So, hast du Freigang?“, sei nicht selten die Reaktion gewesen, wenn Stammheimer andernorts erzählt haben, woher sie kommen. Während sich der Nachbarstadtbezirk Zuffenhausen im Porsche-Glanz sonnte, war Stammheim offensichtlich bis ans Ende aller Tage als Gefängnisstandort stigmatisiert.

Eine Postkarte zum 50-Jahr-Jubiläum des Gefängnisses

Die Geschichte der Justizvollzugsanstalt am Rand von Stuttgart beginnt lange bevor die Terroristen der Roten- Armee-Fraktion auf den Plan getreten sind. Der Komplex wurde in den Jahren 1959 bis 1963 gebaut, ohne dass es in Stammheim einen nennenswerten Aufschrei gegeben hätte. „Man wusste ja gar nicht, was auf den Stadtbezirk zukommt“, sagt Hechinger.

Das hat sich in der Zeit danach grundlegend geändert. 2013, zum 50-jährigen Bestehen der Justizvollzugsanstalt hat der Bürgerverein eine Postkarte herausgegeben. Der Blick geht durch den Zaun auf die im Hintergrund zwar unscharf abgebildete, aber doch zu erkennende Fassade des profanen Zweckbaus. „So nah . . . und doch so fern“, steht auf der Postkarte zu lesen. Die damalige Anstaltsleitung sei alles andere als begeistert gewesen, erzählt Hechinger, dem es aber vor allem auf die Zeile am Fuß der Karte ankommt. „JVA Stuttgart in Stammheim“, steht da und nicht etwa „Justizvollzugsanstalt Stammheim“, ein Detail, auf das es Martin Hechinger ankommt. Für den Fotografen nimmt er auch deshalb Aufstellung an der Pforte zum Gefängnis. Gut sichtbar im Bild der Schriftzug: „Justizvollzugsanstalt Stuttgart“ – kein noch so kleiner Hinweis auf Stammheim.

„Die Stuttgarter waren damals ganz froh, dass Stammheim in den Schlagzeilen war und nicht Stuttgart“, sagt Hechinger rückblickend. Eine Petitesse vielleicht, aber eben eine, die nachwirkt. „Wenn heute irgendwo ein Gefängnis gebaut werden soll, geht die Bürgerinitiative mit einem Slogan wie ,Wir wollen kein zweites Stammheim werden‘ auf die Barrikaden.“

Die Vollzugsangestellten sind Nachbarn geworden

Die gut 12 000 Stammheimer haben sich dagegen mittlerweile mit den 1200 dort nicht freiwillig Lebenden arrangiert. Dazu kommen noch 500 Angestellte der JVA, von denen nicht wenige vor Ort wohnen. „Das ist der größte Arbeitgeber am Ort“, sagt Martin Hechinger. Die Vollzugsbeamten seien in Sportvereinen aktiv, seien Nachbarn wie alle andere, versichert der ehemalige Bürgervereinschef, für den sich kein Nachfolger gefunden hat.

Vor ein paar Jahren hatte es ernsthafte Überlegungen gegeben, den markanten Hochhausbau auf dem Gelände der JVA abzureißen. Das ist vom Tisch, so leicht wird Stammheim das Gebäude nicht los, das im Norden steht und trotzdem im übertragenen Sinne einen Schatten auf Stammheim wirft. Im Gegenteil: Dem einst vor den Toren liegenden Areal ist Stammheim zuletzt immer näher gekommen. Ein Neubaugebiet liegt in Sichtweite des Gefängnisses, auch die Bezirksvorsteherin wohnt dort. Und ein Parkplatz direkt am Gefängnis dient mittlerweile vor allem Pendlern, die die Vorzüge des nicht zuletzt vom Bürgerverein erstrittenen Stadtbahnanschlusses nutzen wollen. Dass auf dem Gelände der JVA neu gebaut wird, ist für die Stammheimer ein notwendiges Übel.

Nur in der Diskussion, ob so etwas wie ein Lernort zum Deutschen Herbst in Stammheim entstehen soll, hat Hechinger eine eindeutige Haltung. „Wir brauchen ganz sicherlich keine Pilgerstätte hier.“