Stammheim von oben: die JVA Von der Wiese zum Hochsicherheitsgefängnis

Von Bernd Zeyer 

In unserer Serie „Stuttgart von oben“ geht es dieses Mal um den Norden von Stammheim. Wo 1955 noch Äcker und Wiesen das Bild bestimmten, ist mittlerweile sehr viel Fläche versiegelt. Dominiert wird das Gelände von der Justizvollzugsanstalt.

Wo 1955 noch Äcker, Wiesen und Felder das Bild bestimmten, ist mittlerweile die meiste Fläche versiegelt. Dominiert wird das Areal von der JVA. Foto: Plavec, Jan Georg
Wo 1955 noch Äcker, Wiesen und Felder das Bild bestimmten, ist mittlerweile die meiste Fläche versiegelt. Dominiert wird das Areal von der JVA. Foto: Plavec, Jan Georg

Stammheim - Wer einen Blick auf das Luftbild aus dem Jahr 1955 wirft, der sieht dort vor allem Felder, Wiesen und Bäume. Und ein paar langgestreckte Gebäude entlang der Pflugfelder Straße, wo damals Landesbedienstete wohnten. Diese Gebäude sind auch noch 60 Jahre später zu erkennen, ansonsten hat die Aufnahme von 2015 kaum etwas mit der aus den 50er Jahren gemein. Zwar gib es nordöstlich und nordwestlich noch einige größere Streifen Ackerland, die meisten Flächen sind aber nun versiegelt. Dominiert wird die Szenerie von einem Gebäudekomplex, der weit über Stuttgart, Baden-Württemberg und sogar Deutschland hinaus Bekanntheit erlangt hat: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) ist in diesen Tagen wieder regelmäßig in den Schlagzeilen, da sich die so genannte „Todesnacht von Stammheim“ zum 40. Mal jährte: In der Nacht auf den 18. Oktober 1977 nahmen sich die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im siebten Stock des Hochhausgebäudes das Leben, Irmgard Möller überlebte den Suizidversuch schwer verletzt.

In Betrieb gegangen ist das Hochhaus, im offiziellen Sprachgebrauch schlicht „Haus 1“ genannt, im Jahr 1964. Die Vorgeschichtes des Gefängnisses reicht aber bis in die Vorkriegszeit zurück, denn bereits 1930 war der Plan ins Auge gefasst worden, für den Raum Stuttgart ein Untersuchungsgefängnis zu bauen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstand auf dem Gelände allerdings zunächst eine Flüchtlingssiedlung, wo zeitweise bis zu 2500 Menschen lebten. 1958 begann dann schließlich der Bau der Haftanstalt, die zunächst aus drei Gebäuden bestand: Dem achtstöckigen Haus 1 mit 650 Plätzen, dem fünfstöckigen Haus 2 mit 150 Plätzen und dem Haus 3, in dem sich die Werkbetriebe befanden. Gut 20 Millionen Mark soll der Bau des Komplexes damals gekostet haben. Er galt als das modernste und sicherste Gefängnis Deutschlands, sozusagen eine Musteranstalt im Musterländle. Ein Ruf, der dazu führte, dass im Laufe der Jahre immer mehr Problemfälle nach Stuttgart verlegt wurden. Unter ihnen die RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe, die 1974 im 7. Stock von Haus 1 ihre Zellen bezogen. Zeitweilig waren bis zu neun RAF-Mitglieder im siebten Stock untergebracht. Entgegen sonstigen Gepflogenheiten waren Frauen und Männer zusammengelegt, täglich gab es die Möglichkeit zum Umschluss: Gefangene konnten sich in die Zellen anderer Gefangener gemeinsam einschließen lassen. Während der Terroranschläge des „Deutschen Herbstes“ bestand ein Kontaktverbot, bei dem die Häftlinge isoliert waren. Allerdings gelang es Raspe, eine Wechselsprechanlage zu basteln, über die sich die Gefangenen unterhalten konnten. Wie die Pistolen, mit denen sich Baader und Raspe erschossen, ins Gefängnis gelangt sind, ist nach wie vor nicht mit hundertprozentiger Sicherheit geklärt.

Momentan sitzen 700 Häftlinge aus über 50 Nationen ein

Für den Prozess gegen die RAF-Mitglieder wurde 1975 eigens das so genannte Mehrzweckgebäude für 12 Millionen Mark gebaut. Dort finden heute noch regelmäßig Gerichtsverhandlungen statt, beispielsweise gegen eine Rockerbande oder gegen Islamisten. Im Laufe der Jahre wurde die JVA immer mehr erweitert, erst vor kurzem sind fünf neue Unterkunftsgebäude mit insgesamt 559 Haftplätzen eingeweiht worden, bezogen sind die Zellen noch nicht. Immer wieder ist in der Vergangenheit über den Abriss von Haus 1 diskutiert worden, 2013 wurde es schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Ob es stehen bleibt, ist noch nicht entschieden. Da die Haftanstalten des Landes überfüllt sind, braucht man jede Zelle. In Stammheim sitzen momentan rund 700 Häftlinge aus mehr als 50 Nationen ein, die offizielle Belegungsfähigkeit beläuft sich auf 514 Plätze. Bewacht und betreut werden die Gefangenen von 350 Personen.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich auch das Umfeld der JVA stark verändert. So ist westlich davon das Gewerbegebiet Wammesknopf entstanden. Mitte der 1990er Jahre wurde dann das Wohnquartier Sieben Morgen gebaut, das sich südöstlich direkt ans JVA-Gelände anschließt. Auch künftig soll die Versiegelung weiter gehen: Nordöstlich der JVA plant Kornwestheim ein 20 Hektar großes Gewerbegebiet. „In Stammheim wird dieses Vorhaben nicht gut geheißen“, sagt Bezirksvorsteherin Susanne Korge. Lärm und Verkehr nähmen immer weiter zu, irgendwann sei die Grenze der Belastbarkeit erreicht.

Sonderthemen