Standortprüfung Neue Chancen für ein Filmhaus

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So interessante Vorschläge hätten viele nicht erwartet. Nach einer Standortprüfung für ein Film- und Medienhaus gibt es Perspektiven am Bahnhof und an der Calwer Passage.

Skizze eines möglichen Film- und Medienhauses  mit Kinosaal am Eingang der Calwer Passage Foto: Studio 2050
Skizze eines möglichen Film- und Medienhauses mit Kinosaal am Eingang der Calwer PassageFoto: Studio 2050

Stuttgart - Ach, das wird doch sowieso nichts!“ In der auf der Warmhalteplatte Stuttgarter Kulturprobleme vor sich hin brutzelnden Diskussion um ein neues Film- und Medienhaus mit integriertem Kommunalem Kino konnte man diesen Seufzer bislang oft hören. Damit dürfte seit Donnerstagabend Schluss sein. Da haben die von der Initiative für ein Film- und Medienhaus beauftragten Standortprüfer in der Merz-Akademie erste Ergebnisse präsentiert. Einige lassen nicht nur ein Film- und Medienhaus möglich erscheinen, sondern die jeweilige Stadtquartierentwicklung in ganz neuem Licht erscheinen. Im Spiel sind unter anderem der Frontbau der Calwer Passage, das Oberdeck des Breuninger-Parkhauses und der Hindenburgbau.

Lange krankten die schönen Neustart­ideen jener als Filmhaus an der Friedrichstraße kläglich in sich zusammengebrochenen Vision an den vorgetragenen Wunschorten. Die gefielen zwar einigen Mitgliedern der Initiative, die nur aus Institutionen der Film- und Medienbranche besteht, der Filmförderung des Landes etwa, der Merz-Akademie und dem Haus des Dokumentarfilms. Aber weder in der Verwaltung noch im Gemeinderat konnten sie angesichts ihrer Lage oder baulichen Beschränkungen viele Gemüter erwärmen. Die Villa Berg wäre hier zu nennen oder das Gebäude des Kunstvereins am Schlossplatz.

All diese Vorschläge sind nun vom Tisch. Das Stadtplanungsbüro Pesch Partner hat 62 mögliche Standorte geprüft, die wenig geeigneten aussortiert, darunter eben auch bisherige Favoriten, und sechs Gebäude näher angeschaut, die gute Entwicklungschancen für unterschiedlich große Häuser bieten. Neben der Calwer Passage, dem Breuninger-Parkhaus und dem Hindenburg-Bau sind das die ehemalige Feuerwache in Heslach, das Züblin-Parkhaus sowie das Areal unter der Paulinenbrücke.

Ein Kommunales Kinos mit Gastronomie

Über all diese Orte hat sich das Stuttgarter Architekturbüro Haas, Cook, Zemmrich erste Gedanken gemacht. Unter der Paulinenbrücke und in Heslach wären nur kleine Lösungen möglich, Kommunale Kinos mit Gastronomie, einer Ausstellungsfläche und einem Archiv, eventuell auch einer Videothek. Im Hindenburgbau, am anderen Ende des Spektrums, wären all diese Module nicht nur sehr viel größer planbar. Es könnte ein Branchenzentrum entstehen mit Räumen für kommerzielle Mieter aus der Medienbranche und mit Wohn- und Laborangeboten für Studenten – oder, falls sich Mäzene oder Töpfe finden, auch für Stipendiaten.

Dass die Möglichkeit für Außengastronomie auch am Abend, großzügige Eingangsbereiche, Charakter stiftende Besonderheiten für den Erfolgs eines Film- und Medienhauses so wichtig sind wie leichte Erreichbarkeit, hat Martin Haas in seiner Präsentation eindringlich betont. Vor zehn Jahren wäre er damit bei der orthodoxen Fraktion rechtgläubiger deutscher Cineasten noch auf starke Zweifel gestoßen. Ein Filmhaus, hätten die Jünger der Projektorlampe gepredigt, bestünde vor allem aus dem Saal des Kommunalen Kinos, und entscheidend für die Besucherströme des Hauses sei einzig dessen Filmangebot.

Gespräch und Nachdenken über bewegte Bilder fördern

Von diesem Denken aber ist auch bei älteren Kinoliebhabern nicht viel übrig geblieben, seit Medienwandel und technische Aufrüstung der Wohnzimmer mehr Filmgeschichte und aktuelles Weltkino auf Knopfdruck per Streaming oder DVD-Sammlung nach Hause bringen als ein Kommunales Kino je bieten könnte. Ein Filmhaus muss seine Funktion als Begegnungsstätte betonen, worin ja auch Sinn und Chance liegen. So ein Haus soll das Gespräch und Nachdenken über bewegte Bilder fördern und idealerweise zum Entstehen neuer Filmprojekte beitragen.

An der Calwer Passage wären mit dem Fluxus-Mixbereich aus Kultur und Einkaufen sowie der Volkshochschule schräg gegenüber viele Synergieeffekte denkbar. Der Aufsatz auf dem Breuninger-Parkhaus würde die Kulturmeile fortsetzen. Und der Hindenburgbau am Hauptbahnhof könnte Stuttgart programmatisch gleich für jeden Neunankömmling als Medienstadt präsentieren. Nun müssen die Gemeinderäte sich Gedanken machen, welche Möglichkeit weiter durchgeplant werden soll. So interessante Optionen für die Entscheidung über ein Film- und Medienhaus hatten sie noch nie. Oder, wie Markus Merz, Vorstand der Initiative, sagt: „Es jetzt nicht zu klein zu denken, das ist die große Chance.“

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10 KommentareKommentar schreiben

Warum nur Kultur?: Ich habe kein Auto. Wieso zahlen bitte nicht nur Autofahrer für Straßen? Warum zahle ich für Schulen, wenn mein Sohn schon Abitur hat? Brauche ich die Polizei? Bisher noch nie! Geschweige denn, eine Feuerwehr. Sollen doch die zahlen, deren Häuser abbrennen und die so doof sind, sich überfallen zu lassen, bzw. sich selbst zu schützen. Auch eine Bundeswehr könnte ja von denen bezahlt werden, die glauben, wir brauchen so was. Ich nicht. Könnte man alles über den Markt regeln und alle wären happy. Oder auch nicht.

Der: Straßenbau und -unterhalt werden durch die fahrzeuggebundenen Steuern und Abgaben finanziert. Allerdings wird nur ein Teil der Gelder überhaupt dafür eingesetzt, der Rest fließt in den allgemeinen Haushalt. Sie zahlen also rechnerisch nichts, wenn sie kein Auto haben. Aber sie nutzen Straßen natürlich indirekt, so wie jeder Mensch. Idealerweise würde jeder selbst für die Bildung seiner Kinder zahlen. Das wäre bei einer deutlich geringeren Steuerlast auch vielfach sehr viel einfacher möglich. Dazu käme die Wahlfreiheit, welcher Schule (oder auch gar keiner bei Heimunterricht) man seine Kinder anvertraut. Die Schulen würden dann um ihre Kundschaft werben und die Preise durch den Wettbewerb deutlich sinken. Selbst die Polizei kann man durch privat organisierteilt Wachdienst ersetzen, wie das in Gated Communities schon heute hervorragend geschieht. Auch Malls haben ihren eigenen Wachdienst, also eine eigene Polizei. Und ein stehendes Heer kennen etliche Staaten gar nicht erst. Dort werden im Kriegsfall Freiwillige zur Landesverteidigung gerufen. Übrigens: Kinos finanzieren sich vollständig selbst.

War als Antwort geschrieben - sorry: Der vorige Beitrag war eigentlich als Antwort auf Steffen Bleimert weiter unten gedacht - ;-)

Politisches Interesse: Schade, dass Herr Klingenmaier nicht erwähnt hat, dass Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann persönlich beim Termin auftauchte, um sich ausdrücklich hinter das Projekt zu stellen. Es scheint sich auch politisch etwas zu bewegen. Und wenn man sich die bei der Veranstaltung gezeigten Beispiele ähnlicher Häuser ansieht (Filmhaus Nürnberg, Eye in Amsterdam, Watershed in Bristol, u.a.), versteht man auch, warum: Häuser, in denen Film & Medien und Bevölkerung zusammengebracht werden, lohnen sich für alle Beteiligten - auch für die Stadt.

Groß : Wenn die Bürger Interesse an Bildung hätten würden sie es doch auch selbst finanziere? Bitte mal ne Große Lösung.

Verstehe: ich das richtig? Kommunales Kino als Synonym für Steuergeldverschwendung, die niemals am Markt bestehen kann? Oder verstehe ich etwas falsch? Wenn sich private Sponsoren für so etwas finden - bitteschön. Jeder kann mit seinem eigenen Geld tun und lassen, was er will. Aber der Gemeinderat täte gut daran, nicht fremdes Geld, welches nicht ihm, sondern den Bürgern gehört, für so etwas zu verschwenden. Würden genügend Bürger daran Interesse haben, würde sich ein solches Kino selbst finanzieren, wie es alle normalen Kinos schließlich auch tun.

Sie verstehen da tatsächlich etwas falsch: Ein kommunales Kino kann man zwar als Steuergeldverschwendung ansehen, aber nur wenn man kurzsichtig ist. Denn ein kommunales Kino samt einer Infrastruktur, die neue Projekte, Forschungen und ein erweitertes kulturelles Leben ermöglicht, wäre ein nicht zu unterschätzender Gewinn für die Stadt. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Denn schließlich entstünden zahlreiche neue Arbeitsstellen für Arbeitnehmer in der Kreativ- und Medienbranche. Junge Nachwuchsfilmemacher, die es auf dem Mainstream-Markt naturgemäß schwer haben, könnten so erste Projekte realisieren, dabei professionelle Beratung und Unterstützung bekommen. Die Bürgerschaft besteht auch hierzulande nicht nur aus Technikern und Ökonomen, sondern auch aus Kreativen, Künstlern und kulturell Interessierten, die es vielleicht begrüßen würden, wenn sich Stuttgart nicht nur als monokulturell aufgestellte Hochburg des Ingenieurwesens nach außen hin präsentierte, sondern auch stolz die kreativen und kulturellen Ressourcen bündeln könnte. In Kooperation etwa mit der Filmhochschule Ludwigsburg könnte so eine Wertschöpfungskette entstehen, in der selbst Ihre widerwillig gezahlten Steuergelder gut angelegt wären.

Wenn: etwas wirtschaftlich sinnvoll wäre, bräuchte es keine unter Gewaltandrohung eingetriebene Gelder. Dann gäbe es genügend Stipendiumsgeber, die danach vom gebildeten Know-how profitieren.

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