InterviewStefan Niggemeier von Bildblog Was Bildblog mit der „Lügenpresse“ zu tun hat

Von  
Sie finden auch in anderen Medien jeden Tag Fehler. Wird man über die schiere Menge nicht verrückt?
Wir haben ja nicht den Anspruch, die ganze Medienlandschaft im Blick zu behalten. Das systematisch abzusuchen, da würde man wirklich verrückt. ‚Bild’ ist immer noch einzigartig, weil sie ein Leitmedium ist und große Reichweite mit großer Verantwortungslosigkeit kombiniert. Ich glaube, dass zum Beispiel bei ‚Focus Online’ oder der ‚Huffington Post’ viel mehr Fehler stattfinden, viel mehr Unsinn steht. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass sich das von dort aus im gleichen Maße vervielfältigt – das sind eher Abschreibemedien. ‚Bild’ jedoch bringt Dinge in die Welt.
Sie behandeln vor allem Einzelfälle. Glauben Sie, dass die Masse solcher Einzelfälle mitgeholfen hat, die These von der „Lügenpresse“ populär zu machen?
Diese Frage habe ich mir auch mit einem etwas mulmigen Gefühl gestellt. Weil wir ja fast immer nur aufschreiben, was schiefläuft, und nicht, wo Journalisten Gutes leisten. Der Begriff ‚Lügenpresse‘ ist natürlich absurd. Aber eine gewisse Grundwahrnehmung, dass in den Medien systematisch etwas schiefläuft, würde ich schon teilen. Es gibt da gefährliche Routinen, Gedankenlosigkeit, Zeitmangel, vielleicht Denkfaulheit. Das ist natürlich eine andere Kritik als wenn ich sage ‚Die sind alle gekauft‘. Aber es gibt teilweise eine bedenkliche Nähe zur Macht.
Die Frequenz der Mediendiskussionen nimmt zu. Die Fälle, in denen etwas schlecht lief, hängen einem ewig nach. Das Publikum war früher womöglich nicht so nachtragend.
Durchs Internet erfährt man eher von solchen Fehlern und findet hundert Leute, die sich mit einem aufregen. Die ‚Lügenpresse‘-Fraktion liest die Presse teilweise gar nicht mehr. Aber es gibt auch gerade bei eifrigen, kritischen Lesern besondere Ernüchterung – und sie haben viel mehr Quellen, die einem einen anderen Blick auf die Welt ermöglichen.
Ist das nicht unfair? Fehler passieren überall, die von Journalisten in der Öffentlichkeit.
Mag sein, aber durch die Öffentlichkeit entfalten Fehler eine breitere Wirkung. Die meisten Fehler schreibt kein Mensch auf. Ich erlebe jeden Tag das Umgekehrte: dass es Journalisten egal ist, ob das stimmt, was sie geschrieben haben.