Stellenabbau bei Bombardier Zukunftskonzept oder Tod auf Raten?

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Der geplante Abbau von bis zu 2500 Stellen könnte zwei der sieben deutschen Bombardier-Werke besonders hart treffen: Hennigsdorf und Görlitz. Ein bisher vertrauliches Alternativkonzept der Arbeitnehmerseite schlägt andere Wege vor.

In einer Fertigungshalle in Bautzen bauen Mitarbeiter Fenster in einen Wagen ein. Foto: dpa
In einer Fertigungshalle in Bautzen bauen Mitarbeiter Fenster in einen Wagen ein. Foto: dpa

Berlin - Seit Monaten wird hinter den Kulissen über den Stellenabbau bei Europas größtem Bahn-Hersteller Bombardier Transportation (BT) verhandelt. Das Sanierungskonzept, das der Aufsichtsrat des kanadischen Konzerns am 29. Juni beschließen will, ist zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat strittig, auch die Politik ist involviert. Besonders den Werken in Hennigsdorf und Görlitz drohen harte Einschnitte. Alle Standorte sollen erhalten bleiben und das Qualitätssiegel „Made in Germany“ gestärkt werden, verspricht Bombardier-Chef Michael Fohrer. Kern seines Konzepts ist die Umstrukturierung der Werke und die Trennung von Entwicklung und Produktion. Die meisten Standorte sollen Abteilungen abgeben und Kompetenzen verlieren. Auf Arbeitnehmerseite werden Massenentlassungen wie aktuell in der Schweiz befürchtet, wo Bombardier 650 Jobs streicht. Ein Überblick.

Mannheim: Der baden-württembergische Standort ist mit 1000 Mitarbeitern für die Antriebs- und Steuerungstechnik verantwortlich. Das Werk konnte von massiven Kürzungen bei den Bombardier-Standorten in der Schweiz und Italien profitieren, allein in Villeneuve und Zürich werden bis 2018 rund 650 Stellen gekappt. Zudem soll Mannheim künftig für die Entwicklung von Loks zuständig sein, die bisher in Kassel angesiedelt ist.

Hennigsdorf: Im größten deutschen Bombardier-Werk mit noch 2400 Beschäftigten soll nach mehr als 100 Jahren die Serienproduktion komplett wegfallen. Nur noch Prototypen sollen gebaut werden. 700 Jobs sind gefährdet, weitere bei Zulieferern auf dem Werksgelände. Das Sanierungskonzept sieht vor, dass das Stammwerk in Brandenburg nur noch für die zentrale Entwicklung (aktuell 1000 Mitarbeiter) und Service (300) zuständig ist. Experten warnen davor, die Entwicklung zu zentralisieren und isolieren. Wenn der direkte Kontakt der Konstrukteure zur Serienfertigung fehle, werde die Produktentwicklung schleppender und die Fehlerbeseitigung teurer, weil Mängel oft später entdeckt würden. Auch das vertrauliche Alternativkonzept der externen Berater von Validaded Advice, deren Vorschläge der Aufsichtsrat im Mai beriet, plädiert dafür, die Serienfertigung in Hennigsdorf zu erhalten. Dafür setzt sich auch Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) ein.

Görlitz: Das zweitgrößte deutsche Bombardier-Werk an der polnischen Grenze beschäftigt heute noch 1900 Mitarbeiter und produziert bisher als Kompetenzzentrum die bekannten Doppelstockwagen. Bis zum Jahr 2019 gilt Görlitz durch einen Großauftrag der Deutschen Bahn noch als gut ausgelastet. Der sächsische Standort liegt in einem strukturschwachen Gebiet. Das Sanierungskonzept von Bombardier sieht vor, dass sich Görlitz auf den Bau von Wagenkästen aus Aluminium konzentriert. Der Betriebsrat des Unternehmens und die IG Metall befürchten für den Standort, an dem seit 160 Jahren Züge produziert werden, einen Tod auf Raten. Das Alternativkonzept der Berater empfiehlt, zur Standortsicherung den gesamten Karosserie-Bau in Görlitz zu konzentrieren und die benachbarten Werke in Tschechien und Polen als Zulieferer zu integrieren. Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) sagte bereits Fördermittel für schlüssige Konzepte zu. Bautzen: Der zweite sächsische Standort soll auch künftig rund 1100 Mitarbeiter beschäftigen. Eine der älteren Fabriken wird bis Mitte 2018 durch eine neue Endmontage ersetzt, in der künftig zentral die digital gesteuerte Serienfertigung aller Züge erfolgen soll. Drei unterschiedliche Modelle können dort parallel gebaut werden. Die Abläufe sollen um 20 Prozent effizienter werden, die Fabrik 4.0 weltweit neue Maßstäbe in der Zugproduktion setzen.

Insgesamt will Bombardier in Bautzen 20 Millionen Euro investieren, auch Fördermittel sollen fließen. Der Standort soll weltweit für den Aufbau neuer Fabriken verantwortlich werden. In Bautzen werden Straßen- und Stadtbahnen gebaut, die Konstruktion wurde aber teils bereits nach Wien verlagert. Mit dem Sanierungskonzept könnte der Standort die integrierte Entwicklungsabteilung und damit wichtige Kompetenzen an Hennigsdorf verlieren.

Kassel: Der hessische Standort ist mit noch 700 Beschäftigten das weltweite Bombardier-Kompetenzzentrum für Loks, soll das auch bleiben, steht aber konzernintern stark unter Kostendruck. Voriges Jahr drohte die Schließung und Verlagerung der Produktion ins italienische Werk Vado Ligure. Auch in Kassel wird eine Abwicklung auf Raten befürchtet, zumindest die Entwicklungsabteilung soll abgezogen werden.

Siegen: Aus der Stadt in Westfalen kommen die Drehgestelle für Bombardier-Züge. Das Werk soll weltweites Kompetenzzentrum für diese Technik bleiben.

Braunschweig: In Niedersachsen baut Bombardier mit 120 Mitarbeitern Signal- und Steuerungstechnik. Daran soll sich nichts ändern.

Globale Standorte: Bombardier beschäftigt in 26 Ländern 38 000 Mitarbeiter an 61 Standorten, die untereinander in Konkurrenz stehen. 5000 Stellen sollen wegfallen, die Hälfte in Deutschland. Die hiesigen sieben Werke beschäftigen noch 8500 Menschen. In Osteuropa produziert Bombardier bereits in fünf Werken, in Asien an zehn. Besonders in China ist der Konzern aktiv und unter anderem am Betrieb der U-Bahn in Shanghai beteiligt.