Steueroase im Südwesten? Schweizer Zeitung dreht Spieß um

Andreas Müller, 02.06.2012 16:36 Uhr

Stuttgart - Der potenzielle Kunde, der bei Geldinstituten in Grenznähe vorsprach, hatte eine plausible Erklärung. Er sei Schweizer Unternehmer und wolle wegen Einkünften in Deutschland bei einer örtlichen Bank ein Konto eröffnen, gab der 50-Jährige an. Dort sollten zudem 100 000 Franken deponiert werden, die derzeit noch in einem Fonds in der Karibik lägen – unversteuertes Geld also.

Doch die Legende des Mannes, der Banken etwa in Lindau, Konstanz, Friedrichshafen oder Waldshut aufsuchte, stimmte nur teilweise: Schweizer war er zwar, aber kein Unternehmer, sondern ein Reporter der angesehenen „Handelszeitung“. Deswegen erfuhr die Öffentlichkeit alsbald, wie freundlich der eidgenössische Schwarzgeldbesitzer in Baden-Württemberg und Bayern empfangen worden sei und wie bereitwillig man seine Wünsche erfüllen wollte.

Züricher Reporter auf Undercover-Recherche

„Steueroase Deutschland“ betitelte das Züricher Wirtschaftsblatt den Bericht über die Undercover-Recherche, mit der der Spieß einmal umgedreht werden sollte. Bisher stand immer die Schweiz als Refugium für Steuerflüchtlinge am Pranger – ein Ruf, den sie dringend loswerden will. Nun aber konnte man die deutschen Kritiker als Pharisäer vorführen, die einerseits die eidgenössischen Praktiken geißeln, aber im eigenen Land nicht viel anders handeln. Eine halbe Milliarde Euro von Schweizer Kunden, schätzen Experten laut „Handelszeitung“, lägen bereits bei deutschen Banken. Das Verdikt „Doppelmoral“ war da schnell bei der Hand.

Ob bei Sparkassen oder Volksbanken: überall will der falsche Unternehmer mit seinem Schwarzgeld offene Türen vorgefunden haben. „Von uns kriegen die Schweizer Behörden sicher keine Informationen“, habe es da geheißen. „Unser Finanzamt wird sich nicht für Sie interessieren“, sei ihm versichert worden. Überhaupt gehöre es nicht zu den Aufgaben der Geldinstitute, die Steuermoral der Kunden zu hinterfragen. „Selbst wenn Sie mir versichern, dass Ihr Geld versteuert ist, weiß ich ja nicht, ob das stimmt“, wird ein Mitarbeiter zitiert.

Viel Verständnis für unwillige Steuerzahler?

Besonders großzügig war dem Bericht zufolge die Kundenberaterin einer nicht näher lokalisierten Filiale der BW-Bank. Sie habe nicht einmal die amtliche Wohnsitzbestätigung aus der Schweiz verlangt. „Ihre Unterschrift genügt uns“, soll es geheißen haben. Zudem habe die Dame „viel Verständnis“ gezeigt, dass die Testperson keine unnötigen Steuern zahlen wolle.

Für die Zeitung war das ein gefundenes Fressen: Ausgerechnet eine hundertprozentige Tochter der staatlichen Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) verhalte sich derart lax – das stehe in scharfem Kontrast zur Linie der grün-roten Landesregierung, die einen besonders harten Kurs gegen Steuerflucht verfolge.

BW-Bank kann Bericht „nicht nachvollziehen“

Ebenso wie die Zentralen der anderen Institute gibt sich die BW-Bank indes bass erstaunt über die Recherchen. Man könne die Darstellung des Blattes „nicht nachvollziehen“, sagt der Pressesprecher, weder die Filiale noch die Mitarbeiterin seien „für uns identifizierbar“. Tatsächlich gebe es für die Annahme neuer Kunden klare Regeln: Bei denen erfolge nicht nur eine Legitimationsprüfung, „sondern auch die Prüfung nach dem Geldwäscheprozess, insbesondere die Klärung nach der Mittelherkunft der anzulegenden Gelder“. Zudem werde der Zahlungsverkehr aufgrund eines Indizienmodells, das Verdachtsfälle herausfische, „maschinell überprüft“. Ein Vorgang, wie ihn die „Handelszeitung“ schildere, sei der Bank nicht bekannt. „Wir gehen dem aber nach und dulden keinerlei Rechtsverstöße“, versichert der Sprecher.

Von den Dementis lassen sich die Schweizer in ihrer Empörung indes nicht bremsen. Ein in den Medien zitierter Wirtschaftsprofessor zeigte sich über das Testergebnis nachgerade erschüttert: „Diese Doppelmoral ist unerhört.“ Es könne nicht angehen, dass die Schweiz für Deutschland Abgeltungsteuer in Milliardenhöhe erhebe und gleichzeitig deutsche Banken Schwarzgeld aus der Schweiz annähmen. Genüsslich wird in den Online-Foren an den früheren SPD-Finanzminister Steinbrück („Peitschen-Peer“) erinnert, der den Eidgenossen einst sogar mit der Kavallerie gedroht hatte. Die müsse nun wohl nach Deutschland einreiten, spottet ein Kommentator. Ein anderer denkt noch weiter: Vielleicht solle die Schweizer Steuerverwaltung nach deutschem Vorbild „Datendiebstähle in Deutschland in Auftrag geben“.