Steven Spielbergs „Lincoln“ Anekdoten, die die Welt verändern

Thomas Klingenmaier, 22.01.2013 06:55 Uhr

Stuttgart - Wo die patriotischen Gedichte, Romane und Filme später einmal Heldenmut und Freiheitsglanz hinmalen werden, liegt jetzt noch grauer Schlamm. Schlachtfelder sehen eben nie nach Sieg, sondern immer nach Niederlage aus. Steven Spielbergs biografisches Großwerk „Lincoln“ beginnt am Rande eines solchen Schlachtfelds, in einem Lager der Unionstruppen im Bürgerkrieg, nach einem großen Moralstärkungsereignis. Der Präsident des Nordens, Abraham Lincoln, hat zu seinen Soldaten gesprochen, und nun sehen wir ihn auf einem Stuhl auf einem Holzpodest sitzen, dem Schlamm entrückt. Verächter des Films hat diese Eröffnung denn auch flugs auf die Fährte gelockt, Spielberg betreibe nur überflüssige Denkmalpflege und überhöhe Lincoln ein weiteres Mal zum Heiligen.

Für diese Kritiker kommt es gleich noch passender, denn nun treten zwei farbige Soldaten vor den Präsidenten, Figuren also, die das kollektive Gedächtnis lange verdrängt hatte. Der Bürgerkrieg wurde als Kampf Weiß gegen Weiß erinnert, auch wenn er den Status der Schwarzen in den Südstaaten entschied. So konnte sich der Norden der USA immer in der Tradition jener sehen, die befreit hatten, und frei fühlen von der Tradition jener, die versklavt hatten. Zuzugeben, dass Schwarze selbst zu ihrer Emanzipation beigetragen haben, hätte eine Grenzverwischung gebracht. Dann hätte man auch über den Anteil des Nordens an der Versklavung nachdenken müssen.

Ehrfurcht vor dem Präsidenten

Spielberg also ruft uns die schwarzen Kämpfer gegen die Armee des Südens ins Gedächtnis zurück. Aber er stelle sie, haben einige afroamerikanische Kritiker bissig bemerkt, in Ehrfurcht vor den weißen Präsidenten, er etabliere via Kamera Unten und Oben, er zeige hie einen Beweger von Geschichte und dort die bloß Bewegten.

Man kann so argumentieren, übersieht dabei aber einen zentralen Aspekt von Spielbergs Schaffen. Der sechsundsechzigjährige Regisseur baut in alle seine Filme Szenen ein, die das Kinoerlebnis reflektieren, Momente, in denen seine Figuren etwas für sie enorm Wichtiges auf eine Art und Weise erleben, die dem Blick des Kinozuschauers auf die Leinwand entspricht.

Diese Auflösung des Realitätsbegriffes und diese Verknüpfung des Kinoblicks mit Wendepunkten im Leben betreibt er in „Lincoln“ gleich zu Anfang – ausgerechnet dort, wo es traditionellerweise seine Aufgabe wäre, uns schnell von der absoluten Realität des Gezeigten zu überzeugen.

Ein klarer Oscar-Favorit

Aber nein, Spielberg zeigt Lincoln so, als throne er in einem anderen Licht oben auf der Leinwand, über Zuschauern, die mehr unsere Stellvertreter als Soldaten der Epoche sind. Obacht, wir befinden uns in einer Erzählsituation, Realität und Fiktion begegnen einander, warnt Spielberg uns. Das befreit dann auch Daniel Day-Lewis, dessen Lincoln-Porträt ihn zum klaren Oscar-Favoriten macht, das schneidet der knorrig präsenten Lincoln-Darstellung den Klotz des Wahrheitsanspruchs vom Bein. Wir müssen nicht grübeln, ob dies der ganze Lincoln mit allem Licht und Schatten ist. Er soll es gar nicht sein. Er ist eine Leinwanderfindung zu bestimmten Zwecken.

Es geht in „Lincoln“ um ein wichtiges Projekt im politischen Leben des 1865 ermordeten Präsidenten, um die Durchsetzung des 13. Zusatzes zur Verfassung, der jede Form der Sklaverei und Knechtschaft für illegal erklärt. Lincoln schmeichelt, schachert, droht und pokert, er nutzt jede Stellschraube, die der politische Betrieb Washingtons nur bietet, um eine Verfassungsänderung durchzubringen. Selbst einige der engsten Berater halten dieses Vorhaben für nicht mehrheitsfähig.