Stickoxid-Ausstoß bei Dieselautos Deutsche Umwelthilfe prangert die Autohersteller an

Von Thomas Braun und Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Messungen in den Niederlanden ergeben auch bei einem modernen Mercedes-Diesel einen zehnfach überhöhten Stickoxidausstoß im Alltagsbetrieb. Der Konzern begründet dies mit den niedrigen Temperaturen während der Messung.

Denis Pöhler (links) und DUH-Chef Jürgen Resch warnen vor zu hohen Stickoxidwerten bei Diesel-Fahrzeugen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Denis Pöhler (links) und DUH-Chef Jürgen Resch warnen vor zu hohen Stickoxidwerten bei Diesel-Fahrzeugen.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat ihre Vorwürfe gegen die Automobilhersteller erneuert und zugleich die Forderung nach einem Einfahrverbot für Dieselfahrzeuge in die Städte bekräftigt. Messungen unterschiedlicher Fahrzeugtypen und -marken hätten ergeben, dass die von der EU vorgeschriebenen Immissionsgrenzwerte für Luftschadstoffe in fast allen Fällen deutlich überschritten würden, sagte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Stuttgart. „Es gibt keinen VW-Skandal, wir haben einen Diesel-Skandal“, so Resch.

Er beklagte zugleich Einschüchterungskampagnen der Hersteller gegen die Umwelthilfe. So wehre sich etwa Daimler mit einstweiligen Verfügungen und Schadenersatzandrohungen gegen die Vorwürfe der DUH. Dabei hätten Messungen der mit dem deutschen Tüv vergleichbaren niederländischen Organisation TNO bei einem Mercedes 220 CDI Bluetech mit Euronorm 6 auffällige Ergebnisse gezeigt. Die C-Klasse hat nach Angaben der DUH auf dem Rollenprüfstand mit rund 30 Milligramm je Kilometer weit unter dem EU-6-Grenzwert von 80 Milligramm liegende „exzellente Werte“ erzielt.

BMW erzielt bessere Werte im Alltagsbetrieb als Daimler

Im realen Verkehr seien die Stickoxidgrenzwerte aber um mehr als das Zehnfache überschritten worden. „Die niederländische Daimler-Zentrale hat diese große Abweichung mit den bei dem Test herrschenden niedrigen Temperaturen von 7,5 bis 9,5 Grad Celsius begründet“, so Resch. Zum Schutz der Technik seien Bauteile abgeschaltet worden, habe Daimler auf Anfrage eines niederländischen Fernsehjournalisten eingeräumt. Resch dazu: „Es darf ja wohl nicht sein, dass Fahrzeuge so konstruiert werden, dass die eingebaute Abgastechnik in der kalten Jahreszeit nicht mehr funktioniert.“

Dass bessere Werte erzielt werden könnten, zeigten Messungen bei einem BMW, ergänzte Axel Friedrich, der früher Abteilungsleiter im Bundesumweltamt war. Es sei lächerlich, wenn Daimler erkläre, die Abgasreinigung seiner Autos funktioniere nur im Sommer. Die höchste Luftbelastung liege zwischen April und September.

Daimler bestätigt DUH-Darstellung im Grundsatz

Daimler bestätigte das technische Problem auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung. Bei niedrigen Temperaturen müsse die Abgastechnik geregelt werden, um Triebwerk und andere Bauteile vor Versottung und Partikelablagerungen zu schützen. „Das kann im Betrieb zu einem höheren Stickoxidausstoß führen“, räumte ein Sprecher des Konzerns ein. Alle Daimler-Fahrzeuge erfüllten aber die gesetzlichen Anforderungen.

Denis Pöhler, Wissenschaftler der Uni Heidelberg, stellte zudem die im Dezember 2015 und Januar 2016 (die StZ berichtete) im Auftrag der DUH in Stuttgart vorgenommenen Stickoxidmessungen vor. Sein Fazit: alle Messsungen hatten eine kontinuierlich hohe Belastung ergeben, teilweise liegen die Werte deutlich über dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Messungen haben auch gezeigt, dass es abseits der stark belasteten Verkehrsachsen im Talkessel eine zu hohe Grundbelastung mit Stickoxiden gibt. So wurden am Katharinenhospital 106 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ermittelt, vor dem Hauptbahnhof waren es 126 Mikrogramm. Eine Messung vor dem Kindergarten der Lukasgemeinde in der Schwarenbergstraße ergab 63 Mikrogramm, am Zeppelingymnasium waren’s 82 Mikrogramm. In Gebäuden hat Pöhler nicht gemessen: Aber dort sei die Konzentration „sicher nicht deutlich niedriger als draußen“.

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Bleibt noch zu erwähnen: Schon kurz nachdem das KBA VW zum Rückruf von Autos aufgefordert hat, die von Abgas-Manipulationen betroffen sind, wollte die Deutsche Umwelthilfe dazu genauer Informationen erhalten. Die hat sie noch nicht bekommen und klagt deshalb. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ist mit der Informationspolitik des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) im VW-Abgasskandal nicht einverstanden. Die betroffenen Autofahrer würden im Unklaren gelassen. Sie hat deshalb nach eigenen Angaben nach dem Umweltinformationsgesetz beim Verwaltungsgericht Schleswig gegen das KBA eine Untätigkeitsklage eingereicht, da sie dem Anspruch auf Informationserteilung nicht nachgekommen sei. Bereits am 16. Oktober habe ein DUH-Anwalt vom KBA Akteneinsicht in die Rückrufanforderung an VW sowie in den gesamten Schriftwechsel dazu verlangt. Dem sei das KBA bisher nicht nachgekommen. Als betroffener VW-Kunde verliere ich nicht nur das Vertrauen zu VW sondern auch zu KBA und v. a. dem Bundesverkehrsministerium. Dobrinth duckt sich einfach weg.

KBA: Das KBA ist doch unter den Amigo-Ministern Ramsauer und Dobrindt erst zu der Durchwinkbehörde zurechtgestutzt worden, die es heute ist: Komplizenschaft statt Kontrolle! Analoges gilt für das EBA.

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