Stickoxid-Messung in Stuttgart Luftbelastung im Talkessel ist extrem

Von Thomas Braun 

Die viel gerühmte Berliner Luft ist hoch mit Stickoxid belastet, wie Messungen im Auftrag von Greenpeace ergaben. Jetzt wurde nach der gleichen Methode in Stuttgart gemessen. Die Ergebnisse verheißen nichts Gutes.

Der Laptop zeigt Denis Pöhler die gemessenen Schadstoffwerte an. Foto:  
Der Laptop zeigt Denis Pöhler die gemessenen Schadstoffwerte an. Foto:  

Stuttgart - Die Stickoxid-Messungen im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) haben auch in Stuttgart teilweise extrem hohe Werte zu Tage gefördert. Trotz nahezu optimaler Wetterbedingungen (blauer Himmel, leichter Wind, Temperaturen um die zehn Grad) zeigt sich: Die Luftbelastung konzentriert sich nicht nur am Neckartor – und liegt im Schnitt sogar über den kürzlich in Berlin gemessenen Werten. „Die Belastung ist deutlich höher als in anderen Städten“, so das vorläufige Fazit des Umweltphysikers Denis Pöhler, der für die DUH im Einsatz gewesen ist.

Pöhler ist Wissenschaftler, kein Autogegner. Im zur mobilen Messstation umgerüsteten VW-Bus haben er und seine Mitarbeiter am Montag die Luft in der Landeshauptstadt untersucht. Dabei wird die Luft von einem Art Ansaugstutzen („Schnüffler“) angesaugt und dann der Stickoxid-Wert mittels eines Spektroskopieverfahrens herausgefiltert. Das Messegerät kann aber auch überall aufgestellt werden. „Die Grundstruktur der Moleküle ist unterschiedlich. Wir können daher genau sagen, wie viel Stickoxid in einem Kubikmeter Luft enthalten ist“, erläutert Pöhler die Methode.

Erste Station ist die Bushaltestelle vor dem Hauptbahnhof. In der Spitze misst die Apparatur dort in 1,50 Meter Höhe 380 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft, die durchschnittliche Belastung liegt zwischen 80 und 150 Mikrogramm. Zum Vergleich: Der derzeitige erlaubte Jahresdurchschnittswert liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Auffällig sind die extremen Ausschläge bei den Messwerten, wenn Dieselfahrzeuge den Messort passieren. „Gerade ältere Busse führen unabhängig vom Fahrzeugtyp, und selbst wenn die Technik feinstaubmäßig nachgerüstet wurde, zu einem höherem NO2-Ausstoß“, sagt der Physiker.Die Menschen, die an der Haltestelle sitzend auf den Bus warten, bekommen übrigens noch deutlich mehr ab, da sich das Gas nach oben nur langsam abbaut.

Auch SSB-Busse stoßen in der Spitze viel Stickoxid aus

Für Pöhler ist aufgrund seiner Erfahrungen auch klar: „Fahrzeuge mit Euro-5-Norm emittieren deutlich mehr als jene mit Euro-6-Norm.“ Das betreffe nicht nur die durch den Abgasskandal in Verruf geratene Marke VW, sondern auch andere Hersteller. Wie zum Beweis misst Pöhler wenig später vom Bus aus bei einem Opel Insignia beim Anfahren einen NO2-Gehalt von 1000 Mikrogramm, während der Fahrt bringt es der Wagen immerhin noch auf stolze 400 Mikrogramm. Interessant sind auch die sehr unterschiedlichen Werte, die bei Bussen der SSB auftreten. Just jene Busse hat auch die Umwelthilfe als Verursacher der hohen Stickstoffkonzentration aus- und zum Gegenstand ihrer Klage gegen das Land und implizit auch die Stadt wegen der ihrer Ansicht nach unzureichenden Luftreinhaltepläne gemacht (die StZ berichtete). Am Schlossplatz misst Pöhler bei einem neuen, mit der Blue-Tech-Technologie ausgestatteten Fahrzeug beim Anfahren einen Ausstoß von 800 Mikrogramm pro Kubikmeter, bei einem älteren Busmodell der Linie 44 gar 1200 Mikrogramm. „Man muss das auf die Zahl der beförderten Passagiere umrechnen“, relativiert er.

Weiter geht’s zur Römerschule an der Hauptstätter Straße. Auf dem Schulgelände oder in den Klassenräumen darf nicht gemessen werden, aber davor. Das Resultat: Bei leichtem Wind sind es zur Straße hin im Schnitt 60 Mikrogramm während der Messdauer von 30 Minuten. Anders am Stöckach direkt vor dem Zeppelingymnasium: Hier registriert das Messgerät Spitzenwerte von deutlich mehr als 100 Mikrogramm, im Mittel 80 bis 90. „Wenn gelüftet wird, sind die Werte innerhalb des Schule sicher ähnlich“, so Pöhler.

Luft vor Kindergarten „nicht gesundheitsfördernd“

Vor dem Kindergarten der Lukas-Gemeinde in der Schwarenbergstraße im Osten misst die Truppe dann während der Mittagspause mehr als eine Stunde lang. Das Ergebnis: Die Werte liegen im Schnitt bei 70 bis 80 Mikrogramm. „Sicher nicht gesundheitsfördernd“, meint Pöhler lakonisch. Zahlreiche medizinische Studien belegen inzwischen einen Zusammenhang zwischen der Stickoxidbelastung und Lungenkrankheiten wie Asthma bis hin zu Bronchialkarzenomen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für Kinder, aber auch für bereits einschlägig vorbelastete Menschen sind die Auswirkungen besonders gravierend. Die letzte Messung an diesem Tag nimmt Pöhlers Team vor dem Katharinenhospital vor: Auch dort werden im Mittel 120 Mikrogramm registriert.

Der Physiker will die Daten nun genauer auswerten und dann für die DUH eine entsprechende Auswertung erstellen. Die Umweltschützer werden sich damit für ihre Klage munitionieren. Für Pöhler steht aber fest: „Die Werte sind erschreckend hoch“. Helfen würde es nach seiner Ansicht schon, jene Fahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen oder umzurüsten, bei denen die Werte extrem hoch sind. Auch autofreie Zonen rund um Kindertagesstätten seien ein probates Mittel, um die Luftbelastung zu senken.