Stille Helden: Die Taubenfee Lebe, Wesen!

Von Martin Theis 

Die acht Taubeschläge der Stadt Stuttgart sind Inseln in einem Meer der Feindseligkeit. Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer kümmert sich um die Vögel.

Ein Herz für Vögel: Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer wurde für ihr Engagement mit der Ehrenmedaille der Stadt Stuttgart ausgezeichnet. Foto: Achim Zweygarth
Ein Herz für Vögel: Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer wurde für ihr Engagement mit der Ehrenmedaille der Stadt Stuttgart ausgezeichnet.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Auch die Stuttgarter Taubenfee hätte anderes zu tun, als Vögel zu füttern und ihnen die Eier zu klauen. Schließlich ist sie Fotografin, Großmutter und Ehefrau. „Mein Mann leidet sehr unter diesem scheiß Ehrenamt. Schreiben Sie das genau so: scheiß Ehrenamt.“ Trotzdem fährt Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer an diesem Tag wieder zum Parkhaus am Rathaus, begrüßt den Mann an der Schranke wie einen alten Freund und steigt in der obersten Etage durch eine Luke aufs Dach. Dort steht der Taubenschlag, ein hölzerner Kubus von der Größe einer Gartenlaube. „Den Job will ja keiner machen. Außer solche ehrenamtlichen Extremisten wie ich.“

Früher hat die Stadt die Tauben vergiftet, jahrzehntelang, ohne dass die Population kleiner wurde. Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer, seit den 70er Jahren im Tierschutzverein aktiv, kämpfte für eine elegantere Lösung: Heute bieten acht städtische Taubenschläge artgerechtes Getreidefutter, Platz für Nester und Ruhe zum Brüten. Wo immer ein Schlag steht, verschwinden die Tauben nach und nach von den Straßen und aus den Fußgängerzonen. Taubenpaten wie Brucklacher-Gunzenhäußer nehmen die Eier aus den Nestern und ersetzen sie durch Gips-Attrappen. So schränken sie die Fortpflanzung der Tauben ein.

Ein beißender Dunst von Ammoniak steht im Taubenschlag mit den kotbesudelten Nistkästen. Die Frau passt nicht so recht in dieses Bild. Statt Arbeitskleidung trägt sie samtene Schuhe mit hohen Absätzen und einen feinen schwarzen Mantel. Auf ihren Wangen schimmert Rouge. Ihr mondäner Schick erzählt von einem früheren Leben: Neben dem Hauptberuf als Fotografin hat sie als Model und Stylistin die halbe Welt bereist. Am liebsten ist sie aber daheim. „Ich liebe Deutschland, ich liebe Stuttgart. Wir leben verdammt gut hier.“ Sie findet, eine so reiche Gesellschaft darf keine Tiere töten, bloß weil sie lästig werden.

Doch auf den Straßen herrscht Krieg. Im vorigen Sommer beschoss ein Unbekannter Tauben mit Pfeilen aus einem Blasrohr. Die Tiere wurden durchbohrt, manche starben rasch, andere liefen noch tagelang mit einem Pfeil im Hals durch die Stuttgarter Innenstadt. Passanten meldeten Tauben mit abgerissenen Köpfen, mit Pommesgabeln im Körper oder Verletzungen von Nadelstichen. Immer öfter tauchen humpelnde Tauben mit verkrüppelten Füßen auf: Hausbesitzer spannen Stromdrähte auf Dächern und Fensterbänken, die alles versengen, was sie berührt. Oder sie verlegen Leisten mit langen Stacheln, in denen sich vor allem junge Tauben aufspießen und einen langsamen Tod sterben. Die städtischen Taubenschläge sind Inseln in einem Meer der Feindseligkeit. Doch um alle Stadttauben versorgen zu können, bräuchte es doppelt so viele.

Nicht alle begrüßen ihren Einsatz

Manchmal wird sie von wütenden Bürgern beschimpft. Neulich rief ein alter Mann an: 60 000 Euro Steuergeld im Jahr für diese verdammten Viecher? Ein Unding! Dabei spare doch jede Investition in die Taubenschläge Geld bei der Taubenabwehr oder der Beseitigung von Kot, sagt Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer. Oft bekommt sie zu hören, sie solle sich lieber um bedürftige Kinder kümmern. Dann antwortet sie: „Engagement für Kinder finde ich toll. Das machst doch sicher du?“ Dann ist meistens Ruhe.

„Das Problem ist, dass der Mensch die Tauben in die Stadt geholt hat.“ Weil sie über Generationen von ihrem natürlichen Lebensraum entfremdet sind, können sie den Strapazen der Stadt nicht mehr aus eigener Kraft entkommen. Und weil der Mensch ihre Fortpflanzung durch Zucht optimiert hat, brüten sie bis zu sieben Mal im Jahr. „Sie haben ein elendes Leben, sind immer hungrig und immer gehetzt, weil sie nicht wissen, wo ihr Zuhause ist.“ Tauben kehren stets an den Ort zurück, wo sie sich einmal eingenistet haben. Wenn Nester entfernt werden, geraten sie in großen Stress. Der Taubenschlag im Hauptbahnhof etwa musste wegen Stuttgart 21 abgebaut werden. Deshalb sind in der Gegend zweihundert verwirrte und heimatlose Tauben unterwegs. Immerhin: dank einer Sondergenehmigung des Ordnungsamtes darf Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer sie auf einem Flachdach in der Nähe füttern. Die Tauben erwarteten sie schon Stunden vorher, sagt sie.

Auch neben dem Parkhaus warten Dutzende auf einem Dachgiebel und schauen ihr bei der Arbeit zu. Sie schaufelt Körner aus verschieden Säcken in eine Futterschale, vermengt Weizen, Gerste, Erbsen, Mais. Dann garniert sie das Ganze mit einer Mischung aus Muschelkalk und feinen Steinchen, die den Tauben hilft, das Futter im Rachen zu zermahlen. „Diejenigen, die sich vom Abfall der Menschen ernähren müssen, werden krank. Deshalb sieht man in der Stadt überall diesen wässrigen Kot.“ Doch auch der trockene Prachtmist ihrer Schützlinge macht Arbeit. Ständig karrt sie ihn in 25-Kilo-Säcken aufs Land, zum Kompost auf ihrem Gartengrundstück. „Wer sich im Tierschutz engagieren will, braucht Geld und am besten ein eigenes Auto.“

Die Liebe zu Tieren, sagt sie, habe sie von ihrer Mutter. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Familie in Echterdingen, „das war noch ein richtiges Kuhdorf damals“. Ihre Mutter fütterte die ausgehungerten Jungkatzen durch, für die die Bauern keine Verwendung mehr hatten. Seit 1979 ist Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer Mitglied im Stuttgarter Tierschutzverein. Als in den 80er Jahren immer mehr Punks und Obdachlose mit Hunden unterwegs waren, fing sie an, sich zu engagieren. Sie kümmerte sich um die verwahrlosten Tiere, überredete die Besitzer zu Tierarztbesuchen und brachte einige davon ab, mit Welpen zu handeln. Im Gegenzug legte sie ein gutes Wort für die Besitzer ein, wenn Behörden wieder einen Hund beschlagnahmt hatten. „Die Tiere waren ja so etwas wie deren Familie.“

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