Stadtkind Stuttgart

Stollen, Lebkuchen und Co Weihnachtsgebäck mitten im goldenen Herbst

Von Nina Dias da Silva 

Der goldene Herbst zeigt noch einmal, wie schön er sein kann. Und alles, woran unsere Autorin in diesem milden Klima denkt, ist der Christstollen, den sie sich im Supermarkt kaufen will.

Lebkuchen im Oktober? Kein Problem für unsere Autorin. Foto: dpa
Lebkuchen im Oktober? Kein Problem für unsere Autorin. Foto: dpa

Stuttgart - Alle Jahre wieder kommt der gleiche Schockmoment: Eben saß man noch schwitzend im Freibad, ein paar Tage später funkeln einem die ersten Anzeichen der Weihnachtszeit entgegen. Es scheint, als würden die Supermärkte ihr Sortiment an Christstollen, Lebkuchen und Zimtsternen immer früher in die Auslage legen. Dank Twitter und Co haben Beweise von findigen Supermärkten die Runde gemacht, die das Gegenteil belegen.

 

 

Auch zukünftig werden sich im Schokoladenregal Osterhase und Weihnachtsmann also wohl nicht die Klinke in die Hand geben. Trotzdem: Anfang September ist sehr früh, um die Vorweihnachtszeit einzuläuten. Gedanklich sind wir so weit von Weihnachten entfernt wie der Heslacher Tunnel von einem Naherholungsgebiet für geschwächte Lungen. Wir entdecken doch erst gerade unsere alte Liebe zur Bettdecke wieder, da sollen wir schon Spekulatius und Zimt genießen. Für die meisten Leute geht das zu schnell. Dass auch die spätestens Ende Oktober einknicken und eben diese Regale leer räumen, wird ignoriert.

Meinen ersten Christstollen habe ich in der ersten Septemberwoche gekauft. Ich schlenderte durch die Reihen des Supermarktes, es war irgendwann am Nachmittag und mein Blick blieb bei dem Stollen mit Marzipan hängen. „Geil“, dachte ich und überlegte, ob es vielleicht nicht besser wäre, direkt zwei zu kaufen. Wenn man den Zuhause hat, dann ist der ja auch direkt wieder weg – so die logische Überzeugungstaktik an mich selber.

Die kurze gemeinsame Zeit auskosten

Ohne es zu merken, hatte ich meinen Schritt verlangsamt und mein Blick klebte am Weihnachtsregal. Aus meinen Überlegungen riss mich ein Räuspern, das direkt hinter mir stand. Ich drehte mich um und blickte in verständnislose Augen. Die Frau hinter mir starrte mich fassungslos an. Ihre dünne Stoffbluse wehte leicht, mit ihren Sandalen tippte sie ungeduldig. Sie war der Inbegriff von Sommer und hatte mich bei einem Kapitalverbrechen erwischt. Ich drehte mich schuldig weg und schob meinen Einkaufwagen schnell um die nächste Ecke. Ich fühlte mich ertappt. Ich ärgerte mich über mich selber und ballte innerlich die Faust.

Es ist doch eigentlich auch nur ein Kuchen, nur eben irgendwie anders! Diesen „Kuchen“ gibt es aber nicht das ganze Jahr. Deswegen muss man doch die kurzen Momente, die man gemeinsam hat, auskosten. Wie eine kurze und innige Affäre, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Ich mag den Geschmack von Orangeat und Zitronat, vermischt mit Marzipan und Puderzucker. Und ich liebe die dünne Zuckerschicht auf einem Lebkuchen. „Ja, aber das schmeckt doch voll nach Weihnachten!“ Ja gut Freunde, dann schmeckt Weihnachten aber einfach lecker!

Dem Feindbild aus dem Supermarkt habe ich es dann doch noch gezeigt. Denn ich bin wieder gekommen. Zwar nachts um kurz vor Mitternacht, mit aufgezogener Kapuze und Brille. Ich habe ihn gekauft. Und er hat köstlich geschmeckt!