Straßenprostitution Lückenlose Überwachung

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Osteuropäische Zuhälter verbieten Prostituierten sogar den Gang zum Arzt. Die Frauen schaffen 16 Stunden täglich auf dem Straßenstrich an.

Der Straßenstrich wird vom gesellschaftlichen zum gesundheitlichen Problem. Immer mehr Prostituierte sind nicht krankenversichert. Foto: Archiv
Der Straßenstrich wird vom gesellschaftlichen zum gesundheitlichen Problem. Immer mehr Prostituierte sind nicht krankenversichert. Foto: Archiv

S-Mitte – Osteuropäische Prostituierte, vor allem Rumäninnen und Bulgarinnen, gehen ihrem Gewerbe nicht nur unter unzumutbaren, sondern auch unter gesundheitsschädigenden Bedingungen nach. Das geht aus einem Bericht der Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer hervor, den der Sozialausschuss des Gemeinderats zum Thema Armutsprostitution unter Zuwanderinnen gefordert hat.

Die Straßendirnen im Leonhardsviertel arbeiten an allen sieben Tagen der Woche rund 16 Stunden täglich – im Durchschnitt. Jedenfalls nennen die Frauen, die im Café La Strada Hilfe suchen oder sich schlicht aufwärmen wollen, diese Zeit. Das sind um die 50 Prostituierte pro Abend. Allerdings bleiben sie deutlich kürzer als noch vor einigen Jahren. Nach eigenen Aussagen fehlt ihnen entweder die Zeit oder das Geld für längere Pausen.

Womöglich fehlt ihnen auch die Erlaubnis: Nach Beobachtungen der Sozialbetreuerinnen verbieten die Zuhälter den Prostituierten zunehmend, gleich welche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Männer überwachen die Dirnen lückenlos, sei es aus Bars heraus oder indem sie in unmittelbarer Nähe auf der Straße stehen.

Geschlechtskrankheiten nehmen zu

Der Besuch von Sprachkursen ist ebenso untersagt wie ärztliche Untersuchungen. Die scheinen dringend nötig, zumal immer mehr Prostituierte auf Kondome verzichten, um Preisaufschläge verlangen zu können. Hepatitis, Tuberkulose, ausgedehnte Scheideninfektionen und typische Geschlechtskrankheiten wie der Tripper verbreiten sich. Letzterer wegen schutzlosem Oralsex auch im Rachen der Frauen. Ärztliche Hilfe ist regelmäßig nur in Notfällen möglich, weil vielen Frauen aus Osteuropa die Krankenversicherung fehlt. Das Geld, um sich auf eigene Kosten behandeln zu lassen, verweigern ihnen ihre Zuhälter. Gleiches gilt für Verhütungsmittel. Für Abtreibungen reisen die Dirnen im Normalfall zurück in ihre Heimatländer.

Schwangere Prostituierte, die ihr Kind austragen wollen, verzichten der Kosten wegen auf die ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Ohnehin sträuben sich hiesige Kliniken zunehmend, Osteuropäerinnen zu behandeln, weil sie die Kosten nur im Ausnahmefall vom Sozialamt und oftmals gar nicht erstattet bekommen.

Gemäß einem Bericht der mobilen Praxis „Med-Mobil“ wäre ärztliche Betreuung aber dringend nötig. Die Frauen hätten „oft Probleme, die genauer in einer gynäkologischen Praxis untersucht werden müssten“, heißt es in der Zusammenfassung. Internistische Behandlungen seien häufig dringend notwendig. Die mobile Praxis könne „nicht annähernd den Bedarf decken“.

Stadt erwartet 2014 mehr Zuwanderer

Wegen mangelnder Deutschkenntnisse ist die Beratung selbst ausstiegswilliger Prostituierter nur noch mittels Übersetzer möglich. Oftmals dolmetschen andere Prostituierte. Um Überstunden abzubauen, mussten in der Vergangenheit die Betreuungszeiten im Café La Strada und im Strichpunkt – der Anlaufstelle für männliche Prostituierte – eingeschränkt werden. In letzterer hatte außerdem ein Mitarbeiter zur Jahresmitte gekündigt. Die Stelle ist erst zu Beginn des neuen Jahres wieder besetzt worden.Gemäß einer städtischen Prognose werden die Probleme sich mit Beginn des Jahres 2014 weiter verschärfen. Vom nächsten Januar an gilt für Rumänien und Bulgarien die volle EU-Freizügigkeit. „Es ist davon auszugehen, dass die Landeshauptstadt Stuttgart spätestens zu diesem Zeitpunkt in deutlich größerem Ausmaß von Zuwanderung betroffen sein wird“, heißt es in dem Bericht. Ohnehin hat die Zahl der Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien sich seit 2006 mehr als verdoppelt, was die Stadt „als Teil einer europaweiten Armutswanderbewegung“ deutet.

Unabhängig von ausgeübtem Beruf oder Gewerbe gilt, dass die Neu-Zuwanderer kein Recht auf Sozialleistungen und medizinische Versorgung abseits von Notfällen haben – was bedeutet: ärztliche Versorgung ist nur bei Lebensgefahr gesichert oder um die einheimische Bevölkerung vor Seuchenkrankheiten zu schützen. Andere Hilfe – dies gilt nicht nur für Stuttgart, sondern auch für andere Großstädte – soll auch in Zukunft nicht gewährt werden, weil „eine derartige Leistung umgehend den Nachzug von weiteren Südosteuropäern mit sich bringen würde“.

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