Straßenverkehr Die Jugend verzichtet auf das eigene Auto

Wolfgang Schulz-Braunschmidt, 29.08.2012 07:06 Uhr

Stuttgart - Mein Smartphone, meine Wohnung und mein Mountainbike“, antwortet Christian Müller (Name geändert) auf die Frage, welche persönlichen Dinge ihm besonders wichtig sind. Ein Auto gehört für den 23-Jährigen – zumindest vorerst – nicht dazu. Um mobil zu sein, genügen ihm sein Rad, sein VVS-Jahresticket und seine Beine.

Das Konsumverhalten hat sich geändert, das verfügbare finanzielle Budget wird offensichtlich lieber für Smartphones, Reisen und die erste eigene Wohnung ausgegeben. Thomas Schwarz, Leiter des Statistischen Amts

So wie der junge Elektrotechniker ticken immer mehr junge Stuttgarter zwischen 18 und 25 Jahren. Von 2000 bis 2011 ist die Zahl der jungen Fahrzeughalter in der Landeshauptstadt nach Angaben des Statistischen Amtes um 63,1 Prozent zurückgegangen. Besaßen um die Jahrtausendwende in der Landeshauptstadt noch fast 13 000 Personen dieser Altersgruppe einen Wagen, so waren es 2011 nur noch knapp 4800. „Dabei ist die Zahl der 18- bis 30-Jährigen in diesem Zeitraum um neun Prozent gestiegen“, sagt Thomas Schwarz, der Leiter des Statistischen Amtes. Und der Gesamtbestand an privat zugelassenen Wagen sei zwischen 2000 und 20111 um 8,1 Prozent auf 219 000 Fahrzeuge zurückgegangen.

In Stammheim ist der Rückgang am geringsten

„Das ist ein klarer Trend weg vom Auto, der mich überrascht hat“, betont Schwarz. Er habe nicht gedacht, dass das Statussymbol bei der Jugend so rasch so viel an Boden verloren habe. Der Statistiker hält die Botschaft für eindeutig, weil der starke Rückgang alle Stadtbezirke betreffe. „Mit 48,3 Prozent weniger Autos hat Stammheim die niedrigste Quote, der Stadtbezirk Mitte mit einem Minus von 72,2 Punkten die höchste.“ Die Werte aller anderen Bezirke lägen dazwischen. „Das zeigt, dass die Abkehr vom Auto bei den jungen Leuten durchgängig ist“, erklärt Schwarz.

Für ihn zeigen auch die Ergebnisse der Bürgerumfrage 2005 und 2011 den gleichen Trend auf. „Von den 18- bis 25-Jährigen unterhielten 2005 noch 34 Prozent ein Auto. Sechs Jahre später waren es nur noch 21 Prozent.“ Im gleichen Zeitraum habe sich der Anteil der VVS-Nahverkehrskunden in dieser Altersgruppe von 59 auf 72 Prozent erhöht.

Steigende Kosten für den Unterhalt eines Fahrzeugs

„Diese Entwicklung wurde sicherlich auch von den günstigen Schüler- und Studententickets beeinflusst, aber keineswegs allein verursacht“, meint der erfahrene Statistiker. Die Autokonzerne spürten längst, dass sich bei den jungen Leuten die Prioritäten verschoben hätten. „Das Konsumverhalten hat sich geändert, das verfügbare finanzielle Budget wird offensichtlich lieber für Smartphones, Reisen und die erste eigene Wohnung ausgegeben.“ Und natürlich spiele auch eine Rolle, das sich der Unterhalt eines Autos in den vergangenen zehn Jahren erheblich verteuert habe.

Ein tieferer Blick in die beiden Bürgerumfragen zeigt zudem, dass auch die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen inzwischen ein differenzierteres Verhältnis zum Auto hat. „Vor sechs Jahren besaßen 51 Prozent einen Wagen, 2011 waren es nur noch 45“, erklärt Schwarz. Der Anteil der Nutzer von Bus und Bahn sei hingegen von 40 auf 47 Prozent gestiegen.

Carsharing-Anbieter legen bei jungen Kunden zu

Zur Abkehr der Jugend vom Auto passt auch, dass die Mitglieder beim Stuttgarter Carsharing-Anbieter Stadtmobil immer jünger werden. „In der Gründerzeit anfangs der neunziger Jahre gehörten unsere Mitglieder überwiegend den mittleren Altersschichten an“, sagt Marketingchef Edgar Augel. „Vor zehn Jahren waren 27 Prozent zwischen 18 und 30 Jahren alt, inzwischen sind es 42 Prozent.“ Das heißt, von den 7500 Stadtmobil-Mitgliedern, die kein eigenes Fahrzeug wollen und nur bei Bedarf eines buchen, gehören inzwischen mehr als 3000 zu dieser Altersgruppe der Fahranfänger und jungen Fahrer.