Streit um den Politologen Theodor Eschenburg Wer stößt hier wen vom Sockel?

Von Sibylle Krause-Burger 

Der Politologe Rainer Eisfeld begründet in der StZ, warum Theodor Eschenburg aufgrund seiner NS-Verstrickungen nicht zum Vorbild für die Zunft tauge. Autorin Sibylle Krause-Burger nimmt den Tübinger Wissenschaftler gegen Angriffe in Schutz.

Streitbar: der Tübinger Politologe Theodor Eschenburg 1987. Foto: Ullstein
Streitbar: der Tübinger Politologe Theodor Eschenburg 1987.Foto: Ullstein

Stuttgart - Der sehr wenig bekannte Herr Rainer Eisfeld, Emeritus der Politikwissenschaft in Osnabrück und offenbar nicht ausreichend beschäftigt auf seinem Altenteil, lässt nicht locker. Er will Theodor Eschenburg, dem einst hochberühmten und geschätzten Kollegen, der 1999 im Alter von 94 Jahren verstorben ist, posthum die Ehre abschneiden. Seit 2011 betreibt Eisfeld in immer neuen Anläufen mit immer denselben Argumenten sein Vorhaben, auf dass der Theodor-Eschenburg-Preis, den die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) auslobt, ihre Ehrung künftig anders benenne, da Eschenburg in die rassistische Politik des NS-Regimes verstrickt gewesen sei.

Ein unsinniger Vorwurf. Aber er trägt den Namen dessen, der sich damit herauswagt, in die Öffentlichkeit. So kommt man in die Schlagzeilen, so profitiert ein Nobody der Politikwissenschaft vom Ruhm eines der Mitbegründer und Stars dieses Faches und macht sich selbst einen Namen. Es handelt sich dabei um ein bewährtes Rezept. Man sucht sich einen Großen, denunziert ihn und erhält so die lang entbehrte und ersehnte Aufmerksamkeit.

Das hat Tilman Jens, der mittelmäßig schreibende Sohn eines außerordentlichen Publizisten, mit Schmähschriften über Goethe oder Reich-Ranicki vorgemacht. Jetzt gibt Rainer Eisfeld den Friedhofs­McCarthy, der – zusammen mit der Tilgung von Eschenburgs Namen bei der Verleihung des DVPW-Preises – auch das Gedenken an den bedeutenden Demokratielehrer und an seine Verdienste in den Jahrzehnten nach dem Krieg zerstören will. Das ist infam, das ist in keiner Weise gerechtfertigt. Es ist auch schädlich, weil es einen wehrlosen Toten diffamiert, dem die Republik viel zu verdanken hat.

Theodor Eschenburg war kein Nazi

Um es vorwegzusagen: Theodor Eschenburg war kein Nazi. Schon gar nicht war er in die Rassenpolitik des Systems „verstrickt“. Auch sein Demokratieverständnis, das ihm als zu autoritär ausgelegt wird, lief nicht dem Grundgesetz zuwider. Ganz im Gegenteil. Seine zahllosen Veröffentlichungen, ob in Aufsätzen, Büchern oder den wöchentlichen Kolumnen in der „Zeit“, die er über Jahrzehnte hinweg verfasste, galten immer der Sorge, dass die Regeln der Verfassung eingehalten würden.

Er kam ja, ganz anders als diejenigen, die sich zusammen mit Herrn Eisfeld nun als Saubermänner und Sauberfrauen aufspielen, nicht aus dem Wohlstand und der gesicherten Freiheit der Bundesrepublik. Er war ein Diktaturerfahrener, er hatte gesehen, wie die Deutschen in den Wahn glitten, er hatte sich – wie er oft bekannte – geängstigt, er hatte um seine Existenz und um die Sicherheit seiner Familie gefürchtet, er hatte erlebt, wie schnell alle Freiheiten dahin sein können und mit welcher Brutalität sich ein System der ständigen Repression, der Bespitzelung und Denunziation, des Folterns und Mordens der Menschen bemächtigt.

In allem, was er schrieb, bewegte ihn der Gedanke, dafür zu sorgen, dass dies nicht noch einmal passiert, dass die demokratischen Institutionen funktionstüchtig bleiben und dass vernünftig regiert wird. Es war doch wahrlich keine leere Floskel, ihn den „Praeceptor Germaniae“, den „Hüter der Verfassung“ zu nennen, nachdem er, unter anderen Kritikwürdigkeiten, die „Herrschaft der Verbände“, die „Ämterpatronage“ der Parteien, den „Gefälligkeitsstaat“ oder den „Bonner Byzantinismus“ angeprangert hatte.