Streit um Standort beendet Heroinabgabe an Süchtige in Stuttgart

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Auch in Stuttgart sollen Süchtige bald legal an Heroin kommen. In der Kriegsbergstraße soll eine sogenannte Diamorphinpraxis eröffnen.

In Stuttgart wird es bald eine Heroinabgabe für Schwerstabhängige geben. Foto: dpa
In Stuttgart wird es bald eine Heroinabgabe für Schwerstabhängige geben.Foto: dpa

Stuttgart - Die geplante Heroinabgabe für Schwerstabhängige wird wohl doch an der Kriegsbergstraße eingerichtet. Dies geht aus einer Verwaltungsvorlage für die nächste Sitzung des Sozialausschusses hervor. Damit wäre der Streit zwischen dem Sozialreferat und dem Klinikum, das bisher Nachteile für seine um die Ecke gelegene Blutzentrale befürchtete, beigelegt.

Weit mehr als ein Jahr läuft die Suche nach einem Standort für die kontrollierte Abgabe des synthetischen Heroins Diamorphin nun schon. Das Ziel der geplanten Einrichtung ist, 40 bis 50 Heroinabhängigen eine passendere Therapieform und damit bessere Zukunftsperspektiven zu bieten.

Nachdem man Anfang dieses Jahres das städtische Gebäude Kriegsbergstraße 40 fand, das von den Trägern der Suchthilfe als ideal begrüßt wurde, meldete das Klinikum der Stadt Vorbehalte an. Die Sorge: der Ruf seiner Blutzentrale, deren Eingang an der Keplerstraße um die Ecke liegt, könnte unter der Drogeneinrichtung leiden. Als Alternative bot das Klinikum ein Gebäude des Bürgerhospitals an der Tunzhofer Straße an. Allerdings steht dieses nur als Interimsstandort für "mindestens sechs bis sieben Jahre" zur Verfügung, auf dem Areal des Bürgerhospitals sollen in absehbarer Zeit Wohnungen gebaut werden.

Heroinabgabe wird teuer für die Stadt

Die beteiligten Referate haben die Unstimmigkeiten nun offenbar bereinigt. Der Standort Kriegsbergstraße sei "bis auf das Berührungspotenzial mit der Blutspendezentrale ideal". Deren Befürchtungen seien "ernst zu nehmen", erschienen aber durch geeignete Maßnahmen und eine gute Kooperation der Einrichtungen als "beherrschbar". Der Standort Tunzhofer Straße wird wegen der ungünstigeren Verkehrslage und der absehbaren Verlagerung als "weniger geeignet" beurteilt.

Die Verwaltungsvorlage macht auch deutlich, dass die Heroinabgabe für die Stadt teuer wird. So sei davon auszugehen, dass die Kosten des Projekts erst nach einer Anlaufphase über Kassenleistungen gedeckt werden könnten. Deshalb werde zu den 160.000 Euro, die die Stadt bereits pro Jahr für die Schwerpunktpraxis Suchtmedizin aufbringt, in der Anlaufzeit ein zusätzlicher Zuschuss von 470.000 Euro kommen. Für die Sanierung der Kriegsbergstraße 40, in die auch die Drogenberatungsstelle Release einziehen soll, rechnet man mit Kosten von etwa 1,85 Millionen Euro. Das Land hat einmalig 100.000 Euro zugesagt für die umfangreichen Sicherheitseinrichtungen.

Am Montag, 17. Oktober, beraten die Ausschüsse für Soziales und für Krankenhäuser gemeinsam das Thema.

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Diamorphin-Ambulanzen: Die Eröffnung neuer Diamorphin-Abgabestellen ist mehr als überfällig. Schliesslich wurde diese Behandlungsform schon vor über zwei Jahren per Gesetz in die Regelversorgung überführt - d.h. dass jeder Suchtkranke mit entsprechender Indikation eigentlich einen rechtlichen Anspruch auf diese Behandlung hätte. Trotzdem wurde seither nicht eine einzige zusätzliche Ambulanz eröffnet, und mit den paar Bestehenden ist nun wirklich keine 'flächendeckende' Versorgung gewährleistet. Der Grund warum sich die Städte so schwertun Örtlichkeiten für neue Ambulanzen zu finden und warum dabei so hohe Kosten entstehen liegt darin, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Krankenkassen dieser Behandlungsform generell ablehnend gegenübersteht. Das haben auch in den Verhandlungen anwesende Patientenvertreter bestätigt. Vom G-BA wurden deshalb möglichst kostspielige Anforderungen an die Ambulanzen beschlossen - um diese Form der Behandlung möglichst unpraktikabel zu machen. So hat der G-BA in seinen Richtlinien z.B. für die Lagerung des Diamorphin extrem kostspielige bauliche Sicherheitsanforderungen beschlossen. (Es wäre ja auch nicht verantwortbar wenn nach einem Einbruch pharmazeutisch reines Diamorphin auf dem Schwarzmarkt auftauchen würde.) Weiterhin müssen drei Ärzte 12 Stunden anwesend sein, obwohl ein Arzt für 3 x 1 Stunde (also während der Ausgabe) mehr als ausreichend wäre. Erfahrungen aus dem mehrjährigen Modellprojekt - wo mit weit preisgünstigeren Vorraussetzungen bei Personal und baulicher Ausstattung hervorragende Ergebnisse erzielt wurden - hat der G-BA tunlichst ignoriert. Man kann nur hoffen, dass die vom G-BA beschlossene Richtlinie nochmal revidiert wird, da sie bis jetzt in klarem Widerspruch zum beschlossenen Gesetz steht.

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