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Wirtschaft & Finanzen
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Streit um Thilo Sarrazins Bundesbank-Amt Das Dilemma des Axel Weber

Martin Dowideit, vom 03.09.2010 07:37 Uhr
Bundesbankchef Axel Weber muss Unabhängigkeit beweisen. Foto: dpa
Bundesbankchef Axel Weber muss Unabhängigkeit beweisen. Foto: dpa
Frankfurt - Das tagelange Gezerre um die Zukunft von Thilo Sarrazin (SPD) hat ein Ende gefunden. Sein Buch und die Äußerungen zu muslimischen Migranten haben zu seinem Rauswurf bei der Bundesbank geführt. Doch ein Grund zur Freude ist das für Bundesbankpräsident Axel Weber dennoch nicht.

Zwar ist der 53-Jährige jetzt den Querulanten in den eigenen Reihen los, den er von vorneherein am liebsten erst gar nicht im Vorstand der Institution gesehen hätte. So hatte Sarrazin offensiv bei Weber bestimmte Ressorts eingefordert, bevor er überhaupt sein Amt bei der Bank im Frühjahr 2009 angetreten hatte. Und diese forsche Art passt eben nicht zu einer Institution wie der Bundesbank, die vor allem ihre Unabhängigkeit im Blick hat und verteidigen möchte.

Der Pfälzer hat Ambitionen auf den Chefsessel der EZB


Doch genau da sitzt für Weber auch das Problem, das mit dem Rauswurf Sarrazins verbunden ist, denn dem Vorgang wird immer der Geruch anhaften, dass er vor allem auf politischen Druck zustande gekommen ist. Erst die Bundeskanzlerin, dann der Finanzminister und zuletzt sogar der Bundespräsident hatten den Bundesbankvorstand gedrängt, Sarrazin aus dem Amt zu befördern. Die Unabhängigkeit der Bundesbank hat das nicht gerade betont. Und auch der Karriere Webers könnte es schaden.

Denn der gebürtige Pfälzer hat Ambitionen auf den Chefsessel der Europäischen Zentralbank (EZB), den der Franzose Jean-Claude Trichet nur noch bis Oktober kommenden Jahres innehat. Doch der Hauch eines Verdachts, Weber könnte sich Druck aus der deutschen Regierung beugen, könnte ihm in dem Rennen um die Stelle schaden. Der Eindruck, er sitze am verlängerten Berliner Regierungstisch, ist für eine Kandidatur wohl kaum förderlich und wird ihm auch im möglichen neuen Amt anhängen. Aber auch die Alternative hätte sich nicht gut gemacht. Wäre Sarrazin geblieben, hätte das als Zeichen gedeutet werden können, dass es Weber an Führungsstärke mangelt: ein klassisches Dilemma.

Weber konnte nicht schnell genug reagieren


Gegen die Nominierung des ehemaligen Berliner Finanzsenators hatte Weber vor knapp zwei Jahren nichts unternehmen können. Der Berufungsprozess sieht zwar eine Stellungnahme des Bundesbankvorstands vor, aber die Entscheidung treffen am Ende Bundesregierung und Bundespräsident. Gleichzeitig macht es das Regelwerk der Bundesbank schwer, einen Vorstand vor die Tür zu setzen. Weber konnte also gar nicht so schnell reagieren, als dass der Eindruck einer Einflussnahme aus der Politik hätte vermieden werden können.

Daher scheint es, als habe Weber in dem Fernduell, das er sich vor allem mit dem italienischen Notenbankpräsidenten Mario Draghi um den EZB-Posten liefert, einen Rückschlag erlitten. Ob es ihn ganz aus der Bahn werfen wird, ist ungewiss, denn gegen Draghi spricht das Argument, dass dessen Kür zum EZB-Präsidenten den südlichen Ländern zu starkes Gewicht geben würde. Denn die Amtszeit des portugiesischen Vizepräsidenten Vitor Constancio hat erst im Juni begonnen. Das ist nicht für alle Euromitglieder ein gewünschtes Szenario.

Ein freiwilliger Rücktritt würde die Probleme lösen


Bis zuletzt hatten die Mitglieder im Bundesbankvorstand gehofft, Sarrazin würde freiwillig seinen Rücktritt erklären. Damit wären einige Probleme aus der Welt geschafft, denn es gibt kein offizielles Verfahren für eine rechtliche Abberufung für Bundesbankvorstände. Das sehen manche Notenbankexperten allerdings nicht als Regelungslücke. Sie sehen darin eine durchaus gewollte Bestätigung der Unabhängigkeit der Notenbank.

Die Bundesbank verlässt sich darauf, dass für die Vertragsaufhebung die juristische Regel "Actus contrarius" angewandt werden kann. Danach gilt: ist ein Verfahren gesetzlich nur in eine Richtung beschrieben, wie bei der Bundesbank die Nominierung eines Vorstandsmitglieds, gilt für die Rückabwicklung der gleiche Prozess. Einem Vorstandsbeschluss zur Amtsenthebung müsste somit die Bundesregierung und dann der Bundespräsident zustimmen.

Kommentare (3)
Kommentarregeln
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SEP
03
17:40 Uhr, geschrieben von Reinhold Grau.
Private Meinung ist frei - auch für Bundesbankrepräsentanten
Herr Weber hat sich dem politischen Druck gebeugt, der massiv auf ihn und sein Haus ausgeübt wurde. Eine kritische Position zu Migranten, deren Integrationswille und deren in der Gesellschaft verursachten Probleme soll in diesem Staat von dessen Vertretern totgeschwiegen werden. Niemand hat seine private Meinungsfreiheit verloren, wenn er eine kritische Stellungnahme zu en Problemen der Massmigration in unserem Land abgibt. Herr Sarrazin hat diese Meinung nicht als Repräsentant der Bundesbank sondern als Privatmann per Buch und öffentliche Auftritte publiziert. Dass ihm dann die Berufsausübung verboten wird ist ein Skandal der seinesgleichen sucht. Dies ist beste Unterdrückungsmanier wie zu Honecker's und Mielke's Zeiten. Reinhold Grau.
SEP
03
09:08 Uhr, geschrieben von GustavMahler
Weber hat ...
den aktiven Weg gewählt, den der Amtsenthebung von Sarrazin. Damit hat er nach aussen Entscheidungsstärke und Unabhängigkeit signalisiert. Warum? Sehr einfach. In den nächsten Monaten wird die grundsätzliche Entscheidung für die Trichet-Nachfolge (Amtszeit bis 11/11) fallen. In den nächsten Monaten mutiert dann die Auseinandersetzung mit Sarrazin zu einem schlichten Arbeitsgerichtsprozess, der sich über viele Monate hinziehen kann (und wird). Er setzt schlicht auf ein "Vergessen" des Themas. Mehr kann er eigentlich auch nicht tun. Hätte er einen anderen Weg, ein souveränes Statement, wonach Sarrazin zulässigerweise als Privatperson gehandelt habe, eingeschlagen, so hätte er die notwendige Unterstützung der Kanzlerin verloren. Er vergisst jedoch, dass er erst durch die Einflussnahmen der Bundeskanzlerein und des Bundespräsidenten beschädigt worden ist. Die vielzitierte Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank hat ein riesiges Loch erhalten. Er wird möglicherweise doch als Büttel der Politik vernommen. Auf internationaler Ebene könnten sich dadurch andere für das EZB-Amt in Stellung bringen. Ich gehe mal davon aus, dass die Wahl an Weber vorbeigeht.
SEP
03
08:57 Uhr, geschrieben von Armin H.
Unabhängigkeit
Die Unabhängigkeit der Bundesbank gilt in geldpolitischen Fachfragen. Als Vorstand der Zentralbank der Bundesrepublik Deutschland bleibt man auch in seiner Freizeit Repräsentant dieses Landes und daher verpflichtet, dies bei seinen Äußerungen zu beachten.
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