Studie bemängelt Stuttgart 21-Baugrund
Geologe sieht Risiken beim Tunnel
Thomas Braun und Markus Heffner,
26.08.2010 14:17 Uhr
Schon vor einem Jahr zog sich der Architekt Frei Otto wegen "wachsender Sicherheitsbedenken" aus der S-21-Projektgruppe zurück. Foto: factum/Weise
Stuttgart - Nicht nur der Architekt Frei Otto, sondern auch von der Bahn beauftragte geotechnische und hydrologische Experten schätzen die geologischen Risiken beim Bau von Stuttgart 21 durchaus kritisch ein. Das Hamburger Magazin "Stern" zitiert in seiner heutigen Ausgabe aus einem angeblich bisher kaum bekannten geologischen Gutachten der Stuttgarter Firma Smoltczyk und Partner. » Das Unternehmen hatte im Jahr 2003 im Auftrag des Bauherrn Bahn den Stuttgarter Untergrund erkundet.
Die dem "Stern" vorliegende Studie belege, dass die geologische Struktur im Stuttgarter Talkessel "löchrig wie ein Schweizer Käse, mit Dolinen und Hohlräumen durchsetzt" sei, bilanziert der Autor des Berichts, Arno Luik. Das Gutachten beweise, wie tückisch der Stuttgarter Untergrund sei. Dies könne die Arbeiten verzögern und die Kosten in die Höhe treiben. Dem Bericht zufolge wurde die Studie nur einem kleinen Personenkreis - etwa dem Bahnhofsarchitekten Christoph Ingenhoven und der damaligen DB-Spitze - zugänglich gemacht.
Die Projektträger haben sowohl diese Ausführungen als auch die Vorwürfe des Architekten Frei Otto, der wegen unkalkulierbarer Risiken einen Stopp des umstrittenen Projekts fordert, zurückgewiesen. Die Äußerungen von Frei Otto, der Tiefbahnhof könne "überschwemmt" oder gar "wie ein U-Boot aus dem Meer aufsteigen", seien "fachlich nicht fundiert und entbehren einer soliden Grundlage", so der Projektsprecher Wolfgang Drexler. "In Stuttgart wurden bereits 40 Kilometer Tunnel gebaut, teilweise in denselben geologischen Schichten, und es ist bisher nichts passiert."
Der Architekt Frei Otto hatte 1997 zusammen mit Ingenhoven den Wettbewerb um den Bau des Tiefbahnhofs gewonnen. Vor etwa einem Jahr zog er sich aus der S-21-Projektgruppe wegen "wachsender Sicherheitsbedenken" zurück. Nachdem er sich vor einigen Tagen bereits via Stuttgarter Zeitung geäußert hat, müsse er nun erneut laut werden, sagte er dem "Stern". "Aus moralischer Verantwortung heraus kann ich nicht anders handeln. Die Summe der Unzulänglichkeiten zwingt mich dazu."
In dem Bericht äußert sich auch der Tübinger Diplomgeologe Jakob Sierig zu den Baurisiken im Stuttgarter Untergrund. Bereits im September 2009 hatten er und sein Partner Siegfried Kraft, mit dem er eine Firma für Geothermiebohrungen betreibt, in der Stuttgarter Zeitung vor den Gefahren bei Eingriffen in den quellfähigen Gipskeuper gewarnt. Dem "Stern" sagte Sierig jetzt, wenn man bei der Suche nach Erdwärme auf einen Krümel Gips stoße, dann werde aus Sorge vor Rissen in Häusern sofort ein Bohrstopp verhängt: "In Stuttgart bohrt man direkt in den Gips. Es geht hier nicht um Risse, es geht um mögliche Krater, in denen Häuser verschwinden können." Projektsprecher Drexler hält auch das für Panikmache. Das vom "Stern" zitierte Gutachten sei Bestandteil der Ausschreibungsunterlagen. Von einem Geheimpapier könne keine Rede sein.
Die dem "Stern" vorliegende Studie belege, dass die geologische Struktur im Stuttgarter Talkessel "löchrig wie ein Schweizer Käse, mit Dolinen und Hohlräumen durchsetzt" sei, bilanziert der Autor des Berichts, Arno Luik. Das Gutachten beweise, wie tückisch der Stuttgarter Untergrund sei. Dies könne die Arbeiten verzögern und die Kosten in die Höhe treiben. Dem Bericht zufolge wurde die Studie nur einem kleinen Personenkreis - etwa dem Bahnhofsarchitekten Christoph Ingenhoven und der damaligen DB-Spitze - zugänglich gemacht.
Moralische Verantwortung zwingt Frei Otto zu massiver Kritik
Die Projektträger haben sowohl diese Ausführungen als auch die Vorwürfe des Architekten Frei Otto, der wegen unkalkulierbarer Risiken einen Stopp des umstrittenen Projekts fordert, zurückgewiesen. Die Äußerungen von Frei Otto, der Tiefbahnhof könne "überschwemmt" oder gar "wie ein U-Boot aus dem Meer aufsteigen", seien "fachlich nicht fundiert und entbehren einer soliden Grundlage", so der Projektsprecher Wolfgang Drexler. "In Stuttgart wurden bereits 40 Kilometer Tunnel gebaut, teilweise in denselben geologischen Schichten, und es ist bisher nichts passiert."
Der Architekt Frei Otto hatte 1997 zusammen mit Ingenhoven den Wettbewerb um den Bau des Tiefbahnhofs gewonnen. Vor etwa einem Jahr zog er sich aus der S-21-Projektgruppe wegen "wachsender Sicherheitsbedenken" zurück. Nachdem er sich vor einigen Tagen bereits via Stuttgarter Zeitung geäußert hat, müsse er nun erneut laut werden, sagte er dem "Stern". "Aus moralischer Verantwortung heraus kann ich nicht anders handeln. Die Summe der Unzulänglichkeiten zwingt mich dazu."
Ein einziger Krümel Gips kann zum sofortigen Baustopp führen
In dem Bericht äußert sich auch der Tübinger Diplomgeologe Jakob Sierig zu den Baurisiken im Stuttgarter Untergrund. Bereits im September 2009 hatten er und sein Partner Siegfried Kraft, mit dem er eine Firma für Geothermiebohrungen betreibt, in der Stuttgarter Zeitung vor den Gefahren bei Eingriffen in den quellfähigen Gipskeuper gewarnt. Dem "Stern" sagte Sierig jetzt, wenn man bei der Suche nach Erdwärme auf einen Krümel Gips stoße, dann werde aus Sorge vor Rissen in Häusern sofort ein Bohrstopp verhängt: "In Stuttgart bohrt man direkt in den Gips. Es geht hier nicht um Risse, es geht um mögliche Krater, in denen Häuser verschwinden können." Projektsprecher Drexler hält auch das für Panikmache. Das vom "Stern" zitierte Gutachten sei Bestandteil der Ausschreibungsunterlagen. Von einem Geheimpapier könne keine Rede sein.
Weitere Artikel


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>


Sierig
@Kellerkind: Einen O-Ton von Herrn Sierig kann man hier eigenohrig zur Kenntnis nehmen. Was immer er nicht gesagt haben mag oder nicht gesagt haben soll, dieses hier hat er gesagt: http://www.youtube.com/watch?v=TfOmNl_Rs2Y
Mythos Fei-Otto beschaedigt sich selbst
Sie sagen es @Cassisus, Frei-Otto ist Architekt und versteht etwas von leichten Flaechentragwerken (da ist er sogar bahnbrechend gewesen) und natuerlich von Architketur aber er ist nicht - wie ich urspruenglich angenommen hatte - Bauingenieur. Wer die voellig unterschiedlichen Studien etwas kennt, weiss dass Herr Frei-Otto daher lieber die Finger vom Grundbau lassen sollte, da hat er - das ist so offensichtlich wie Klosbruehe - keinen Schimmer. Aber offensichtlich hat er ein so starkes Geltungsstreben, das er jetzt meint sich als grosser Grundbauexperte und Warner aufspielen zu muessen. In einem solch krassen Fall von Selbstueberschaetzung muss es erlaubt sein..... auch an einem angeblichen Mythos zu kratzen.
Ingenieurs-Lyrik
Es ist wirklich beeindruckend, wie detailverliebt hier der Tunnelbau beschrieben und erlebbar gemacht wird. Man könnte den Eindruck gewinnen, eine Werbeagentur beschäftigt Ingenieure, die uns mit ihrer Lyrik quälen sollen! Kann aber auch ganz anders sein. Jedenfalls wundert es schon, wenn eine Langzeitstudie des Wagenburgtunnels existiert und trotzdem bei einem Tunnel der neueren Bauart (Engelberg) erst mitten im Projekt erkannt wird, wie wichtig Veränderungen sind (die den Preis vervielfachen) und trotzdem ständig nachgebessert werden muss. Eine sozusagen nie versiegende Einkommensquelle für Tunnelbauer. Ist also ganz einfach: man weiß alles, gibt Anfangs nur einen Teil preis (wegen des Preises), danach werden die Probleme immer drastischer (durch die Langzeitstudie weiß man das vorher schon) und kann preislich nachbessern. Das Beste aber: jetzt stehen da ein paar Sensibelchen im Untergrund, an denen die nächsten Jahre (bis zur Verfüllung) beständig nachgebessert werden muss (welche Auswirkungen das wohl auf die Fahrzeit nach Ulm haben wird??). Bravo. Das ist eines Wirtschaftsförderers würdig!! Dass der Stuttgarter Untergrund mittels TBF oder sonstwas beherrschbar ist, muss wohl wahr sein. Denn geübt haben diese Unfehlbarkeiten ja schon prominent am Schürmannbau oder der listigen kleinen U-Bahn in Köln. Durch die dort gewonnenen unbezahlbaren Erkenntnisse wird in Stuttgart alles viel besser und ganz anders. Und komme mir keiner mit der U- und der S-Bahn. Warum wird dort kein derartiges Grundwassermanagement benötigt? Kann es sein, dass halt irgenwann mal zuviel auf zu kleiner Fläche steht und nun die paar Meter neuer Untergrundbahnhof das berühmte Tröpfchen darstellt? Wie dem auch sei: Ingenieure sind auch nur Menschen und man beobachtet auch hier bei 'Unglücken' die selben Reflexe: hinterher will's niemand gewesen sein! Man stiehlt sich aus der Verantwortung, den Rest machen die Versicherungen unter sich aus! Und wenn's nicht anders geht, muss halt wie immer der Michel blechen! Keiner der beteiligten Ingenieure wäre dazu bereit, mit seinem persönlichen Vermögen für etwaige Folgen zu haften. Denn dann wird die Lyrik auf einmal von der Realität in den Hintern gebissen! Pah, Verantwortung - wo kommen wir denn da hin?? Oben bleiben!