Stuttgart 21 Bahn will mehr Grundwasser abpumpen

Von Thomas Braun 

Der jüngste Antrag der Bahn verursacht Aufregung im Lager der Projektgegner: Es soll mehr Grundwasser abgepumpt werden.

Die Bahn stellt jetzt einen Antrag, bis zu maximal sechs Milliarden Liter Grundwasser abpumpen zu dürfen.  Foto: Zweygarth
Die Bahn stellt jetzt einen Antrag, bis zu maximal sechs Milliarden Liter Grundwasser abpumpen zu dürfen. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Die Deutsche Bahn hat beim Eisenbahnbundesamt (Eba) eine Änderung der wasserwirtschaftlichen Genehmigung für das Abpumpen des Grundwassers im Rahmen des Baus von Stuttgart 21 beantragt. Statt bisher drei Milliarden Liter bittet die Bahn nunmehr die Aufsichtsbehörde, bis zu maximal sechs Milliarden Liter während der auf sieben Jahre taxierten Bauzeit des unterirdischen Durchgangsbahnhofs abpumpen und wieder in den Boden infiltrieren zu dürfen.

Dieses aufwendige Verfahren ist notwendig, um einerseits während der Bauphase das Grundwasser aus den Baugruben im Talkessel herauszuhalten und andererseits den Druck auf die darunter liegenden mineralwasserführenden Gesteinsschichten stabil zu halten. Das S-21-Kommunikationsbüro hat am Montag bestätigt, dass der Antrag dem Eba vorliegt. Bereits in der vergangenen Woche hatte die Bahn eingeräumt, dass aufgrund aktueller Messungen und Untersuchungen jetzt deutlich mehr Grundwasser im Untergrund vermutet werde, als bei den bisherigen Modellrechnungen zugrunde gelegt worden war (die StZ berichtete). Die gewonnenen Erkenntnisse seien allerdings kein Grund zur Sorge, sondern führten zu einer Weiterentwicklung des bestehenden Schutzsystems.

"Das Maß ist überschritten"

Welche Konsequenzen es hat, wenn tatsächlich bis zur doppelten Menge Grundwasser abgepumpt werden darf, ist unklar. Stuttgart-21-kritische Geologen und Hydrologen fürchten, dass die Stabilität des Bonatz-Baus gefährdet sei und Bäume im Schlossgarten aufgrund von Wassermangel eingehen könnten. Zu den möglichen Auswirkungen auf die Dimensionierung des geplanten 17 Kilometer langen oberirdisch verlaufenden Rohrleitungsystems sowie die Kapazität der Grundwassermanagementzentrale im Schlossgarten will man sich derzeit nicht äußern. Nach StZ-Informationen ist aber nicht auszuschließen, dass der Durchmesser der vorgesehenen Leitungsrohre für die doppelte Wassermenge nicht ausreicht.

Für den Regionalgeschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz, Gerhard Pfeiffer, ist der Antrag der Bahn beim Eba ein Offenbarungseid. Mit der massiven Steigerung der Abpumpmengen sei "das Maß bezüglich der Mineralwassergefährdung endgültig überschritten", so Pfeiffer, der auch einer der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ist. S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich dementierte entschieden: "Es ist unseriös, daraus eine Gefährdung des Mineralwassers abzuleiten. Die Projektgegner sollten endlich unterscheiden lernen, dass es verschiedene wasserführende Schichten gibt und keine Unwahrheiten behaupten."

Unterdessen haben sich 400 Sozialdemokraten dem Aktionsbündnis gegen das umstrittene Bahnprojekt angeschlossen. Die "SPD-Mitglieder gegen S 21" wollen deutlich machen, dass die Partei keineswegs stramm für Stuttgart 21 ist.

53 Kommentare Kommentar schreiben

Grundwasser (und) Manipulation: Mit großer Verwunderung muss ich die nachträgliche Änderung eines Zeitungsartikels bemerken: 'Die gewonnenen Erkenntnisse seien allerdings kein Grund zur Sorge, sondern führten zu einer Weiterentwicklung des bestehenden Schutzsystems.' steht heute hier in dem am 18.5.2011 um 9h48 geänderten Artikel. Nur noch in der Zeitungsausgabe vom 17.5.2011 auf Seite 20 kann man sich vom Original des an dieser Stelle einmal gestandenn Passus überzeugen: 'Dagegen hat der Geologe Ralf Laternser bei der gestrigen Montagsdemonstration behauptet, das Grundwassermanagement schütze nicht etwa, sondern sei auch wegen der mangelnden Datenlage 'eine Bedrohung' und müsse wegen der unkalkulierbaren Risiken 'sofort gestoppt werden'. Er kritisiere die 'geologische Ignoranz und Willfährigkeit der Aufsichtsbehörden'. Konkret griff er die Leitung des städtischen Umweltamts an. Sie sei 'verantwortlich für den Murks'.' Das ist ja nun genau das Gegenteil und nennt dazu noch Ross und Reiter. Wer hat da wohl eingegriffen? Es lohnt sich, diesen Artikel und das Original in der Stuttgarter Zeitung zu vergleichen. Allerdings ist das Original im Netz spurlos verschwunden. Uns sind aus der Schlichtung noch gut in Erinnerung die Aufregungen bei dem Schlagabtausch um das Grundwasser am 27.11.2010. Damals kam es zu einer ähnlichen Empörung, als unser städtisches Umweltamt plötzlich im Kreuzfeuer der Kritik stand, obwohl die Faktenlage nicht gerade gut für das Amt aussah. Warum nimmt sich niemand in der Redaktion der Stuttgarter Zeitung dieses Problems einmal richtig an und streut statt dessen vernebelnde Bemerkungen wie diese (StZ 18.5.2011): 'So befand Stocker am Rande der jüngsten Montagsdemo, der Geologe Laternser lebe 'seinen persönlichen Kleinkrieg mit dem städtischen Umweltamt auf der K-21-Bühne aus'.', die so auch nicht gefallen sein soll? Inzwischen ist bekannt, dass mit den Zahlen um das Grundwassermanagement Manipulation betrieben wurde. 3 Millionen Kubikmeter im Planfeststellungsverfahren stehen 5.8 Millionen Kubikmeter (manchmal liest man auch Liter (StN), naja, was ist da auch schon groß der Unterschied???) gegenüber, und das nicht erst seit heute, sondern bereits seit 2006. Das ist aber, wie wir inzwischen aus den laufend neu auftauchenden, seit vielen Jahren bekannten, aber bisher verschwiegenen Tatsachen lernen, nur die Spitze des Eisbergs.

Wassermenge war schon 2006 bekannt: Es ist übrigens schon seit 2006 bekannt, dass man ca. 5,8 Mio m³ Wasser abpumpen muß: In dem Dokument einer Wasserwirtschaftstagung S21 aus dem Jahr 2006 http://www.rp.baden-wuerttemberg.de/servlet/PB/show/1201850/rps-ref52-aww-abschltagung.pdf steht auf der pdf-Seite 9: 'Während der Bauzeit werden etwa 5,8 Millionen m³ Wasser entsprechend zu behandeln sein. Davon sollen 4,2 Millionen m³ zur Schonung des Grundwasserhaushaltes wieder in den Untergrund infiltriert und 1,6 Millionen m³ in den Neckar bzw. die städtische Kanalisation abgeleitet werden.' Die Planfeststellung mit 3 Mio. m³ war 2005, man hatte also schon lange Zeit, die angeblich neuen Fakten zu berücksichtigen! Oder hat da jemand wider besseres Wissen mit falschen Zahlen gearbeitet? Das wäre ein Skandal!

@vitruvius: Haben sie die Schlichtung gesehen? Offensichtlich nicht. Sonst wüssten sie nämlich, dass die Gründung des Bahnhofsturms zweifelsfrei aus Stahlbetonpfeilern besteht. Warum dieses Thema inzwischen wieder hochkommt, ist mir wirklich ein Rätsel. http://www.schlichtung-s21.de/fileadmin/schlichtungs21/Redaktion/pdf/101120/2010-11-20_Laechler_Gruendung_des_Bahnhofturms.pdf

Wasserhaltung S21: Könnte einer der Gründe für den Rückzug des Chef-Bauleiters sein, dass er ziemlich sicher weiss: Die Bauarbeiten für den Bahnhofsturm begannen mit einer Pfahlgründung mit Eichenpfählen ? Dann jedoch ist das ganze Thema Wasserhaltung erledigt, weil diese etwa 300 Eichenpfähle nur ihre Tragfähigkeit behalten, wenn sie IM WASSER stehen. Der Antrag, die zu bewegende Wassermenge verdoppeln zu dürfen, weil die Menge des Grundwassers höher sei als vermutet (!!) ist irreführend. Nicht die Menge des Grundwassers hat zugenommen, sondern die Durchlässigkeit des Bodens zu größer als angenommen und der Einzugsbereich der Grundwasserabsenkung ist deshalb größer. Im Klartext: WEeit mehr Gebäude im Umfeld der Baustelle werden durch die Grundwasserabsenkung betroffen sein, ein Fall ähnlich wie in Köln ist damit wahrscheinlicher geworden. Es könnte auch sein, dass die probeweise geförderten Mengen bereits Spuren von Mineralwasser enthalten. Leider wird darüber nicht berichtet.

CKW-Belastung Grundwasser: Da wir wieder einmal über die Risiken für das Mineralwasser reden, überlege ich mir wieder einmal, was im 'geheimen Gutachten' stehen könnte. Sicher nicht, dass es ein höheres Grund/Mineralwasseraufkommen gibt, als angegeben, denn die Folgekosten einer bewusst zu kleinen Anlagenauslegung dürften erheblich sein. Vielleicht aber hat man sich mit den Auswirkungen von mit chlorierten Kohlenwasserstoffen verseuchtem Grundwasser auf das Mineralwasser beschäftigt, wenn man die Grundwasserströme so massiv durch das Abpumpen beeinflusst. Die meisten Stuttgarter dürften ja wohl wissen, dass das Grundwasser in großen Teilen Stuttgarts ehrheblich mit chlorierten Kohlenwasserstoffen (Tri...) belastet ist, und dass großer Aufwand betrieben wird, diese Verunreinigung in den Griff zu bekommen (z.B die an vielen Orten in Feuerbach aufgestellten Container mit den schwarzen Aktivkohlefiltersäulen)- hier nachzuhaken wäre investigativer Journalismus vom Feinsten!

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