Stuttgart 21 „Bekannt und brisant“

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Seit wegen der Bauarbeiten am Hauptbahnhof der Platz schwindet, herrscht dort tägliches Verkehrschaos. Eine Arbeitsgruppe soll das Problem lösen, aber niemand weiß, wie und wann.

Busse gegen Taxen, Taxen gegen Falschparker – vor dem Bahnhof drängen schlicht zu viele Autos auf zu wenig Platz. Foto: dpa 23 Bilder
Busse gegen Taxen, Taxen gegen Falschparker – vor dem Bahnhof drängen schlicht zu viele Autos auf zu wenig Platz.Foto: dpa

S-Mitte - Einen derartigen Bekanntheitsgrad genießt wohl kein anderer Hobbyplaner. „Ach, der Andreas“, sagt Susanne Schupp. Sie ist Pressesprecherin der SSB. Der Andreas heißt mit Familiennamen Hofmann und sitzt für die Sozialdemokraten im Bezirksbeirat Mitte. Sein Spezialgebiet – und seine Leidenschaft – ist der öffentliche Nahverkehr. Darin gilt er den Genossen stadtweit als Fachmann. Vielleicht „liegt mir das in den Genen“, sagt er. Seine Großeltern waren Eisenbahner.

Hofmann steht vor dem Zentrum des Eisenbahnverkehrs in Stuttgart, vor dem Hauptbahnhof. Jüngst hat er in einem Antrag Vorschläge aufgelistet, wie das inzwischen alltägliche Chaos vor dem Bahnhof geordnet werden könnte. „Da kommt die Polizei“, sagt er. „Als hätte ich sie bestellt.“ Strafzettel, in Serie geschrieben, wären eine erste Möglichkeit.

Die Busspur vor dem Bahnhofsturm ist vollständig zugeparkt. In zweiter Reihe halten diejenigen, die in Eile Verwandte oder Bekannte aussteigen lassen wollen. Taxifahrer, die zum Haupteingang wollen, warten dahinter. Der Bus muss auf die linke Spur ausweichen, um wieder ganz rechts zur Haltestelle einzufädeln.

Der Bus stellt sich in der Warteschlange an

Auf der gegenüberliegenden Seite hat ein Fiat-Fahrer den Platz verstellt, auf dem ein Reisebus parken sollte. Der Fahrer hat ihn ersatzweise auf der Busspur abgestellt. Der 42er, der deswegen ausweichen muss, stellt sich im Stau vor dem Wagenburgtunnel an. Die Warteschlange verlängert sich, weil Autofahrer, die aus Richtung Heilbronner Straße kommen, erst kurz vor dem Tunnel wenden können. Etliche, einschließlich der Taxen, halten lieber gleich gegenüber. Ihre Passagiere hasten über die Straße, inklusive Busspur eine siebenspurige Straße. Ein Überweg für Fußgänger soll gebaut werden – in einigen Jahren.

Diese Liste ließe sich verlängern, bis hin zu dem Krankenwagen, dessen Sirene drüben bei der Stadtbibliothek vergeblich jault, weil den Autofahrern der Platz zum Ausweichen fehlt.

„Eine Wendemöglichkeit auf der gesperrten Linksabbiegespur“, sagt Hofmann, wäre eine erste Verbesserung. Die Busspuren müssten neu markiert, die Fahrbahnen dergestalt verschwenkt werden, dass die tote Abbiegespur genutzt wird. „Das ist alles nur eine Frage des Verkehrsmanagements“, meint Hofmann.

Das Durcheinander ist auch an offizieller Stelle nicht verborgen geblieben, sondern „bekannt und brisant“, sagt die SSB-Sprecherin Susanne Schupp. Seit der Parkplatz am Nordeingang massiv verkleinert und die Straße Am Schloßgarten gesperrt ist, „gibt es nicht mehr genug Aufstellfläche“. Heißt: Es drängen schlicht zu viele Fahrzeuge auf zu wenig Platz. Auch die Straßenbahner haben bei der Stadt ihre Vorschläge eingereicht, wie das Problem zu lösen ist – ähnlich denen Hofmanns – und eine Arbeitsgruppe unter Regie der Stadt müht sich. Aber „es ist kompliziert, man ringt noch um eine Lösung“, sagt Schupp. „Letztlich ist das Problem das Geld.“

Schon ein Hinweisschild könnte helfen

Uwe Neikes würde sich schon über Verbesserungen freuen, die durchaus bezahlbar scheinen, zum Beispiel einen deutlich sichtbaren Hinweis, dass der Bahnhof einen Nordausgang hat. „Das können Auswärtige nicht wissen“, sagt er, „weil man das Hinweisschild nur mit dem Mikroskop erkennen kann“ – weswegen der Platz vor diesem Eingang für Taxifahrer faktisch Niemandsland ist. Ganz abgesehen davon, dass der Weg hier der einzige behindertenfreundliche ist

Neikes ist Pressesprecher der Taxizentrale. Mindestens zwei, bis zu fünf Minuten, schätzt er, müssen die Chauffeure allein deswegen zusätzlich für eine Fahrt einplanen, weil sie eben erst vor dem Wagenburgtunnel wenden können. Auch die Taxizentrale „hat alle möglichen Vorschläge eingereicht“, sagt er. „Aber die muss erstmal jemand beantragen, und dann muss der Antrag durch den Ämterdurchlauf, bevor sich etwas ändert“.

Derlei Argumente will zumindest Andreas Hofmann keinesfalls gelten lassen. Die Baustelle für den Tiefbahnhof, sagt er, „ist ja nicht vom Himmel gefallen wie ein Wasserrohrbruch.“

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30 KommentareKommentar schreiben

nachdem ich neulich: von der LBBW 35 Minuten zum Hotel le meridien gebraucht habe, ist Stuttgart eh für mich gestorben. Hab echt bessseres zu tun, als meine Zeit dort zu vergeuden.

Zumutung: Es ist eine absolute Zumutung, was sich am Bahnhof seit einigen Wochen abspielt. Sowohl im, als auch am Bahnhof. Die Zufahrtsmöglichkeiten für private PKW's sind quasi nicht mehr vorhanden. Jegliches Be- und Entladen von Passagieren und Gepäck muss im Schweinsgalopp vonstatten gehen, da immer sofort ein Bus oder ein Taxi hinter einem steht. Absolut unmöglich jemandem noch zu helfen, das Gepäck in den Bahnhof zu tragen, da keine Haltemöglichkeiten mehr vorhanden. Im Bahnhof selbst - nun, das Chaos im Nahverkehr ist hinreichend bekannt. Es geht schon so weit, dass man dankbar sein muss, überhaupt irgendeinen Anschluss zu bekommen, von fahrplanmässigen wollen wir ja gar nicht reden. Und das bei immer weiter steigenden Preisen. Das künstliche Ereifern über die Montagsdemos ist schlichtweg lächerlich in Anbetracht dessen, was ausserhalb dieser einen Stunde an den restlichen 167 Stunden in der Woche passiert und zeugt von absoluter Ignoranz der Fakten. Selbstverständlich ist das ganze Chaos S21 geschuldet!

„Bekannt und brisant“: „Bekannt und brisant“ an dieser Situation ist der Fakt, das dieses Verkehrschaos mindetens 10 Jahre anhät und mit der Verlegungung des Bahnhofs in das Gleisvorfeld noch potenziert wird. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch die Baustelle 'Stuttgart 21' entsteht, wird nicht mehr zu beheben sein und müsste eigentlich in die Kostenkalkulation für das Projekt einfließen, um die Wirtschaftlichkeit des Gesamtvorhabens zu prüfen. Die Banalität dieses Scheiterns, das uns jetzt das nächste Jahrzehnt begleiten wird, entwirft ein ernüchterndes Bild von den verantwortlichen Entscheidungsträger.

Und jetzt noch ein Blick auf die Fernbusse: Mit einem Arbeitsplatz am Pragsattel fahre ich von Zeit zu Zeit die Heilbronner Straße Richtung Innenstadt. Immer öfter stehen kurz vor der Jägerstraße Fernbusse, die entweder auf der Fahrbahn stehen oder halb auf dem Gehweg parken (!) um ihre Passagiere auszuladen. Dieses Phänomen dürfte der aktuelle S21-Busbahnhof sein. Denn es ist nachvollziehbar, dass sich Reisende und Reiseveranstalter auf die Schippe genommen fühlen, wenn sie erfahren, dass der Omnibusbahnhof Stuttgarts a) zweigeteilt ist und b) es von dort aus bis zum Stadtzentrum noch schlappe 6 Kilometer (Zuffenhausen) bzw. 9 Kilometer (Obertürkheim) Strecke sind. Im März 2010 meldete die Stuttgarter Zeitung: 'Die Interimslösung ist auf maximal fünf Jahre befristet.' Die ersten zwei Jahre sind aber bald schon rum und bis heute arbeitet auf dem Gelände des Busbahnhofs NICHTS und das wird auch noch mindestens ein Jahr so bleiben. So passen die Planung und die Sicherheit der Zahlen bestens zu unseren Freunden von der DB - auch Zeitpläne sind ja meist 'nur Zahlen'.

Wahrnehmungsstörung und Wahnvorstellung: Bei der negativen Beurteilung der Verkehrssituation um den Hauptbahnhof als Folge von Stuttgart 21 handelt es sich um die Folgen einer Wahrnehmungsstörung. Schließlich handelt es sich um das bestgeplante Projekt aller Zeiten. Fragen Sie Herrn Drexler (SPD) oder Herrn Schmiedel (SPD) die sich in sorgsamer und verantwortungsvoller Weise mit dem Projekt befasst haben. Auch die Vorstellung dass letztendlich das Geld das Problem ist, entspringt einer Wahnvorstellung - fragen Sie Herrn Hauk (CDU), der wird sicher wieder deutlich machen, dass das Projekt S21 auch dann noch eine tolle Idee ist, wenn es 10 oder 15 Milliarden € verschlingt. Ach ja, Herr Hauk bemängelt dann sicher auch gleich, dass die Regierung sich verschulden muss. Um die Rechnung für 95% Haushaltspositionen zu bezahlen, welche die CDU in der Vergangenheit verursacht hat (darunter knapp 2 Milliarden Schuldzinsen!). Nein, wer diese Stimmungspolitiker für verlogen hält, leidet bestimmt gleichzeitig an Wahrnehmungsstörungen und Wahnvorstellungen - oder hat einfach mitgedacht :-( .

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