Stuttgart 21 Bundesamt hält Fildertrasse für grenzwertig

Von Jörg Nauke 

Die Prüfbehörde bezweifelt trotz eines Gutachtens der Uni Stuttgart die Leistung der S-Bahn-Station Flughafen und fordert eine Betriebssimulation.

An der Station Terminal unterm Flughafen sollen außer S-Bahnen künftig auch Regional- und Fernzüge halten.  Quelle: Unbekannt
An der Station Terminal unterm Flughafen sollen außer S-Bahnen künftig auch Regional- und Fernzüge halten. Quelle: Unbekannt

Stuttgart - Das Eisenbahnbundesamt (Eba) hat im Planfeststellungsverfahren Zweifel daran genährt, dass Stuttgart 21 auf den Fildern zeitnah realisiert werden kann. Fraglich sei auch, ob die S-Bahn-Station Flughafen samt Zu- und Abläufen den Ansprüchen in Sachen Leistungsfähigkeit genügen könne. Die Prüfung dauere noch an, so eine Behördensprecherin. Laut einem internen Eba-Papier, das der Stuttgarter Zeitung vorliegt, könnte der Halt am Flughafen zum Flaschenhals werden, weil es für Regional- und Fernverkehr - sowie für den S-Bahnverkehr - je nur einen wegen der nötigen Barrierefreiheit auf die Zughöhe angepassten Bahnsteig für beide Richtungen gibt.

In dem internen Papier hat das Eba eine Untersuchung des verkehrswissenschaftlichen Instituts der Uni Stuttgart zur Leistungsfähigkeit der Infrastruktur auf den Fildern kritisch kommentiert. Für den Halt unterm Flughafen hatte das Institut von Professor Ullrich Martin einen optimalen Leistungsbereich von elf bis 16 Zügen und einen maximalen von 18 Zügen pro Stunde errechnet. Die Prüfbehörde hält das maximale Betriebsprogramm in der Realität jedoch "auf keinen Fall fahr- und planbar". Was Martin als "optimal" bezeichnet hatte, sei aus Sicht der Prüfbehörde "extrem grenzwertig". Sie verlange deshalb eine Fahrplanstudie für die Abschnitte von Herrenberg und Filderstadt zum Hauptbahnhof. Zudem hält das Eba in seiner Stellungnahme das analytische Rechenmodell von Professor Martin für nicht geeignet, die komplexen Anforderungen an den Bahnverkehr auf den Fildern abzubilden. Es seien sämtliche Engpässe vor und hinter der S-Bahn-Station ausgeklammert.

Verschwörungstheorien forciert

Martin ist die Bewertung seiner Expertise durch das Eisenbahn-Bundesamt bis jetzt nicht bekannt. Eine nun aufziehende öffentliche Debatte über seine "internen fachlichen Untersuchungen zu spezifischen abgegrenzten Fragestellungen" sieht er kritisch. Er befürchtet, dass nun "wieder Verschwörungstheorien forciert werden, um bestimmte projektferne Ziele durchzusetzen". In der Leistungsuntersuchung zur Station Terminal habe er klären sollen, ob und unter welchen Bedingungen das veränderte Betriebsprogramm realisierbar sei. Dies sei "kritisch in verschiedenen Varianten untersucht" worden. Seine Ergebnisse seien "belastbar und aus meiner Sicht uneingeschränkt gültig". Er habe aus methodischen Gründen den S-Bahn-Stammtunnel zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen ausgeblendet, "da andernfalls die bekannten Engpässe in diesem Bereich maßgebend wären und somit das Untersuchungsergebnis verfälscht würde". Auch den Vorwurf, er habe die leistungsmindernden niveaugleichen Kreuzungen ignoriert, wies er als falsch zurück.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), der in der Geißler-Schlichtung die Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs so sehr genährt hatte, dass sich die Bahn zu einem Stresstest verpflichten musste, bezeichnet Martin ob dessen Expertise für die Terminal-Station als "Wiederholungstäter", der vorsätzlich eine viel zu hohe Leistungsfähigkeit ermittelt habe. "Das Eba wirft Martin vor, was wir in der Schlichtung über das Gutachten zur Leistungsfähigkeit des Tunnelbahnhofs dokumentiert haben: unzulässige Annahmen und fantasievolle Rechenergebnisse ohne Aussagekraft für die Realität." Palmer verlangt Aufklärung, wer ein Interesse daran habe, "die Eisenbahn auf diese Weise zu strangulieren und den Großraum Stuttgart seiner Entwicklungschancen zu berauben"?

Infrastruktur nicht ausgeschöpft

Die Bahn bezeichnete es dagegen als "üblichen Vorgang", dass das Eba "im Rahmen der Vollständigkeitsprüfung der eingereichten Planfeststellungsunterlagen Rückfragen" stelle. Dazu zähle auch die Bewertung der Leistungsfähigkeit in der Station Terminal. Die Bahn habe dafür auch das VWI beauftragt. Ergebnis sei, dass das geplante Betriebsprogramm in der Station Terminal gefahren werden könne. Die Infrastruktur zwischen Rohrer Kurve und Flughafen sei nicht ausgeschöpft; sie werde durch die zusätzlichen Gäubahnzüge "sinnvoll optimiert". Die Maßnahmen in der Station Terminal stellten eine störungsfreie Betriebsführung sicher. Die Bahn verweist zudem auf den Stresstest, der auch die Filder einbezieht. Unbeantwortet blieb, warum die Leistungsuntersuchung des VWI von 2008 nicht in der Schlichtung präsentiert wurde, wo "alle Fakten auf den Tisch" kommen sollten.

Das Gesamtprojekt bietet laut Ullrich Martin durchaus Optimierungen wie den kreuzungsfreien Ausbau der Rohrer Kurve, falls tatsächlich das Betriebsprogramm ausgedehnt werden sollte. Als "mittlere Katastrophe" hat der Exbahnbevollmächtigte Werner Klingberg die Alternative einer unterirdischen Schleife als Verbindung zwischen Rohrer Kurve und dem neuen Flughafenbahnhof bezeichnet, sollten die S-Bahn-Gleise und die Station Flughafen für die Züge der Gäubahn ausfallen.

In der Anhörung im Planverfahren wird die Antragstrasse mit Alternativen verglichen. Der Netzbetreiber darf nicht zu üppig bauen, muss aber seine Anlagen flexibel bemessen. Eine Strecke "allein für ein spezielles Zugprogramm oder für kleinräumige Veränderungen der Nachfragestruktur" zu bauen, wie das die Projektgegner für den Filderbereich befürchten, hat das Eba in anderen Fällen "für nicht angemessen" erachtet. Befremdend wirken in diesem Kontext Aussagen des neuen Bahnbevollmächtigten Eckart Fricke. So antwortete er bei einer Diskussion auf die Frage, ob die Neubaustrecke nach Ulm nicht sinnvoller übers Neckartal angeschlossen werden müsste als über den Flughafen: "Da kann ich Ihnen recht geben." Es sei aber der Wunsch der Landespolitik gewesen, "diesen komischen Schlenker" zu planen.

  Artikel teilen
95 KommentareKommentar schreiben

Martin-Zitat zur EBA-Bewertung seiner analytischen Expertise: >>"andernfalls wären die bekannten Engpässe in diesem Bereich (des S-Bahn-Stammtunnels) maßgebend und würden somit das Untersuchungsergebnis verfälschen"<< ____________________________________________________________________________________ Martin verschließt also nach wie vor seine Augen vor den ihn bekannt sein müssenden komplexen Zusammenhängen bezüglich der komplex wirkenden Infrastruktur unseres schon jetzt grenzwertig belasteten Stuttgarter Bahnknotens. Angeblich soll ja Stuttgart 21 geeignet sein, gerade auch unsere grenzwertig belastete Stammstrecke ausreichend zu entlasten. Es sollte darum auch und gerade für einen Herrn Martin nachvollziehbar sein, wenn das EBA nun verlangt, seine theoretische / leichtfertige Martinsche *Leistungs-Prognose-21* desgleichen auch bei Würdigung der tatsächlich komplex wirkenden Verhältnisse wasserdicht nachzuweisen. Martin dagegen beharrt weiter selbstschützerisch auf einen angeblich nur begrenzten Untersuchungs-Auftrag, welcher aber für die notwendige komplexe Betrachtung nicht geeignet- und somit irrelevant geworden ist. | q. e. d.

Engpässe für die Gäubahn: In dem Zeitungsartikel vom 12.03.11 geht es um den noch nicht genehmigten Planabschnitt PFA1.3 von S21 und dort insbesondere um die 'Fildertrasse' mit ihren Engpässen und Zwangspunkten - z.B. die Rohrer Kurve, die eingleisige Flughafen-Station 'Terminal' mit Fahrstrassenkreuzungen (im Regelbetrieb nur 1 Gleis für die S-Bahn und 1 Gleis für Gäubahn-Fernzüge und -Regionalzüge) sowie die Einfädelung der Gäubahnstrecke in die NBS Wendlingen-Stuttgart. Das EBA verlangt für diese spezielle Infrastruktur zurecht 'eine Fahrplanstudie für die Abschnitte von Herrenberg und Filderstadt zum Hauptbahnhof', u.a. deswegen weil das analytische Rechenmodell von Prof. U. Martin die Station 'Terminal' wohl isoliert betrachtet und daher 'sämtliche Engpässe vor und hinter der S-Bahn-Station ausgeklammert'. Das angewandte Rechenmodell sei 'zu allgemein, um die spezifische und grenzwertige Betriebssituation abzubilden'. Außerdem fordert das EBA 'eine Betriebs-Simulation' (Stresstest), die ebenfalls 'mindestens die Streckenabschnitte der Fahrplanstudie umfasst'. [http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-bahn-pruefer-korrigieren-mappus.1aa8f858-29cc-4fc8-825c-6fc9519d9f28.html] ~~~~~~~ Bei dem in der Schlichtung vereinbarten Stresstest geht es in erster Linie um den Leistungsnachweis für den gesamten geplanten Bahnknoten Stuttgart (S21) mit seinen 3 neuen Bahnhöfen: 8-gleisiger Hauptbahnhof, Flughafen-Fernbahnhof NBS und eben die Flughafen-Station 'Terminal' (Umbau der S-Bahnstation für Gäubahnzüge + S-Bahnen). Es muß nachgewiesen werden, dass der neue Stuttgarter Hauptbahnhof unter Berücksichtung der geplanten Infrastruktur (!) mit 49 Zügen in der Spitzenstunde gefahren werden kann, d.h. mit 30% mehr Zügen als heute, und zwar mit guter Betriebsqualität(Zugfolgen, Haltezeiten und Fahrzeiten). Der in der Schlichtung vorgelegte Fahrplan war nicht ausgereift und viel zu risikobehaftet. ~~~~~~ Es ist gut, daß die Öffentlichkeit durch die Medien zum Sachstand hinsichtlich der Prüfung der Planunterlagen informiert wird. Insofern ist das kein 'Lärm um nichts', zumal es bei der 'Gäubahn' immerhin um eine wichtige Verbindung von Stuttgart in die Schweiz geht. Jetzt wird langsam klarer, daß die Einbindung der Gäubahn in die bisherige Planung Schwierigkeiten macht. Auch scheint es, daß zu wenig an die Magistrale Berlin-Würzburg-Stuttgart-Zürich-Milano gedacht wurde ...

Oh Herr Ostermann, wie peinlich!: 'Es geht (insbesonders in Schwachlastzeiten) und wird im Störungsfalle offensichtlich auch genutzt, ...' Freilich geht's noch! Dümmer kann man sich wirklich nicht mehr aus der Affaire ziehen, Sie enttäuschen mich immer mehr. Und ausgerechnet Sie haben mich auf die Kapazität der Zulaufstrecken gebracht, die laut EBA S21 nicht fahrbar ist. Aber dazu habe ich mich ja schon anderswo geäußert. ... Also, Oben bleiben! Oben ist besser mit Kopf als unten ohne. Oben ist Leben, Licht und Sonnenschein, unten ist nur Langeweile, Dunkelheit und der Tod!

@Kein-Wunder .nicht nur S21 wäre betriebswirtschaftlich nicht haltbar ...: sondern auch, swenn sie ihre Aktivität als Einzelkämpfer vergeuden. Ich hatte bereits eine 'Einladung' in dem Artikel 'Über Pannen spricht man nicht' ausgesprochen, wurde aber darauf aufmerksam gemacht, dass sie entgegen meiner dort geäusserten Befürchtung auch bei S21 aktiv sind Daher noch einmal 'kurz und bündig' Über eine E-Mail an erwin.kober@arcor.de, oder alternativ 'intergalaktisch' an andromeda52@gmx.net würde ich (bzw. der Andromeda-Nebel) mich/ er sich ehrlich freuen..

Fernverkehr auf S-Bahn-Gleisen: Werter Herr Ostermann, soll ich es tatsächlich noch einmal erleben, dass wir einer Meinung sind? Wo ich es doch gerne 'einfach habe'? Sie schreiben 'Es geht (insbesonders in Schwachlastzeiten)...'. Insbesondere,aber nicht nur!! Frage war ja nicht WANN, sondern OB und da sind wir einer Meinung. aufgekratzte Grüße

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.