Stuttgart 21 Der Nebenjob endet Knall auf Fall
Andreas Müller, 30.11.2010 12:18 Uhr
Vielbeschäftigter Stadtplaner und Soziologe: Professor Richard Reschl. Foto: Steffen Honzera
Vielbeschäftigter Stadtplaner und Soziologe: Professor Richard Reschl. Foto: Steffen Honzera
Stuttgart - Im Internet hat es Richard Reschl dank Stuttgart 21 zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Schon mehr als 7000mal wurde auf Youtube » ein aktuell eingestelltes Filmchen angeklickt, das den heute 61-jährigen Professor der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg bei einem Auftritt im Jahr 1997 zeigt. Zu sehen ist der Stadtsoziologe und Architekt als Moderator einer Diskussion im Stuttgarter Rathaus, bei der es über das künftige Stadtquartier zwischen Bahnhof und Rosensteinpark gehen soll. Doch viele Teilnehmer empfinden diese Form der "Bürgerbeteiligung" als Farce: Sie wollen nicht über die architektonische Ausgestaltung reden, sondern grundsätzlich über Für und Wider des Tiefbahnhofs.

Genau das, zeigen die zusammengeschnittenen Sequenzen, versucht Reschl unter wachsendem Protest zu verhindern. Die "Spielregeln" seien eindeutig festgelegt, belehrt er die Zuhörer, es gehe nicht um ein Meinungsbild, "ob Stuttgart 21 gewollt wird oder nicht". Welchen Sinn aber, wird ihm aus dem Saal entgegengehalten, habe die Veranstaltung dann? Als der Unmut immer mehr hochkocht, behilft sich der Professor mit einem Kunstgriff: "Jetzt machen wir eine kurze Pause." "Nein, nein", schallt es ihm aus dem Publikum empört entgegen.

Reschl sieht sich zu Unrecht angeprangt


Heute, 13 Jahre später, ist Reschl wieder im Rahmen der Bürgerbeteiligung tätig. Er moderiert die Ende Oktober begonnene Veranstaltungsreihe "Rosenstein - wir gestalten unsere Stadt von morgen". Anders als 1997 ging es beim Auftakt im Rathaus überwiegend ruhig zu; die grundsätzliche Diskussion über das Projekt hat sich längst in andere Foren verlagert. In dem Internetvideo, auf das ihn seine Studenten aufmerksam machten, sieht sich der Experte derweil zu Unrecht angeprangert: Sein Auftrag sei es gewesen, zusammen mit den Bürgern Ideen für das neue Stadtviertel zu entwickeln. Er habe immer klargestellt, dass dies kein Ersatz für ein Bürgerbegehren oder einen Bürgerentscheid über Stuttgart 21 sein könne.

Neben dem Altersunterschied unterscheidet noch etwas den Moderator von 1997 von dem des Jahres 2010. Damals wurde er als Experte der Kommunalentwicklung Baden-Württemberg engagiert, diesmal als selbstständiger Berater. Dahinter verbirgt sich ein bemerkenswerter, öffentlich nahezu unbekannter Vorgang. Drei Jahrzehnte lang war Reschl eng mit der KE verbunden, die Kreise und Kommunen im Südwesten umfassend berät - so auch bei seinen Schwerpunkten, der Stadtentwicklung und der Wirtschaftsförderung. Dort begann er 1980 als Prokurist seine berufliche Laufbahn, dort blieb er nebenher als eng eingebundener "Berater" aktiv, als er 1989 hauptamtlich Professor in Ludwigsburg wurde. Es sei ihm immer wichtig gewesen, Wissenschaft, Lehre und Praxis zu verbinden, begründet er das doppelte Engagement.

Kommentare (2)
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NOV
30
Alfons Popp, 18:38 Uhr

Jeder kennt jeden

Die Geschichte kennt man, vorzugsweise aus Italien. Aber auch die schwäbische "Toskana" braucht sich nicht mehr zu verstecken: Jemand kennt jemanden, der jemanden kennt, von dem man dringend etwas braucht. Der zweite Jemand schuldet dem ersten Jemand noch einen Gefallen, denn er könnte den ersten Jemand irgendwann auch mal brauchen und stellt den Kontakt zum dritten Jemand her usw. In Italien nennt man so etwas "mafiöse Strukturen", in Schwaben "Maultaschen-Connection". Im konkreten Fall hat die Stadt Stuttgart offensichtlich "gute Erfahrungen" mit Jemandem gemacht und deswegen darf der immer wieder mal ran, wenn es was zu moderieren gibt, was vor allem bei "freier Vergabe" gut funktioniert...

NOV
30
twister, 14:00 Uhr

Real existierend

Zum diesem Artikel fällt mir nur folgendes ein: 1. Manche können den Kropf nicht voll genug bekommen 2. Die Maultaschen-Connection ist real existierend 3. Das S21-Geflecht ist sehr komplex, wird aber immer durchsichtiger StZ: "Die unabhängige Zeitung für Baden-Württemberg" Herr Andreas Müller beweist mit diesem Artikel wieder einmal, dass er diesen Anspruch bei seiner Arbeit berücksichtigt. Ich schätze seinen präzisen, sehr informativen und investigativen Journalismus sehr.