Stuttgart 21 Die Ästhetik zweier senkrechter Löcher

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Ein 16 Meter hoher Bau, Schwallbauwerk genannt, soll den Bahnhof entlüften. Anwohner beklagen sein Aussehen und fürchten, dass neben Luft auch Lärm entweicht.

Wo derzeit die Reste des Abgangs zur Haltestelle Staatsgalerie zerbröselt werden, soll das Schwallbauwerk entstehen. Foto: red
Wo derzeit die Reste des Abgangs zur Haltestelle Staatsgalerie zerbröselt werden, soll das Schwallbauwerk entstehen.Foto: red

S-Mitte - Gemessen an den Einlassungen der Kritiker, wird das Gebilde ähnlich ästhetisch anmuten wie sein Name klingt: Schwallbauwerk. Es besteht im Wesentlichen aus zwei ummauerten Löchern. Die Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-Plus schreibt ihm das Aussehen eines Bunkers zu. Die Anwohner fürchten nicht allein um das Stadtbild des Kernerviertels, sondern auch um einen Lärmschwall.

Die Bahn baut am Fuße des Wagenburgtunnels ein Haus, das in etwa aussehen wird wie eine senkrecht gestellte Dunstabzugshaube. Oder besser: will bauen, denn bisher ist diese Änderung in den Plänen für das Projekt Tiefbahnhof noch nicht genehmigt. Sie ist Teil des neuen Konzepts zum Brandschutz, den der Projektträger zum „Entrauchungsmanagement“ umtaufte.

Die Vorteile des Vorhabens für den Fall eines Feuers bestreitet niemand, auch nicht Frank Schweizer, der Sprecher der S 21-kritischen Anwohner des Netzwerks Kernerviertel. „Das ist ein Fortschritt“, sagt er – mit Ausnahme eben jenes Schwallbauwerkes. Seinetwegen hat die Anwohnergemeinschaft einen Beschwerdebrief mit Fragen und Forderungen ans Eisenbahnbundesamt geschrieben. Es ist nicht das einzige kritische Schreiben zum Bau.

Der Bau ist 16 Meter hoch und etwa ebenso breite

Das Schwallbauwerk soll an der Stelle entstehen, an der derzeit mit Schlaghämmern ausgerüstete Bagger die Reste des früheren Abgangs in die Haltestelle Staatsgalerie zerbröseln, verborgen hinter einer zehn Meter hohen Lärmschutzmauer, die die Ohren von Anwohnern vor dem Gröbsten schützen soll. Die Ausmaße des Baus erreichen etwa die eines fünfgeschossigen Hauses. Es ist 16 Meter hoch, etwa ebenso breit und belegt ein rund 2000 Quadratmeter großes Grundstück. Ein Wohnhaus musste ihm bereits weichen.

Seine zur Willy-Brandt-Straße ausgerichtete Front wird von zwei je 100 Quadratmeter großen Öffnungen geprägt. Sie sind das Ende zweier Luftkanäle, die hinab in den Tiefbahnhof führen. Alltäglicher Sinn der Konstruktion ist, den Luftschwall ins Freie zu entlassen, den einfahrende Züge in die Bahnhofshalle schieben. Im Brandfall sollen vier monumentale Ventilatoren Luft in den Tiefbahnhof pressen, damit der Rauch über die Lichtaugen auf dem Straßburger Platz entweicht.

Wie die Gemeinschaft SÖS-Linke-Plus über die Anlage urteilt, bleibt schon in der Überschrift eines Antrags zweifelsfrei: „Stadtverschandelung und gravierende Sicherheitsmängel“. Auch Schweizer schaut verdrießlich in die Baugrube. „An das eine oder andere hässliche Bauwerk gewöhnt man sich“, sagt er, „an manche nicht.“

Die Anwohner bewegt aber weniger die Optik, sie fürchten um ihre Ruhe. Die Luftkompressoren erzeugen unter Volllast einen Schallpegel, der dem eines Düsentriebwerk in nächster Nähe entspricht und weit über der Schmerzgrenze liegt. „Wenn es laut wird“, sagt Frank Schweizer, „stört es auch jemanden ohne jedes ästhetische Empfinden“.

Einem Bahn-Gutachten folgt das Gegengutachten

In einem Gutachten im Auftrag der Bahn ist niedergeschrieben, dass der Schalldruck mittels Dämmung unter die gesetzlich erlaubte Grenze gedrückt wird. Aber auf Expertisen folgen Gegenexpertisen. In diesem Fall eine, die von Hans Heydemann stammt, einem Mitglied der Ingenieure 22. Er kommt zu dem Schluss, dass der Bahn-Gutachter mehrfach falsch rechnete und seine Arbeit untauglich sei. Tatsächlich sei der Lärm unzumutbar.

Acht Kritikpunkte am Lärmgutachten hat das Netzwerk in seinem Schreiben aufgelistet. Letztlich geht es den Anwohnern darum, welcher der gesetzlichen Grenzwerte zugrunde gelegt werden sollte. Das ist ein anderer als der des Bahn-Gutachters. „Wir haben den Eindruck, dass das Gutachten sehr auf den Projektträger abgestimmt ist“, sagt Schweizer.

Die Ventilatoren laufen nicht nur im Ernstfall, also während eines Brandes. Sie müssen auch zu Wartungszwecken in Gang gesetzt werden. Hinzu kommen Geräusche ein- und ausfahrender Züge. Obendrauf kommt der Argwohn der Projektgegner. Die Belüftung des Bahnhofs soll ohne mechanische Hilfe erfolgen. „Was aber, wenn die nicht funktioniert?“, fragt Schweizer, „dann laufen die Ventilatoren womöglich ständig unter Teillast“. Das allerdings, so sagt er es selbst, „ist reine Spekulation“.

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